ORTSKUNDE

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt -

Die Werk­statt von Kür­sch­ner­meis­ter Jo­hann Jou­ja fin­det sich in der

Mar­ga­re­ten­stra­ße Nr. 5.

Nach ei­nem Druck auf die gol­de­ne Klin­gel rechts vom Ein­gang öff­net ei­nem der Chef per­sön­lich. Jou­ja, ei­ner der letz­ten 39 ak­ti­ven Kür­sch­ner Wi­ens, ab­sol­vier­te in der klei­nen Werk­statt in den 60ern und 70ern schon sei­ne Lehr­zeit. 1999 kam er über Um­we­ge zu­rück an die Wie­den. Seit da­mals kann man bei ihm Kür­sch­ner­ar­bei­ten al­ler Art in Auf­trag ge­ben: Maß­an­fer­ti­gun­gen, Re­pa­ra­tu­ren, Um­ar­bei­tun­gen so­wie Ver­wah­rung und Rei­ni­gung der Pel­ze. Mi­schung aus groß­müt­ter­li­chem Klei­der­schrank, Jagd­hüt­te und Ko­s­tüm­fun­dus wan­deln.

Jou­jas Mut­ter, mitt­ler­wei­le 92 Jah­re alt, kommt je­den Nach­mit­tag ins Ge­schäft. Jetzt, in der „Auf­be­wah­rungs­zeit“, sei sie die Haupt­ver­ant­wort­li­che für das Aus­bürs­ten, Ver­stau­en und Aus­bes­sern der ab­ge­ge­be­nen Win­ter­män­tel, be­rich­tet er, ganz of­fen­sicht­lich stolz auf ih­re Fit­ness. Ab­ge­se­hen von sei­ner Mut­ter, die zum Zeit­ver­treib wei­ter­ar­bei­tet, be­schäf­tigt der Kür­sch­ner nur noch ei­ne Schnei­de­rin halb­tags. Er ha­be die Kon­se­quen­zen aus dem Rück­gang des Ge­schäfts ge­zo­gen. Als die Auf­trags­la­ge dün­ner wur­de, muss­te er sei­ne sechs Mit­ar­bei­ter nach und nach ab­bau­en. Er woll­te es an­ders ma­chen als sein Va­ter, der nie Frei­zeit hat­te. „Er hat im Som­mer für sei­ne Mit­ar­bei­ter ge­ar­bei­tet.“

Jo­hann Jou­ja und sei­ne de­zi­mier­te Trup­pe war nicht im­mer im Frei­haus­vier­tel zu fin­den. Zwi­schen dem Be­ginn sei­ner Lehr­zeit bei Paul Grosz und sei­ner Rück­kehr in die Mar­ga­re­ten­stra­ße Num­mer 5 lie­gen 30 Jah­re. In die­sen ar­bei­te­te Jou­ja zu­erst in ei­ner grö­ße­ren, in­ter­na­tio­nal ex­por­tie­ren­den

»Mein Va­ter hat im Som­mer für sei­ne Mit­ar­bei­ter ge­ar­bei­tet.«

Werk­statt auf der Ler­chen­fel­der Stra­ße, spä­ter in sei­nem ei­ge­nen Ge­schäft na­he dem Süd­bahn­hof. Ge­ra­de als er 1999 ins Ho­tel Mar­riott am Park­ring über­sie­deln woll­te, rief sein ehe­ma­li­ger Lehr­meis­ter Grosz an: „Du Han­si, willst du mein Ge­schäft nicht ha­ben? Ich ge­he in Ru­he­stand.“Seit­dem ist Jou­ja wie­der auf der Wie­den zu fin­den.

Den nack­ten Zah­len nach könn­te auch er be­reits in den Ru­he­stand ge­hen. Doch er ar­bei­tet wei­ter. Ab­war­tend, ob sein Sohn Mar­cel ei­nes Ta­ges sein Ge­schäft über­neh­men will. Denn die­ser ist in drit­ter Ge­ne­ra­ti­on eben­falls Kür­sch­ner und längst kein Un­be­kann­ter in der Wie­ner Mo­de­sze­ne, in der er sich mit sei­nen Vin­ta­ge-Par­kas mit re­cy­cel­tem Nerz­fut­ter ei­nen Na­men ge­macht hat. Der Pelz liegt der Fa­mi­lie Jou­ja wohl tat­säch­lich im Blut.

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