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Die Presse am Sonntag - - Leben -

Spi­tal ein und konn­te sei­nen zu­künf­ti­gen Sohn ken­nen­ler­nen. Dann ging es nach Hau­se – vor­erst oh­ne Kind. „Un­ser Plan für den Tag X trat in Kraft: Um­ge­hend wur­de das Kin­der­zim­mer ein­ge­rich­tet – bis da­hin hat­ten wir die Mö­bel im Kel­ler, Tra­ge­ta­schen und Fläsch­chen bei Freun­den un­ter­ge­stellt“, er­gänzt Fran­zis­ka. Am nächs­ten Mor­gen führ­te der Weg wie­der in Rich­tung Spi­tal, als aber­mals das Han­dy klin­gel­te. Ei­ne Ab­sa­ge. Die leib­li­che Mut­ter hat­te sich ent­schlos­sen, das Ba­by zu be­hal­ten. „Wir konn­ten nur wen­den und den Re­set-Knopf drü­cken“, so die 31-Jäh­ri­ge. Ei­ne psy­cho­lo­gi­sche Be­treu­ung lehn­ten sie ab. „Es war ein sur­rea­ler Tag. Wir wa­ren nie­der­ge­schla­gen, doch un­ser Op­ti­mis­mus war nicht ge­bro­chen.“ Tref­fen mit der Bauch­ma­ma. Die nächs­te Chan­ce auf Nach­wuchs tat sich ein hal­bes Jahr spä­ter auf. Am 4. Fe­bru­ar 2016 mel­de­te sich die zu­stän­di­ge So­zi­al­ar­bei­te­rin er­neut: Ein drei Ta­ge al­tes Mäd­chen sei zur Ad­op­ti­on frei­ge­ge­ben wor­den. Tags dar­auf konn­ten Fran­zis­ka und Vik­tor ih­re An­ni­ka (Na­me ge­än­dert) im Spi­tal be­su­chen – und mit­neh­men. Auf das El­tern­glück folg­te die Bü­ro­kra­tie: „Wir eil­ten zum Re­fe­rat für Ad­op­tiv- und Pfle­ge­kin­der“, sagt Vik­tor. Dort wur­de ih­nen ei­ne amt­li­che Be­stä­ti­gung aus­ge­stellt: „Man er­mäch­tig­te uns der un­ent­gelt­li­chen Pfle­ge und Er­zie­hung des Mäd­chens.“

Das ge­ra­de be­gin­nen­de Wo­che­n­en­de stand ganz im Zei­chen der Fa­mi­li­en­vor­stel­lung: Die El­tern und Ge­schwis­ter des Paa­res ka­men zu Be­such, die Nich­ten be­staun­ten den Nach­wuchs. Bis der Mon­tag al­les ver­än­der­te. Aber­mals hat­te es sich die Bauch­ma­ma an­ders über­legt und for­der­te ihr Kind zu­rück. „Es war wie ein Schlag ins Ge­sicht“, sagt Fran­zis­ka. Schwe­ren Her­zens brach­ten sie das Mäd­chen zu­rück. „Die Be­geg­nung mit der leib­li­chen Mut­ter hat uns ge­hol­fen zu ak­zep­tie­ren, dass un­se­re Klei­ne bei ihr gut auf­ge­ho­ben ist“, so die Kurz­zei­tel- tern, de­nen nun er­neut nur das War­ten bleibt – auf Kind Num­mer drei. Mitt­ler­wei­le hat sich die Trau­er ge­legt, das Ge­fühl der Hilf­lo­sig­keit aber ist ge­blie­ben. „Am schlimms­ten war, als ei­ne un­se­rer Nich­ten frag­te, ob sie auch ein­mal weg sein wür­de, so wie An­ni­ka“, er­zählt Vik­tor, der sich ei­ne Ver­kür­zung des Wi­der­rufs­zeit­raums wünscht.

