Wie ein Chi­ne­se im Por­zel­lan­la­den

Im­mer stär­ker in­ves­tie­ren Fir­men aus Chi­na in an­de­ren Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern. Aber die Wi­der­stän­de wach­sen – ob in Afri­ka, Ka­sachs­tan oder Ni­ca­ra­gua. Oft sind die Ur­sa­che rü­de Sit­ten. Zu­wei­len auch nur Res­sen­ti­ments.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON KARL GAULHOFER

Jetzt ist es vor­bei mit Ru­he und in­ne­rer Ein­kehr. Die Mön­che auf dem Hü­gel ha­ben das Nach­se­hen. Seit ei­ni­gen Wo­chen he­ben Bag­ger ei­ne Bau­gru­be aus und über­tö­nen ih­re re­li­giö­sen Ge­sän­ge. Fo­ton, der größ­te Her­stel­ler von Lkw aus Chi­na, er­rich­tet na­he der west­in­di­schen Stadt Pu­ne ei­ne gro­ße Fa­b­rik mit­samt In­dus­trie­park für Zu­lie­fe­rer – just am Fu­ße ei­nes hei­li­gen Ber­ges der Hin­dus, auf dem seit 2000 Jah­ren Ere­mi­ten in Höh­len le­ben und zu dem an Fei­er­ta­gen Tau­sen­de Gläu­bi­ge pil­gern. Der Kampf der Kul­tu­ren war al­so pro­gram­miert.

Pil­ger, die kei­nen Platz mehr für ih­re Zel­te fin­den, tram­peln die St­a­chel­draht­zäu­ne um das Ge­län­de nie­der. Die Mön­che kla­gen über ver­lo­re­ne Spi­ri­tua­li­tät. Die „New York Ti­mes“ätz­te in ei­ner Re­por­ta­ge, der chi­ne­si­sche Chef von Fo­ton In­dia ha­be den Ort we­gen sei­ner Feng-Shui-Taug­lich­keit ge­wählt: vorn ein Fluss, hin­ten ein Berg. Doch Ed­ward Xu be­teu­ert: Es sei der ein­zi­ge Platz ge­we­sen, den ihm die Pro­vinz­re­gie­rung an­ge­bo­ten ha­be. Xu will sein Image in In­di­en ret­ten. Er be­sich­tig­te den Tem­pel auf dem Gip­fel, be­te­te vor Ort, ver­spricht nun ei­ne Fuß­gän­ger­un­ter­füh­rung für from­me Be­su­cher.

Sel­ten ge­hen In­ves­to­ren aus Chi­na so rück­sichts­voll mit den Ein­hei­mi­schen um, wenn sie ihr Geld in an­de­re Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­der tra­gen. Die Ab­schwä­chung des Wachs­tums auf dem Heim­markt treibt sie noch stär­ker ins Aus­land. Aber es fehlt ih­nen die Er­fah­rung im Um­gang mit frem­den Kul­tu­ren. Zu Hau­se kön­nen sie mit dem Sank­tus der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei ih­ren Bull­do­zern frei­en Lauf las­sen und müs­sen kei­ne Ge­werk­schaf­ten fürch­ten. Dass sie auch in der Fer­ne ent­spre­chend agie­ren, weckt im­mer mehr Wi­der­stän­de – was vie­le nicht er­war­tet ha­ben. Denn über Jah­re wa­ren chi­ne­si­sche Fir­men vor al­lem in Afri­ka oft be­lieb­ter als west­li­che In­ves­to­ren. Ein Au­to­krat knickt ein. Vor al­lem wenn die Welt­bank mit­fi­nan­ziert, müs­sen sich Po­li­ti­ker des Emp­fän­ger­lan­des wohl ver­hal­ten. Sol­che Skru­pel kennt man in Pe­king kaum. Der prag­ma­ti­sche An­satz: Chi­na darf Mi­nen und Öl­fel­der er­schlie­ßen und baut da­für Stra­ßen, Hä­fen und Flug­plät­ze. Das sorgt für ra­sche­res Wachs­tum. Aber im­mer öf­ter sieht man die Chi­ne­sen als Aus­beu­ter und In­va­so­ren. Nicht sel­ten ste­cken da­hin­ter auch Res­sen­ti­ments, die Po­li­ti­ker der Op­po­si­ti­on gern be­die­nen.

