Klang der ge­bro­che­nen Her­zen

Die ame­ri­ka­ni­sche R&B-Sän­ge­rin An­dra Day will die Welt ver­än­dern. Ihr De­büt »Cheers to the Fall« ist Re­tro­soul der Lu­xus­klas­se. Ih­re Kar­rie­re ver­dankt sie dem Zu­fall – und Stevie Won­der.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON SA­MIR H. KÖCK

Al­te See­len“nennt man je­ne, die an­lass­los in tiefs­te Me­lan­cho­lie ver­sin­ken kön­nen. Sin­gen sie, dann tun sie es mit ei­ner In­ten­si­tät, die die kur­ze Zeit­span­ne ih­res Le­bens nicht er­war­ten lie­ße. Amy Wi­ne­hou­se war ein Pa­ra­de­bei­spiel für die­se ra­re Spe­zi­es. „Kaum hab ich Kum­mer, schrei­ben sich die Songs fast von al­lein“, mein­te sie ein­mal viel­sa­gend zur „Pres­se“. Da war ei­ne blue­sig-sou­li­ge Tie­fe in ih­rem Aus­druck, die ne­ga­ti­ve Er­fah­run­gen aus frü­he­ren Le­ben zu re­flek­tie­ren schien. Ähn­li­ches strahlt auch der Ge­sang der ame­ri­ka­ni­schen Sän­ge­rin An­dra Day aus.

Ihr De­büt­al­bum „Cheers to the Fall“kreist wie das Wi­ne­hou­se-Meis­ter­werk „Back to Black“um ei­ne schmerz­haf­te Tren­nung. Beim ers­ten Hin­hö­ren hef­tet sich die in San Die­go auf­ge­wach­se­ne Day al­ler­dings gar ein we­nig eng an die pa­ti­nier­te Äs­t­he­tik, die Wi­ne­hou­se vor ex­akt zehn Jah­ren vor­ge­ge­ben hat. Day scheu­te sich nicht für ih­ren Song „On­ly Love“ins Dap­to­ne Stu­dio in Brook­lyn zu ge­hen und dort mit den­sel­ben Mu­si­kern wie Wi­ne­hou­se auf­zu­neh­men. Das Re­sul­tat ist ei­ne ziem­lich per­fek­te Mi­mi­kry, die, ob­wohl wun­der­schön, doch ein we­nig zum Fremd­schä­men ein­lädt. Auf den Schwin­gen ei­nes ent­spann­ten Groo­ves imi­tiert Day ziem­lich frech die ge­sang­li­chen Ei­gen­tüm­lich­kei­ten von Wi­ne­hou­se. Glück­li­cher­wei­se bleibt es bei die­sem Sün­den­fall. Spä­te De­bü­tan­tin. Bei ih­ren zwölf an­de­ren Lie­dern prä­sen­tiert sich die mit 31 Jah­ren recht spä­te De­bü­tan­tin ei­gen­stän­di­ger. Statt nur um ei­ge­ne Be­find­lich­kei­ten zu krei­sen, the­ma­ti­siert sie Auf­bruch und Spi­ri­tua­li­tät. Wie al­lein der Al­bum­ti­tel „Cheers to the Fall“deut­lich macht, in­ter­pre­tiert sie Nie­der­la­gen als Chan­ce. „Mei­ne Bot­schaft ist, dass man sich von Rück­schlä­gen nicht aus der Bahn wer­fen las­sen darf. Nicht ein­mal ge­bro­che­ne Her­zen sind um­sonst. Sie leh­ren ei­nen ei­ni­ges“, sagt sie im In­ter­view mit der „Pres­se am Sonn­tag“. Die ers­te Sing­le, „Fo­re­ver Mi­ne“, trans­por­tiert die­se Mes­sa­ge mit ei­nem kit­schig-schö­nen Samp­le von „I On­ly Ha­ve Eyes for You“, ei­nem Doo­wop-Klas­si­ker der le­gen­dä­ren Fla­min­gos. Der­lei Rück­grif­fe auf die Mu­sik­his­to­rie fin­det Day le­gi­tim. „Ei­ner­seits ha­ben mich dies­be­züg­lich mei­ne El­tern ge­prägt, bei de­nen ich nicht nur Black Mu­sic, son­dern auch Fleet­wood Mac, Ca­rol King und die Car­pen­ters früh schät­zen ge­lernt ha­be. Al­te Plat­ten ge­ben mir so viel mehr als das ak­tu­el­le Ra­dio­pro­gramm“, seufzt sie.

