Den Pelz im Blut

Im Frei­haus­vier­tel, einst Wir­kungs­stät­te Hun­der­ter Pelz­pro­du­zen­ten, hält Kür­sch­ner­meis­ter Jo­hann Jou­ja die Stel­lung. Von ei­nem, der die Zei­chen der Zeit er­kann­te, sich an­pass­te – und den­noch am liebs­ten von den gol­de­nen Ta­gen der Zunft er­zählt.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON AN­TO­NIA LÖFFLER

Ein brau­ner Nerz ist ein brau­ner Nerz ist ein brau­ner Nerz. Wenn es nach Jo­hann Jou­ja geht, gilt Ger­tru­de Steins oft be­müh­ter Satz in die­ser Ab­wand­lung nicht. „Nein, es gibt Hun­der­te brau­ne Ner­ze“, be­tont der Wie­ner Kür­sch­ner­meis­ter. (St­ein dürf­te es ihm dan­ken.)

Jou­ja und sein klei­nes Ge­schäfts­lo­kal mit der gol­de­nen Tür­klin­gel im Wied­ner Frei­haus­vier­tel ver­bin­det ei­ne lan­ge Ge­schich­te mit of­fe­nem En­de. 1969 be­gann der heu­te 65-Jäh­ri­ge sei­ne Leh­re bei Kür­sch­ner­meis­ter Paul Grosz in eben je­ner klei­nen Werk­statt hin­ter dem Ver­kaufs­raum, in dem er heu­te emp­fängt. Ein gro­ßer frei­ste­hen­der Ka­chel­ofen be­heizt heu­te wie da­mals den Raum. Die glä­ser­ne De­cke sorgt für Ta­ges­licht. Der al­te, aus­ge­tre­te­ne St­ein­fuß­bo­den und die schö­nen, von den Jah­ren ge­zeich­ne­ten Werk­ti­sche, Bän­ke und Kom­mo­den er­zäh­len von der ar­beit­sa­men Ver­gan­gen­heit. Klei­der­pup­pen, Pelz­näh­ma­schi­nen, halb fer­ti­ge Män­tel, Sto­len, Ja­cken und Hü­te be­le­gen die frei­en Ecken. „Ich war wahr­schein­lich der schlech­tes­te Lehr­ling“, er­in­nert sich Jou­ja an sei­ne ers­te Zeit in Grosz’ Werk­statt. Er, der ei­gent­lich am liebs­ten Fo­to­graf oder Ra­dio­tech­ni­ker ge­wor­den wä­re, der win­ters hin­ter dem gro­ßen Ka­chel­ofen eind­ös­te und nach­mit­tags lie­ber And­re´ Hel­ler in der Ö3-Mu­si­cbox hör­te, als ru­hig an sei­ner Pelz­müt­ze wei­ter­zu­ar­bei­ten.

Schon der Va­ter be­saß ei­ne Ger­be­rei in Atz­gers­dorf am Ran­de Wi­ens und ein Kür­sch­ne­rate­lier am Wäh­rin­ger Gür­tel. Die Mut­ter, ei­ne ge­lern­te Schnei­de­rin, ar­bei­te­te als Ver­käu­fe­rin bei Grosz, der auch ei­nen Pelz­groß­han­del auf der Land­stra­ße be­trieb. Der Pelz lag dem­nach – trotz al­ler Tech­ni­kaf­fi­ni­tät – wohl in den Ge­nen.

Nur ein ein­zi­ger Lehr­ling wird der­zeit zum Kür­sch­ner aus­ge­bil­det.

Die Welt von ges­tern. Jou­ja er­zählt gern von frü­he­ren Zei­ten – bes­se­ren Zei­ten für die pelz­ver­ar­bei­ten­de Bran­che, lan­ge be­vor Da­men in fei­nen Nerz­män­teln von Um­welt­ak­ti­vis­ten mit Farb­ei­mern at­ta­ckiert wur­den. In den Sieb­zi­gern hät­te es im Frei­haus­vier­tel, ei­nem Bal­lungs­zen­trum der Bran­che seit den Habs­bur­ger­ta­gen, um die 450 Kür­sch­ner ge­ge­ben. Im Um­kreis von nur hun­dert Me­tern um sein klei­nes Ge­schäft la­gen da­von al­lei­ne 17, er­in­nert er sich. Heu­te sind es laut der Mit­glie­der­sta­tis­tik der Wirt­schafts­kam­mer 39 in Wi­en, 79 in ganz Ös­ter­reich – Ten­denz sin­kend. Zehn der Wie­ner Meis­ter stün­den noch ak­tiv in ih­ren Werk­stät­ten. Der Rest war­tet auf die Pen­si­on oder be­treibt le­dig­lich noch ei­ne Bou­tique mit zu­ge­kauf­ten Män­teln, so die Schät­zung Jou­jas. Frü­her ein re­bel­li­scher Schü­ler, ist er heu­te selbst als Lehr­lings­aus­bild­ner in der In­nung tä­tig und kennt sie in- wie aus­wen­dig.