Am lau­tes­ten äu­ßer­te sich der Arg­wohn aber zu­letzt in ei­nem Land, das kei­ne Op­po­si­ti­on kennt und in dem öf­fent­li­cher Un­mut sehr sel­ten ist: im au­to­ri­tä­ren Ka­sachs­tan. Tau­sen­de Ka­sa­chen gin­gen im April wo­chen­lang ge­gen ei­ne Re­form des Im­mo­bi­li­en­rechts auf die Stra­ße. Sie soll es Aus­län­dern er­mög­li­chen, Grund­stü­cke für 25 Jah­re statt wie bis­her nur für zehn Jah­re zu pach­ten. Vie­le sind be­sorgt, dass die­se Re­ge­lung an­ge­sichts der vie­len kor­rup­ten Be­am­ten im Land de fac­to auf ei­nen Ver­kauf hin­aus­lau­fen wird. Da­bei fürch­ten sie vor al­lem den Aus­ver­kauf an den gro­ßen Nach­barn Chi­na, der bei Roh­stoff­abbau und In­fra­struk­tur als wich­tigs­ter Geld­ge­ber schon viel­fach das Sa­gen hat. So hef­tig wa­ren die Pro­tes­te, dass Prä­si­dent Nur­sul­tan Nasar­ba­jew An­fang Mai ein­lenk­te, die Re­form aus­setz­te und sei­nen Wirt­schafts­mi­nis­ter als Bau­ern­op­fer feu­er­te.

Was das Miss­trau­en schürt, sind in­trans­pa­ren­te Ei­gen­tums­ver­hält­nis­se: Steckt hin­ter pri­va­ten In­ves­to­ren der Staat? Wel­che Ab­sich­ten ver­folgt Pe­king da­bei? Sol­che Fra­gen be­we­gen be­son­ders die Men­schen in Ni­ca­ra­gua.

Pro­zent

der Jobs, die chi­ne­si­sche Fir­men in Afri­ka schaf­fen, ge­hen an Ein­hei­mi­sche.

Ar­bei­ter

wur­den 2010 in Sam­bia ver­letzt, als Ma­na­ger ei­ner chi­ne­si­schen Mi­ne auf Strei­ken­de schos­sen. Dort plant ein Mil­li­ar­där aus Chi­na ei­nen Ka­nal zwi­schen Pa­zi­fik und ka­ri­bi­scher See: drei­mal so lang und dop­pelt so tief wie beim Nach­barn Pa­na­ma, um auch Me­ga­s­chif­fen die Pas­sa­ge zu er­mög­li­chen. Die größ­te Erd­be­we­gung der Ge­schich­te ist ein al­ter Traum, von dem sich das mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Land mehr Wachs­tum und Wohl­stand er­hofft. Doch noch nie schien er so kon­kret wie durch das Jo­int Ven­ture mit Wang Jing.

Mit dem Hoff­nungs­trä­ger schloss Prä­si­dent Da­ni­el Or­te­ga, der frü­he­re Gue­ril­la­kämp­fer, ei­ne groß­zü­gi­ge Ver­ein­ba­rung: Der In­ves­tor darf die Be­sit­zer der im Weg lie­gen­den Grund­stü­cke mit fünf Pro­zent ih­res Markt­wer­tes ab­spei­sen. Wer (wie vie­le Bau­ern) kei­ne Do­ku­men­te vor­wei­sen kann, wird rund­weg ent­eig­net. Da­ge­gen or­ga­ni­siert sich der Pro­test, un­ter­stützt von Um­welt­schüt­zern und Öko­no­men, die ei­ne Fehl­in­ves­ti­ti­on wit­tern. „Hau ab, Chi­ne­se!“ist an vie­len Haus­wän­den zu le­sen – und das, ob­wohl Wangs Hong­kon­ger Fir­ma ver­spricht, den Grund frei­wil­lig zu Markt­prei­sen ab­zu­kau­fen.

