ERD­ÖL

Die Presse am Sonntag - - Globus -

im Stadt­rat die Akro­ba­tin­nen zu leicht be­klei­det wa­ren. Ei­sen­tor und Feu­er­lö­scher. Mo­ham­med Ei­tan lebt seit Jah­ren hin­ter ho­hen Mau­ern. Der 57-Jäh­ri­ge be­sitzt in Bas­ra die Fern­seh­sta­ti­on Al-Fay­haa und mo­de­rier­te zehn Jah­re lang ei­ne ei­ge­ne täg­li­che Talk­show, die al­le die­se Miss­stän­de aufs Korn nahm. Hoch über den Stu­di­os hat er ir­gend­wo sei­ne Pri­vat­woh­nung. Sei­ne Frau und die drei halb­wüch­si­gen Kin­der le­ben nach wie vor im Exil in Lon­don. Di­rekt ne­ben dem schwe­ren Ei­sen­tor ließ er ein Re­gal auf­stel­len, auf dem gleich sechs Feu­er­lö­scher ste­hen. Drau­ßen in der Dun­kel­heit schwat­zen lei­se ein hal­bes Dut­zend pri­va­ter Wach­leu­te.

Seit 18 Mo­na­ten sitzt Mo­ham­med Ei­tan jetzt als par­tei­lo­ser Ab­ge­ord­ne­ter im Na­tio­nal­par­la­ment in Bag­dad und hat sich vie­le Fein­de ge­macht. „Ich er­hal­te stän­dig Mord­dro­hun­gen, da­mit muss ich le­ben“, gibt er sich be­tont ge- las­sen. Als Mit­glied des Fi­nanz­aus­schus­ses deck­te er auf, dass im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt ins­ge­samt 6000 In­ves­ti­ti­ons­pro­jek­te mit ei­nem Vo­lu­men von 228 Mil­li­ar­den US-Dol­lar be­auf­tragt wur­den, die nie­mals zu­stan­de ka­men und de­ren Gel­der spur­los in den Ta­schen kor­rup­ter Po­li­ti­ker und Bü­ro­kra­ten ver­schwan­den. „Ei­ne sol­che Di­men­si­on von Kor­rup­ti­on zer­stört den Staat“, sagt er. Seit Wo­chen gibt es im Zen­trum von Bas­ra De­mons­tra­tio­nen ent­nerv­ter Bür­ger ge­gen das schier end­lo­se Ver­sa­gen von Po­li­tik und Staat. „Un­ter dem Deck­man­tel von Re­li­gi­on ha­ben sie uns be­droht und be­stoh­len“, skan­die­ren die meist jun­gen Leu­te, de­ren Pro­test sich vor al­lem ge­gen das Trei­ben der schii­ti­schen re­li­giö­sen Mehr­heits­par­tei­en rich­tet.

Mo­ham­med Ei­tan will da­her für die Süd­pro­vinz Bas­ra mit ih­ren drei Mil­lio­nen Ein­woh­nern ei­nen ähn­li- chen Au­to­no­mie­sta­tus er­strei­ten wie der kur­di­sche Nord­irak. „80 Pro­zent des ira­ki­schen Öl­reich­tums kom­men aus un­se­rer Ge­gend, doch es fließt nichts zu­rück“, ar­gu­men­tiert der NeuPo­li­ti­ker. Ein Drit­tel der Ein­woh­ner lebt un­ter­halb der Ar­muts­gren­ze.

Seit der US-ge­führ­ten west­li­chen In­va­si­on 2003 ha­be es kei­ne grö­ße­re In­ves­ti­ti­on mehr für die Stadt ge­ge­ben, ob­wohl drin­gend ein neu­es Kran­ken­haus, ei­ne wei­te­re Uni­ver­si­tät und ei­ne Raf­fi­ne­rie ge­baut wer­den müss­ten. Und so ka­men die 35.000 Un­ter­schrif­ten, die laut Ver­fas­sung für den An­trag ei­nes Re­fe­ren­dums not­wen­dig sind, schnell zu­sam­men. Seit­dem je­doch mau­ern Bag­dads Mäch­ti­ge nach Kräf­ten, die die Volks­ab­stim­mung nun or­ga­ni­sie­ren müss­ten. Al­le gro­ßen schii­ti­schen Par­tei­en und ih­re Schutz­macht Iran leh­nen ei­ne Au­to­no­mie Bas­ras ka­te­go­risch ab, weil es den end­gül­ti­gen Staats­zer­fall be­deu­ten könn­te.