Re­bel­li­sche Schü­ler – Schü­ler ge­ne­rell – sind heu­te Man­gel­wa­re. In der ak­tu­el­len Lehr­lings­sta­tis­tik der Kam­mer prangt ei­ne ein­sa­me 1. Das be­deu­tet: Ein ein­zel­ner Lehr­ling wird der­zeit in Ös­ter­reich zum Kür­sch­ner aus­ge­bil­det. We­nig ver­wun­der­lich, dass sich die Be­rufs­grup­pe ir­gend­wann nicht mehr durch­set­zen konn­te und ih­re Aus­bil­dung in dem Zweig der Be­klei­dungs­tech­ni­ker­leh­re auf­ging, in dem die Schnei­der deut­lich in der Über­zahl sind. „Wir ha­ben im­mer ge­sagt, wir ge­hö­ren nicht zu ih­nen“, be­tont Jou­ja – schließ­lich ar­bei­te man nicht mit Bü­gel­au­to­ma­ten, Sche­ren oder Stepp­ma­schi­nen. Sol­che Ar­gu­men­te zo­gen an­ge­sichts des aus­blei­ben­den Nach­wuch­ses ir­gend­wann nicht mehr.

Die Jun­gen wüss­ten nicht, was ein Kür­sch­ner über­haupt ist, noch könn- ten sie et­was mit Pel­zen an­fan­gen, kon­sta­tiert der 65-Jäh­ri­ge. Säu­re- und Far­bat­ta­cken von wü­ten­den Ak­ti­vis­ten hät­ten das Schrump­fen des Hand­werks in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zu­sätz­lich be­schleu­nigt. Vie­le ta­len­tier­te Kür­sch­ner aus sei­nem Be­kann­ten­kreis wä­ren in die Pen­si­on oder in an­de­re, we­ni­ger boy­kot­tier­te Be­ru­fe ge­flo­hen. Dem nach­las­sen­den In­ter­es­se und Wis­sen steht ei­ne Flut von Per­sia­nern, Ner­zen, Bi­ber- und Ka­nin­chen­fell­män­teln ge­gen­über, die mit dem Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel auf den Markt kom­men. Zwei Mil­lio­nen un­ge­lieb­te Erb­stü­cke aus den groß­müt­ter­li­chen Klei­der­käs­ten fän­den so ge­ra­de ih­ren Weg zu­rück zu Pelz­welt­han­dels­zen­tren wie in Frank­furt am Main, zi­tiert Jou­ja ei­ne deut­sche Stu­die. Ver­bringt man ei­ne vor­mit­täg­li­che St­un­de im Wied­ner Ate­lier mit der gol­de­nen Klin­gel, weiß man, wo­von er spricht. Zwei­mal läu­tet das Te­le­fon. Zwei­mal sind es Kun­din­nen, die nach­fra­gen, ob Jou­ja In­ter­es­se am Er­werb ei­nes gut er­hal­te­nen, al­ten Man­tels hät­te. Die Ant­wort ist im­mer die­sel­be – im­mer sehr zu­vor­kom­mend, aber et­was mü­de: „Brin­gen Sie ihn bit­te her, ich se­he ihn mir an.“

Wie oft Kun­den neue Krea­tio­nen in Auf­trag ge­ben wür­den? „Sel­ten, sehr sel­ten“, ist Jou­ja ehr­lich. Al­ler­dings kann er sie oft da­von über­zeu­gen, das schö­ne Ma­te­ri­al als In­nen­fut­ter für den Win­ter­man­tel zu ver­wen­den oder zu ei­ner De­cke, ei­nem Jäck­chen oder Ca­pe um­schnei­dern zu las­sen. Um das La­ger zu ent­las­ten, kommt der Rest der pri­va­ten Schät­ze zu Be­ginn je­der Ad­vent­zeit, be­vor der Schmuck und das La­met­ta auf den frei­en La­den­flä­chen re­gie­ren, zum Ver­kauf. Ein ge­brauch­ter, gut er­hal­te­ner Nerz, der einst 6000 Eu­ro kos­te­te, fin­det dann für rund 100 ei­nen neu­en Be­sit­zer. Und Jou­ja, der die Kom­mis­si­ons­ar­beit über­nimmt, freut sich über den frei ge­wor­de­nen Platz in sei­nem La­ger.

Zwei Mil­lio­nen un­ge­lieb­te Erb­stü­cke lan­den in Pelz­welt­han­dels­zen­tren.

Ein pel­zi­ger Him­mel. Jetzt im Mai, nach dem Win­ter, quillt es über vor noch un­be­ar­bei­te­ten Tier­fel­len und Män­teln, die ihm die Kund­schaft über den Som­mer zur Ver­wah­rung an­ver­traut. „Jetzt ist Auf­be­wah­rungs­zeit“, sagt Jou­ja und öff­net die Tü­re zum Herz­stück des La­dens. Hier hän­gen sie wie die schla­fen­den Tie­re. Die Schwän­ze und Hin­ter­pfo­ten der Rot­füch­se bil­den ei­ne schim­mern­de Fell­de­cke. Sie ver­deckt den Blick auf die ei­gent­li­che me­ter­ho­he St­ein­de­cke. Der ge­drun­ge­ne Luf­t­raum zwi­schen Tier und Mensch er­weckt in Kom­bi­na­ti­on mit den Rei­hen der dicht be­häng­ten Klei­der­stän­der das Ge­fühl, als wür­de man durch ei­ne

Mi­che­le Pau­ty

Bei­na­he ein hal­bes Jahr­hun­dert ver­bin­den Jo­hann Jou­ja und sei­ne Werk­statt auf der Wie­ner Wie­den.

Pau­ty

Jo­hann Jou­ja bei der Ar­beit. Mit dem Kür­sch­ner­mes­ser schnei­det er ein Fell zu.

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