Zu­letzt ist es aber ver­däch­tig ru­hig um das Pro­jekt ge­wor­den. Die En­de 2014 be­gon­ne­nen Bau­ar­bei­ten sto­cken. Wang soll ei­nen Groß­teil sei­nes Ver­mö­gens ver­lo­ren ha­ben. Wo­mit sich die Fra­ge stellt, ob Pe­king mit feh­len­den Mil­li­ar­den ein­springt. Oder trotz De­men­ti von An­fang an da­hin­ter stand – aus geo­po­li­ti­schem In­ter­es­se. Das Rin­gen um den Damm. Auch die Bur­me­sen trau­en dem lo­cken­den Ka­pi­tal aus Chi­na nicht so recht über den Weg. In Bur­ma plant Chi­na ei­nes der welt­größ­ten Was­ser­kraft­wer­ke. Aber für wen ist der Strom? Der De­al, noch mit der al­ten Mi­li­tär­re­gie­rung ge­schlos­sen: Bur­ma be­kommt zehn Pro­zent der Pro­duk­ti­on gra­tis, für wei­te­re Men­gen gibt es ein Vor­kaufs­recht zum fi­xier­ten Preis. Der My­it­so­ne-Damm wird na­he der chi­ne­si­schen Gren­ze lie­gen. Die Ge­gend ist bit­ter­arm, vie­le ha­ben nicht ein­mal ei­nen Strom­an­schluss. Das chi­ne­si­sche Pro-Kopf-Ein­kom­men ist fast acht­mal so hoch. Die Er­war­tung ist: Der Damm nützt Chi­na und ge­fähr­det Bur­ma.

Denn er liegt in ei­ner Erd­be­ben­zo­ne. Soll­te er bre­chen, könn­te er Städ­te über­flu­ten und das Le­ben Hun­dert­tau­sen­der Men­schen ge­fähr­den. Aber die Jun­ta wur­de da­mit reich, den Chi­ne­sen ent­ge­gen­zu­kom­men. Auch des­halb kämpf­te Frie­dens­no­bel­preis­trä­ge­rin Aung San Suu Kyi ge­gen das Pro­jekt. Seit April ist sie selbst an der Macht – und kann den mäch­ti­gen Nach­barn nicht vor den Kopf sto­ßen. Das Pro­jekt soll jetzt „über­dacht“wer­den. Der mög­li­che Kom­pro­miss: zwei klei­ne­re Kraft­wer­ke au­ßer­halb der Be­ben­zo­ne.

Weit düs­te­re­re Er­fah­run­gen mit den wirt­schaft­li­chen „Ko­lo­ni­al­her­ren“ha­ben vie­le Afri­ka­ner ge­macht. Vor al­lem in Sam­bia: Das süd­afri­ka­ni­sche Land ist reich an Kup­fer, Koh­le und Öl. Die gro­ßen Mi­nen sind in chi­ne­si­scher Hand. Die Si­cher­heits­vor­keh­run­gen sei­en viel zu lax, be­klagt Hu­man Rights Watch. Der schlimms­te Vor­fall: 2005 star­ben bei ei­ner Ex­plo­si­on 46 sam­bi­sche Ar­bei­ter. Um Kri­tik zu er­sti­cken, wur­den Ge­werk­schaf­ter auch schon mit „Stu­di­en­rei­sen“zu „Mas­sa­ge­sa­lons“in Chi­na be­sto­chen. Den­noch kommt es im­mer wie­der zu Pro­tes­ten ge­gen zu nied­ri­gen Lohn und ge­fähr­li­che Ar­beits­be­din­gun­gen.