Ju­ris­tisch vor­ge­hen kann das Paar ge­gen den Wi­der­ruf nicht. „Im Ge­gen­satz zur deut­schen Rechts­la­ge setzt ei­ne Ad­op­ti­on in Ös­ter­reich grund­sätz­lich kei­ne ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Pfle­ge­zeit vor­aus. Es ist je­doch gän­gi­ge Pra­xis, den Ad­op­ti­ons­ver­trag frü­hes­tens nach sechs Mo­na­ten ab­zu­schlie­ßen“, sagt Mo­ni­ka Hin­te­reg­ger, Pro­fes­so­rin am In­sti­tut für Zi­vil­recht der Uni­ver­si­tät Graz. Vor Ver­trags­ab­schluss kön­nen die leib­li­chen El­tern das Kind je­der­zeit zu­rück­for­dern. „Ei­ne An­ga­be von Grün­den ist nicht er­for­der­lich.“Das ga­ran­tie­re auch das Recht auf Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­ben, das in Art 8 der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und da­mit auch in der Bun­des­ver­fas­sung ge­si­chert ist. Zu­dem bie­tet die Pro­be­pha­se den So­zi­al­ar­bei­tern die Mög­lich­keit zu prü­fen, wie Ad­op­tiv­el­tern und Kind in­ter­agie­ren. „Es ist Vor­aus­set­zung für ei­ne Ad­op­ti­on, dass ei­ne dem Ver­hält­nis zwi­schen leib­li­chen El­tern und Kin­dern ent­spre­chen­de Be­zie­hung be­steht oder her­ge­stellt wer­den soll“, sagt Hin­te­reg­ger. Erst, wenn si­cher­ge­stellt ist, dass die Fa­mi­lie zu­recht­kommt, wird die ge­richt­li­che Be­wil­li­gung er­teilt und die Ad­op­ti­on rechts­kräf­tig.

„Die Pra­xis zeigt, dass die­ser Zei­t­raum nicht ver­kürzt wer­den soll­te“, sagt Reichl-Roß­ba­cher. „Die Fa­mi­lie braucht Zeit, um zu­sam­men­zu­wach­sen, auf der an­de­ren Sei­te soll­ten die leib­li­chen Müt­ter das Recht ha­ben, Ent­schei­dun­gen, die sie wo­mög­lich aus Ver­zweif- lung ge­trof­fen ha­ben, zu re­vi­die­ren.“Eben­falls für die Bei­be­hal­tung der gän­gi­gen sechs Mo­na­te spricht sich die Psy­cho­lo­gin Ma­ria Eber­stal­ler vom Ef­kö aus. „Ei­ne dras­ti­sche Ver­kür­zung könn­te durch­aus tra­gi­sche Si­tua­tio­nen er­ge­ben“, warnt sie. „Das Kind hat ein Recht dar­auf, bei sei­nen leib­li­chen El­tern auf­zu­wach­sen, so­fern das für die­se mög­lich und sein Wohl ge­währ­leis­tet ist.“ Das Kind an ers­ter Stel­le. Es kä­me vor, dass Müt­ter durch ei­ne Ge­burt über­for­dert sei­en, et­wa weil sie sehr jung sind oder kei­ne Un­ter­stüt­zung von ih­rem so­zia­len Um­feld er­hal­ten. „Oft­mals liegt ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung vor“, sagt Eber­stal­ler. „Mit der Zeit kann sich aber ein Fa­mi­li­en­mit­glied fin­den, das das Kind über­nimmt.“In sol­chen Fäl­len kommt es zu ei­ner Prü­fung durch das Ju­gend­amt. „Ist al­les in Ord­nung, kann das Kind zu­rück. An ers­ter Stel­le ste­hen die Rech­te des Kin­des, nicht die Ad­op­tiv­el­tern“, fügt sie hin­zu. Frei­lich kön­ne sie de­ren „Zit-

»Bin ich dann auch plötz­lich weg – so wie An­ni­ka plötz­lich ver­schwun­den ist?«

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