Zu viel der Wür­ze

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Pau­la sah Rot. Und Gelb. Die Woh­nung ih­rer Freun­din Son­ja, die im­mer so viel Wert auf ein sty­lis­hes Am­bi­en­te leg­te, prä­sen­tier­te sich al­les an­de­re als ap­pe­tit­lich. Der Tä­ter hat­te nichts aus­ge­las­sen. Das hel­le Le­der­so­fa war eben­so mit Senf- und Ketch­up­sprit­zern über­sät wie der Flo­ka­ti, die Wän­de und das – ehe­mals – wei­ße In­te­ri­eur.

„Nicht ein­mal das Bild, das ich erst vor Kur­zem um viel Geld ge­kauft hab, hat die­ses Mons­ter ver­schont“, zisch­te Son­ja wü­tend. „Bist du si­cher?“, ent­fuhr es Pau­la – sie ern­te­te um­ge­hend ei­nen bit­ter­bö­sen Blick ih­rer Freun­din. Sie be­dau­er­te ih­re Takt­lo­sig­keit, aber für sie pass­ten die gel­ben und ro­ten Sprit­zer gera­de­zu per­fekt zur psy­che­de­li­schen Farb­ex­plo­si­on des Kunst­werks.

„Hast du ei­nen Ver­dacht, wer hin­ter die­ser Saue­rei steckt?“, lenk­te sie rasch ab. „Na klar, das war si­cher der Gui­do. Der hat noch im­mer den Schlüs­sel zu mei­ner Woh­nung.“Pau­la blick­te ih­re Freun­din ir­ri­tiert an.

„Habt ihr euch nicht schon vor Mo­na­ten ge­trennt?“„Ja, eh“, be­stä­tig­te Son­ja. „Drum hab ich vor ei­ni­gen Ta­gen Kl­ar­text mit ihm ge­spro­chen und ihn ge­be­ten, end­lich sei­nen Kram ab­zu­ho­len und mir die Schlüs­sel zu­rück­zu­ge­ben. War ihm gar nicht recht. Er ist ziem­lich aus­ge­zuckt.“

„Und fehlt was von sei­nen Sa­chen?“, frag­te Pau­la. Son­ja ging zum Schrank, hol­te ei­nen Kar­ton und stell­te ihn auf den Wohn­zim­mer­tisch. Nach kur­zem Kra­men schüt­tel­te sie den Kopf. „Al­les da. Aber er wä­re schön blöd, wenn er sein Zeug mit­ge­nom­men hät­te. Dann hät­te er sich ja ver­däch­tig ge­macht.“

„Wer könn­te es noch ge­we­sen sein?“„Kei­ne Ah­nung. Nei­der hab ich vie­le“, stell­te Son­ja la­ko­nisch fest. „Mit­leid be­kommst um­sonst, Neid musst dir ver­die­nen.“Son­ja war äs­the­ti­sche Chir­ur­gin. Die stets da­hin­schwin­den­de Schön­heit ih­rer Kun­den si­cher­te ihr Ein­kom­men.

„Ein paar un­zu­frie­de­ne Pa­ti­en­tin­nen hast ja auch“, ließ Pau­la nicht lo­cker. Sie er­in­ner­te sich nur zu gut an so man­che An­ek­do­te aus dem Be­rufs­le­ben ih­rer Freun­din. Son­ja dach­te an­ge­strengt nach und hät­te da­bei wohl die Stirn ge­run­zelt, wenn es das Bo­tox zu­ge­las­sen hät­te. Schließ­lich HONIGWABE

Ilo­na May­er-Zach

schreibt ne­ben Rät­sel­kri­mis für Groß und Klein auch Kri­mi­nal­ro­ma­ne, Kurz­ge­schich­ten oder Büh­nen­stü­cke. Kürz­lich er­schie­nen ihr Ro­man „Ei­ne Lei­che für He­le­ne“, die Rät­sel­kri­mi­antho­lo­gie „He­le­ne Kai­ser er­mit­telt in Graz“(bei­de Gmei­ner) so­wie der Kri­mi-und-Re­zep­teBand „Tod und Ta­fel­spitz“(Well­hö­fer). www.im­netz­werk.at fiel ihr et­was ein. „Erst vo­ri­ge Wo­che hat mir ei­ne von die­sen Pa­ti­en­tin­nen, die auch nach meh­re­ren Bu­sen-OPs noch nicht mit der Grö­ße ih­rer Brüs­te zu­frie­den sind, ei­nen bit­ter­bö­sen Brief ge­schickt. Weil ich es ab­ge­lehnt ha­be, sie noch­mals zu ope­rie­ren.“

„Du meinst die­se Kunst­händ­le­rin, bei der du die­ses Bild ge­kauft hast?“, frag­te Pau­la. Die Frau war ihr von ei­ner Par­ty in Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Ih­re Brüs­te wa­ren so groß und stan­den der­art un­na­tür­lich ab, dass man ein Ta­blett dar­auf hät­te plat­zie­ren kön­nen.

