Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BETTINA ST­EI­NER

Wor­über die neue Bil­dungs­mi­nis­te­rin noch flu­chen wird: Die von ih­rer Vor­gän­ge­rin in­iti­ier­te neue Ober­stu­fe ist or­ga­ni­sa­to­risch ein Mon­strum und in­halt­lich ein Zni­ach­terl.

Es war ein Ex­pe­ri­ment. Da­für sind Schul­ver­su­che ja da. Mo­du­la­re Ober­stu­fe hieß die­ses Ex­pe­ri­ment, ei­ne neue Art des Leh­rens und Ler­nens soll­te er­probt wer­den, mit se­mes­ter­wei­sen Kur­sen, teils ver­pflich­ten­den, zum Teil frei wähl­ba­ren, und das Gym­na­si­um un­se­rer Kin­der mach­te mit. Ich weiß noch, wie ich am Tag der of­fe­nen Tü­re ei­ne Leh­re­rin nach den Vor- und Nach­tei­len die­ses Mo­dells frag­te und ei­ne ehr­li­che Ant­wort be­kam: dass selbst­stän­di­ge Schü­ler da­von pro­fi­tier­ten, wenn sie sich ihr ei­ge­nes Cur­ri­cu­lum zu­sam­men­stel­len kön­nen, dass aber an­de­re da­von über­for­dert sein könn­ten. Dass der or­ga­ni­sa­to­ri­sche Auf­wand enorm sei und das gan­ze noch in den Kin­der­schu­hen ste­cke. Aber die Leh­rer der Schu­le fän­den den Schul­ver­such su­per und woll­ten al­les dar­an set­zen, dass es klappt.

Es hat ge­klappt. Acht Jah­re spä­ter ken­ne ich nie­man­den, kei­nen Leh­rer, kei­nen Schü­ler, kei­nen El­tern­teil, der zum al­ten Sys­tem zu­rück­keh­ren möch­te, und wenn man mit­er­le­ben konn­te, wie die Kin­der hin- und her­über­leg­ten, ob sie „Phy­sik der Haus­halts­ge­rä­te“be­le­gen sol­len oder lie­ber Archäo­lo­gie, oder ob sie doch ih­re Fran­zö­sisch­kon­ver­sa­ti­ons­küns­te ver­tie­fen soll­ten, weil es da noch ha­per­te, der weiß, was die mo­du­la­re Ober­stu­fe noch för­dert: die Be­geis­te­rung. Und das Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein. Kein Sit­zen­blei­ben. Jetzt ist das mit Schul­ver­su­chen so: Wenn sie er­folg­reich sind, wer­den sie flä­chen­de­ckend ein­ge­führt. Und so soll das auch mit der mo­du­la­ren Ober­stu­fe pas­sie­ren, al­ler­dings mit nicht un­we­sent­li­chen Mo­di­fi­ka­tio­nen. Ers­tens heißt das Gan­ze nicht mehr mo­du­la­re Ober­stu­fe, son­dern neue Ober­stu­fe. Was zwei­tens durch­aus fol­ge­rich­tig ist: Es gibt näm­lich eh kei­ne Mo­du­le, die Wahl­mög­lich­kei­ten wur­den ab­ge­schafft. Der Un­ter­schied zum jet­zi­gen Sys­tem: Die Schü­ler kön­nen nicht mehr durch­fal­len, son­dern wie­der­ho­len ein­fach das nicht po­si­tiv ab­ge­schlos­se­ne Fach.

Das heißt: Ein­fach ist das na­tür­lich nicht, es be­deu­tet ei­nen ziem­li­chen Auf­wand, kon­kret Nach­prü­fun­gen nach je­dem Se­mes­ter und ei­nen kom­pli­zier­ten St­un­den­plan, im­mer­hin gibt es Schü­ler, die gleich­zei­tig Fä­cher in meh­re­ren Schul­stu­fen be­le­gen müs­sen. Da­für be­kommt man – prak­tisch nichts. Die neue Ober­stu­fe, sie ist ein or­ga­ni­sa­to­ri­sches Mon­strum und ein in­halt­li­ches Zni­ach­terl.

Die neue Bil­dungs­mi­nis­te­rin tritt ein schwe­res Er­be an: Zwar dür­fen sich die Schu­len mit der Ein­füh­rung der neu­en Ober­stu­fe nun mehr Zeit las­sen. Wenn es so­weit ist, wer­den aber die tra­di­tio­nel­len Gym­na­si­en pro­tes­tie­ren – und je­ne, die den Schul­ver­such er­probt ha­ben, eben­falls: Sie sol­len näm­lich mit der ab­ge­speck­ten Va­ri­an­te wei­ter­ma­chen.

Au­ßer na­tür­lich, man wag­te ein wei­te­res „Ex­pe­ri­ment“: Es lau­tet Schul­au­to­no­mie.

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