Die Stadt als un­ab­hän­gi­ge Gol­f­re­pu­blik vom Irak ab­zu­tren­nen, die­se Träu­me gab es schon im­mer, weiß Ihsan Waal Samarrai, der sich jahr­zehn­te­lang als Chro­nist von Bas­ra ei­nen Na­men ge­macht hat. Sein Haus am En­de ei­ner Sack­gas­se hat ei­ne mäch­ti­ge Pal­me im Hof. Gäs­te be­wir­tet der 74-jäh­ri­ge Wit­wer mit ei­ge­nen Bas­ra-Dat­teln, die klein und be­son­ders wohl­schme­ckend sind. Er hat ei­ne Antho­lo­gie über die glän­zen­de Ver­gan­gen­heit sei­ner Hei­mat­stadt her­aus­ge­ge­ben, ih­re

Bas­ra

In be­fin­den sich meh­re­re Raf­fi­ne­ri­en, die Ge­gend rund­her­um be­her­bergt über die Hälf­te der Erd­öl­re­ser­ven im Irak. Die Ein­nah­men ma­chen aus Bas­ra ei­gent­lich ei­ne rei­che Stadt, al­ler­dings ist Kor­rup­ti­on weit­ver­brei­tet, wie­wohl in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in die – nö­tigs­te – In­fra­struk­tur der Stadt in­ves­tiert wur­de. Der

Teil der Stadt hin­ge­gen ver­fällt zu­neh­mend.

his­to­ri­sche

be­rühm­ten Häu­ser und Ca­fes,´ ih­re Ge­schäfts­leu­te und Li­te­ra­ten, ih­re Fes­te und Fes­ti­vals. 4000 Bü­cher über Bas­ra ste­hen rings­her­um in den Re­ga­len sei­nes Ar­beits­zim­mers, in dem er le­send und schrei­bend sei­ne Ta­ge ver­bringt, meist ein­ge­hüllt in dich­ten Pfei­fen­rauch. Un­ter Sad­dam Hus­sein saß Ihsan Waal Samarrai we­gen re­gime­kri­ti­scher Es­says vier Jah­re in Iso­la­ti­ons­haft, ein 1979 kurz vor sei­ner Ver­haf­tung zu­ge­sag­tes Sti­pen­di­um für Deutsch­land konn­te er nicht an­tre­ten. End­gül­tig ver­schwun­den. „Bas­ra ist ei­ne Tra­gö­die“, seufzt er, springt plötz­lich auf von sei­nem Stuhl und ges­ti­ku­liert durch das Fens­ter in die dunk­le Nacht, als stün­de er auf ei­ner Thea­ter­büh­ne. Nichts sei mehr ge­blie­ben von dem mul­ti­kul­tu­rel­len Geist, als Sun­ni­ten, Schii­ten, Chris­ten, Ju­den, Hin­dus, Per­ser und Man­dä­er hier in Frie­den zu­sam­men­leb­ten. „Das al­te Bas­ra exis­tiert nur noch in Bü­chern und in un­se- rer Er­in­ne­rung – und es wird end­gül­tig mit uns ver­schwin­den.“Vor die Tür geht der al­te Mann nur noch sel­ten. „Ich ha­be kei­ne Angst vor Ent­füh­rung“, sagt er. „Aber ich kann das Elend mei­ner Stadt nicht mehr mit­an­se­hen.“

In ©en 1970ern wŻ­ren ©ie »HŻm­let«-Spie­le Żus­ver­kŻuft, heu­te wir© Zir­kus ver­ão­ten. Die Be­woh­ner tr´um­en von UnŻãh´ngig­keit, Żãer selãst ©er IrŻn lehnt Au­to­no­mie Żã.

AFP

Ein Fi­scher auf dem Fluss Shatt el-Ar­ab in der süd­ira­ki­schen Stadt Bas­ra.

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