In der Col­lum-Koh­le­mi­ne schos­sen chi­ne­si­sche Ma­na­ger 2010 in die strei­ken­de Men­ge und ver­letz­ten 13 Per­so­nen. Zwei Jah­re spä­ter brach­te die auf­ge­brach­te Be­leg­schaft ei­nen Vor­ar­bei­ter um. Die sam­bi­sche Re­gie­rung sperr­te dar­auf­hin die Mi­ne. Vor ei­nem Jahr aber gab sie den fünf Xu-Brü­dern ih­re Li­zenz zu­rück, nach­dem die­se Si­cher­heits- und Um­welt­auf­la­gen zu­ge­stimmt hat­ten. Oh­ne Chi­ne­sen, so scheint es, geht es nicht. Se­gen und Fal­le für Afri­ka. Frei­lich: Sam­bi­as Mi­nen sind Ex­trem­fäl­le. Vie­le Vor­wür­fe zu Lan­d­raub und Aus­beu­tung durch chi­ne­si­sche In­ves­to­ren in Afri­ka sind po­li­tisch zu­ge­spitzt. So er­wer­ben Chi­ne­sen meist nicht den roh­stoff­rei­chen Grund, son­dern nur be­fris­te­te Li­zen­zen. Auch das hart­nä­cki­ge Ge­rücht, dass sie kaum lo­ka­le Jobs schaf­fen, ist durch Stu­di­en wi­der­legt. Es wä­re auch zu teu­er, ei­ge­ne Ar­bei­ter zu im­por­tie­ren. Wo Chi­ne­sen und Afri­ka­ner tat­säch­lich ne­ben­ein­an­der ar- bei­ten, führt das zu kul­tu­rel­len Ir­ri­ta­tio­nen: Die Frem­den sind so em­sig, dass die Ein­hei­mi­schen oft glau­ben, es hand­le sich um Zwangs­ar­bei­ter aus Chi­nas Ge­fäng­nis­sen.

Den­noch be­rei­tet die „In­va­si­on“volks­wirt­schaft­lich be­rech­tig­te Sor­gen. Denn die Sied­ler aus dem Reich der Mit­te tre­ten auch als Händ­ler oder Pro­du­zen­ten von bil­li­gen Tex­ti­li­en und an­de­ren Kon­sum­gü­tern auf – oft mit weit grö­ße­rem Er­folg als die hei­mi­sche Kon­kur­renz. Ei­ne Fal­le für afri­ka­ni­sche Län­der: Der Ver­fall der Roh­stoff­prei­se hat ih­nen ge­zeigt, wie ge­fähr­lich es ist, nur vom Ex­port na­tür­li­cher Reich­tü­mer zu le­ben. Doch man­che Ver­su­che, ih­re Wirt­schaft brei­ter auf­zu­stel­len, wer­den durch den Elan der Klein­un­ter­neh­mer aus Chi­na zu­nich­te­ge­macht. Frei­lich: Die Gren­ze zwi­schen Sor­ge und Pro­tek­tio­nis­mus ist hier flie­ßend.

Aber auch die chi­ne­si­schen In­ves­to­ren müs­sen Lehr­geld zah­len. Dass sie un­be­küm­mert auch mit sehr zwei­fel­haf­ten Re­gi­men Ge­schäf­te ma­chen (wie et­wa in An­go­la) und oft we­nig Skru­pel zei­gen, Po­li­ti­ker und Be­am­te zu schmie­ren, hat ih­nen ra­schen Zu­gang zu neu­en Märk­ten ver­schafft. Aber der Er­folg bleibt aus, wenn die Ge­gen­sei­te ih­re Ver­spre­chen nicht ein­hält: Zu­fahrts­stra­ßen bau­en, Strom lie­fern und die Rech­te für Land ver­ge­ben, das dem Staat wirk­lich ge­hört. Was zu ei­ner ver­söhn­li­chen Po­in­te führt: Im­mer öf­ter schla­gen chi­ne­si­sche In­ves­to­ren „west­li­che“Pfa­de ein. Sie for­dern von afri­ka­ni­schen Re­gie­run­gen kor­rek­tes Ver­hal­ten – und ler­nen, in ih­ren Fir­men als Vor­bild vor­an­zu­ge­hen.

Die Ka­sa­chen pro­tes­tier­ten er­folg­reich ge­gen ei­nen »Aus­ver­kauf« ih­res Lan­des. Ein zwei­ter Pa­na­ma-Ka­nal: Steckt Pe­king hin­ter dem pri­va­ten Mil­li­ar­den­pro­jekt?

Bloom­berg

Aus­beu­ter oder Wohl­tä­ter? Über die Rol­le chi­ne­si­scher Fir­men in Afri­ka schei­den sich die Geis­ter.

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