„Ge­nau die“, be­stä­tig­te Son­ja. „Aber wie soll­te die oh­ne Schlüs­sel in dei­ne Woh­nung kom­men?“, über­leg­te Pau­la, die be­merkt hat­te, dass die Ein­gangs­tür un­ver­sehrt war. „Hast du nicht vo­ri­ge Wo­che von ei­ner 16-Jäh­ri­gen er­zählt, die un­be­dingt ei­ne Na­sen­kor­rek­tur durch­set­zen woll­te?“, er­in­ner­te sich Pau­la. „Du meinst die, de­ren ah­nungs­lo­se Mut­ter ich dann dar­über in­for­miert hab? Hm. Ja, die Klei­ne war ziem­lich wü­tend. Der wür­de ich fast al­les zu­trau­en. Aber durch Wän­de kann auch sie nicht ge­hen. Nur Gui­do hat­te Zu­gang.“

Pe­ne­tran­tes Sur­ren der Ge­gen­sprech­an­la­ge un­ter­brach ih­re Über­le­gun­gen. „Ich bin’s, Gui­do. Ich hol mei­ne Sa­chen.“„Wenn man von der Son­ne spricht“, mur­mel­te Pau­la. We­nig spä­ter läu­te­te es an der Woh­nungs­tür. „Wie­so sperrt der Depp nicht auf? Wenn er eh noch den Schlüs­sel hat?“, zisch­te Son­ja, als sie zur Tür eil­te.

„Ser­vus“, grüß­te Gui­do. „Das ist die Verena, mei­ne neue Freun­din“, stell­te er sei­ne Be­glei­tung vor. Die gra­zi­le Frau, die um ei­ni­ges jün­ger und hüb­scher als ih­re Vor­gän­ge­rin war, reich­te die­ser ver­le­gen die Hand. Son­ja ge­fror das Lä­cheln im Ge­sicht. Den­noch bat sie die bei­den her­ein und frag­te, ob sie ein Glas Wein trin­ken woll­ten.

„Gern“, nick­te Verena er­leich­tert, weil sie die Ein­la­dung als Frie­dens­an­ge­bot miss­deu­te­te. Pau­la hin­ge­gen kann­te Son­ja lang ge­nug, um sich aus­zu­ma­len, wie die­se in der Kü­che Ab­führ­mit­tel in die Ge­trän­ke misch­te, um sie gleich dar­auf den bei­den zu kre­den­zen. „Na Mahl­zeit, was ist denn hier pas­siert?“, ent­fuhr es Gui­do, als er sich im Wohn­zim­mer um­sah. Auch BUCHSTABENBUND Verena starr­te er­schro­cken auf die Ver­wüs­tung und trank mit ei­nem Zug das Glas aus.

„Tu nicht so schein­hei­lig. Ich wet­te, dass du das warst!“, fuhr Son­ja ihn an. „Drehst du jetzt kom­plett durch?“, kon­ter­te Gui­do. „Du bist der Ein­zi­ge, der ei­nen Schlüs­sel zu mei­ner Woh­nung hat, und du hast ein Mo­tiv. Wer soll­te es denn sonst ge­we­sen sein?“, blieb Son­ja stur. „Bit­te was für ein Mo­tiv? Un­se­re Tren­nung ist das Bes­te, was mir pas­sie­ren konn­te. Schau dir Verena doch an. Ge­gen dich ist sie ein Lot­to­sech­ser. Nicht so ei­ne Zi­cke wie du.“

Son­jas Mund­win­kel zuck­ten ver­ächt­lich: „Na, das klang vor ei­ni­gen Ta­gen am Te­le­fon aber noch ganz an­ders.“Gui­do warf sei­ner Ex ei­nen bö­sen Blick zu. In die­sem Mo­ment hör­te Pau­la ein lau­tes Grum­meln.

„Ent­schul­di­gen Sie“, flüs­ter­te Verena und drück­te mit bei­den Hän­den auf ih­ren Bauch. „Ich weiß nicht, was los ist. Viel­leicht hab ich den Fisch nicht ver­tra­gen?“Schon lief sie schnur­stracks aus dem Raum. We­nig spä­ter hör­te Pau­la die Klo­spü­lung. Und dann noch­mals. Über Son­jas Ge­sicht husch­te ein bos­haf­tes Grin­sen.

„Weißt was, ich hab es nicht nö­tig, mich von dir be­schul­di­gen zu las­sen“, schnauz­te Gui­do sie an. „Aus. Schluss. Vor­bei. Da hast dei­nen Schlüs­sel, den brauch ich nicht mehr. Und die Fo­tos kannst auch al­le ha­ben. Ich woll­te ein paar als Er­in­ne­rung be­hal­ten, aber jetzt will ich sie nim­mer.“

Er schmiss die Bil­der auf den Tisch, pack­te den Kar­ton mit sei­nen sie­ben Sa­chen und ver­ließ den Raum. „Ich hab sol­che Bauch­schmer­zen“, hör­te Pau­la Verena im Vor­zim­mer jam­mern. „Schatz, das wird schon wie­der. Komm, wir ge­hen.“Die Tür knall­te ins Schloss. Stil­le. „Na, we­nigs­tens wis­sen wir jetzt, wer es war“, sag­te Pau­la.

War Gui­do der Van­da­le? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: An­ton St­ein­wen­der bat Eva zur Aus­spra­che auf den Sat­tel­berg. Das ging schief. Er zog den Hammer, aber Eva schmei­chelt ihm kurz, er­griff den Hammer und schlug zu. Dann flüch­te­te sie durch die Brom­beer­sträu­cher und blieb kurz an ei­ner Ran­ke hän­gen – mit ih­rer grü­nen Früh­lings­ho­se. KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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