Das Ge­setz hin­ter dem Kin­der­wunsch

Ei­ne bun­des­wei­te Re­ge­lung, neun Kin­der- und Ju­gend­ge­set­ze und Leh­ren aus der Pra­xis säu­men den Weg wer­den­der Ad­op­tiv­el­tern.

Die Presse am Sonntag - - Leben - HELLIN SAPINSKI

In Ös­ter­reich wird zwi­schen der Ad­op­ti­ons­ver­mitt­lung und der Ad­op­ti­on selbst, al­so dem Ab­schluss des Ad­op­ti­ons­ver­trags und sei­ner ge­richt­li­chen Be­wil­li­gung, un­ter­schie­den. Letz­te­re ist in den §§ 191-203 ABGB so­wie §§ 86-91 Au­ßer­streit­ge­setz und da­mit bun­des­weit ein­heit­lich ge­re­gelt. Die Ad­op­ti­ons­ver­mitt­lung ob­liegt da­ge­gen den neun Bun­des­län­dern. „Das be­deu­tet, dass zwar je­des Land ein ei­ge­nes Kin­der- und Ju­gend­hil­fe­ge­setz hat, die­ses aber dem Grund­satz­ge­setz, näm­lich dem B-KJHG 2013, ent­spre­chen muss“, sagt Mo­ni­ka Hin­te­reg­ger, Pro­fes­so­rin am In­sti­tut für Zi­vil­recht, Aus­län­di­sches und In­län­di­sches Pri­vat­recht der Uni­ver­si­tät Graz. Neun Eig­nungs­ver­fah­ren. Grund­sätz­lich gilt: Wenn sich ein Paar da­für ent­schei­det, ein Kind zu ad­op­tie­ren, muss es ei­nen drei­stu­fi­gen Pro­zess auf sich neh­men. Die­ser glie­dert sich in die Ad­op­ti­ons­ver­mitt­lung, den Ab­schluss des Ad­op­ti­ons­ver­trags und die ge­richt­li­che Be­wil­li­gung des Ver­trags.

„Ent­schlie­ßen sich die leib­li­chen El­tern, ihr Kind zur Ad­op­ti­on frei­zu­ge­ben, wen­den sie sich an den Kin­de­r­und Ju­gend­hil­fe­trä­ger und er­mäch­ti­gen ihn, die Ad­op­ti­ons­ver­mitt­lung durch­zu­füh­ren“, so die Ju­ris­tin. Die­ser sucht dar­auf­hin nach Ad­op­tiv­el­tern für das meist erst we­ni­ge Ta­ge al­te Ba­by. Zur Aus­wahl ste­hen da­bei nur Ad­op­tiv­el­tern, die zu­vor auf ih­re Eig­nung hin über­prüft wur­den, wo­bei hier je nach Bun­des­land un­ter­schied­li­che Pro­ze­de­re durch­lau­fen wer­den müs­sen. Wäh­rend in der Stei­er­mark der Be­such ei­nes Se­mi­nars und der po­si­ti­ve Ab­schluss ei­nes Be­wil­li­gungs­ver­fah­rens aus­rei­chen, kom­men in Ober­ös­ter­reich ein Ein­füh­rungs­vor­trag, Haus­be­su­che und min­des­tens zwei Termine bei ei­nem kli­ni­schen Psy­cho­lo­gen hin­zu.

Die Ad­op­tiv­el­tern ha­ben, so­bald sie kon­tak­tiert wer­den, ein paar Ta­ge Zeit, sich für oder ge­gen das Kind zu ent­schei­den. Fällt die Ent­schei­dung für das Kind aus, kön­nen sie es über­neh­men. Da­mit be­ginnt ei­ne Pro­be­zeit, de­ren Dau­er im Ge­setz zwar nicht nie­der­ge­schrie­ben ist, in der Re­gel aber sechs Mo­na­te um­fasst. „Die­ses hal­be Jahr ist im Fa­mi­li­en­recht zur Be­ob­ach­tung auch an an­de­rer Stel­le be­kannt, Stich­wort vor­läu­fi­ge el­ter­li­che Ver­ant­wor­tung“, er­klärt Rechts­an­wäl­tin Kat­ha­ri­na Braun. Ge­meint ist der Fall, wenn sich die El­tern nach ei­ner Schei­dung nicht auf die Ob­sor­ge ei­ni­gen kön­nen. „Dann wird § 181 Abs 2 ABGB schla­gend, folg­lich ei­nem El­tern­teil sechs Mo­na­te lang die haupt­säch­li­che Be­treu­ung des Kin­des auf­ge­tra­gen, da­nach er­folgt die Ent­schei­dung des Ge­richts.“Soll hei­ßen: „Die sechs Mo­na­te ha­ben sich in der Pra­xis be­währt.“ Wunsch nach Er­zie­hung. In die­ser Zeit ha­ben die künf­ti­gen Ad­op­tiv­el­tern den Sta­tus von Pfle­ge­el­tern (im Sinn des § 184 ABGB), wo­bei die leib­li­chen El­tern das Kind je­der­zeit zu­rück­for­dern kön­nen. „Da­bei ist es grund­sätz­lich aus­rei­chend, wenn die leib­li­che Mut­ter die men­sch­li­che Ver­bun­den­heit mit dem Ba­by gel­tend macht, folg­lich nach­weis­lich be­kräf­tigt, sie wol­le ihr Kind selbst er­zie­hen“, sagt Fa­mi­li­en­rechts­ex­per­te Mar­kus Hu­ber. Um letzt­lich ei­ne rechts­kräf­ti­ge Ad­op­ti­on zu er­rei­chen, muss nun ein Ad­op­ti­ons­ver­trag auf­ge­setzt und die­ser von ei­nem Ge­richt be- wil­ligt wer­den. „Für das min­der­jäh­ri­ge Ad­op­tiv­kind schließt die­sen der ge­setz­li­che Ver­tre­ter, in der Re­gel die leib­li­chen El­tern, ab“, er­läu­tert Hin­te­reg­ger. „Ist der Ver­trag ab­ge­schlos­sen, ist er bis zu sei­ner ge­richt­li­chen Be­wil­li­gung nicht mehr ein­sei­tig wi­der­ruf­bar.“Wird die­se er­teilt, wird die Ad­op­ti­on ge­mäß

Drei Stu­fen auf dem Weg zur Ad­op­ti­on: Ver­mitt­lung, Ver­trag und Be­wil­li­gung. »Die sechs Mo­na­te ha­ben sich in der Pra­xis durch­aus be­währt.«

§ 192 Abs 1 ABGB rück­wir­kend ab dem Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses wirk­sam. Auf­ge­ho­ben wer­den kann die rechts­kräf­ti­ge Ad­op­ti­on nur noch durch Auf­he­bung (§ 201 ABGB) oder Wi­der­ruf (§ 200 ABGB) – wo­bei hier nicht mehr der blo­ße Wunsch der Mut­ter, ihr Kind selbst zu er­zie­hen, ge­nügt.

Seit 1. Jän­ner 2016 ist es in Ös­ter­reich über­dies auch ho­mo­se­xu­el­len Paa­ren ge­stat­tet, Kin­der zu ad­op­tie­ren. Zu­vor durf­ten gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re nur Stief­kin­der ad­op­tie­ren oder Pfle­ge­kin­der bei sich auf­neh­men. Grund­la­ge der Än­de­rung ist ein Ur­teil des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs.

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