An der For­mel­haf­tig­keit des heu­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen R&B lei­det sie, als wä­re sie Mit­te fünf­zig. „Ich sa­ge nur Mo­ney Mu­sic da­zu. Die­se Mu­sik hat nichts mit der Iden­ti­tät, mit den Ge­füh­len ih­rer In­ter­pre­ten zu tun. Aber ich ha­be das Ge­fühl, die Sa­che be­ginnt sich lang­sam zu än­dern. Le­on Bridges, Ant­ho­ny Ha­mil­ton und Hia­tus Kaiyo­te ma­chen mir dies­be­züg­lich Mut. Das sind Künst­ler, die sich wei­gern, den üb­li­chen Mecha­nis­men des Geld­ver­die­nens in der Mu­sik Rech­nung zu tra­gen. Sie ma­chen ein­fach, was sie füh­len.“Die Bal­la­de „Ci­ty Burns“er­zählt von der Wich­tig­keit ei­ner spi­ri­tu­el­len Ba­sis, die Künst­le­rin­nen wie sie ge­fahr­los durch die Ver­su­chun­gen des Show­busi­ness na­vi­gie­ren lässt. „Just ho­pe that I don’t lo­se my he­ad, cuz I’m hard­ly the wo­man that I on­ce was“, singt sie mit herr­lich viel Dra­ma.

Dass ih­re Kar­rie­re über­haupt in Gang ge­kom­men ist, ver­dankt sie ei­nem glück­li­chen Zu­fall. Kai Mil­lard Mor­ris, die ak­tu­el­le Ex­frau von Stevie Won­der, sah sie in ei­ner klei­nen Bar in Ma­li­bu. Sie war so­fort an­ge­tan von Days me­lan­cho­li­schen Groo­ves. Kur­ze Zeit spä­ter wur­de sie von Won­der per­sön­lich kon­tak­tiert. „Was für ein Glück!“, gluckst Day und schwärmt von der ers­ten Be­geg­nung. „Stevie moch­te, dass ich St­ein­bock im Stern­zei­chen bin. Wir nah­men so­gar ge­mein­sam sein al-

1984

An­dra Day wird als Cas­san­dra Ba­tie in San Die­go ge­bo­ren.

2000

fällt der Ent­schluss, Sän­ge­rin zu wer­den. Vor­bil­der: Bil­lie Ho­li­day, Ni­na Si­mo­ne, Et­ta Ja­mes, Sa­de.

2012

co­vert sie Jes­sie J’s „Mam­ma Knows Best“.

2013

wird sie von der De­si­gne­rin Kai Mil­lard Mor­ris, der da­ma­li­gen Frau von Stevie Won­der, ent­deckt. Stevie Won­der nimmt mit ihr ei­ne Weih­nachts­sin­gle auf und pro­te­giert sie.

2015

nimmt sie ihr De­büt­al­bum „Cheers to Fall“auf, das in Ös­ter­reich erst En­de April er­schie­nen ist. Das Re­tro-Soul-Klein­od wird von er­fah­re­nen Mu­si­kern wie Adri­an Gur­vitz und Ra­pha­el Saa­diq pro­du­ziert. Zu den Gäs­ten zäh­len Ja­mes Poy­ser, Qu­est­l­ove, DJ Jaz­zy Jeff und die Dap-Kings. Spi­ke Lee dreht das Vi­deo zu „Fo­re­ver Mi­ne“. Das Al­bum wird zwei­mal für den Gram­my no­mi­niert. tes Weih­nachts­lied ,So­me­day at Christ­mas‘ auf. Das war der pu­re Wahn­sinn.“Mit die­sem Pro­te­ge´ im Hin­ter­grund war es dann leicht, an ein erst­klas­si­ges Team zu kom­men. Qu­est­l­ove, Schlag­zeu­ger der dem­nächst in Wie­sen gas­tie­ren­den Roots, war genau­so mit von der Par­tie wie Ja­mes Poy­ser und das Dap­to­ne-Team. Vor­bild Ni­na Si­mo­ne. Ei­ne Mu­sik­zeit­schrift hat An­dra Day auf Bil­lie Ho­li­day an­spie­lend glatt „the new la­dy Day“ge­nannt. Da­bei steht sie noch mehr auf Ni­na Si­mo­ne. „Sie sang nicht, um be­rühmt zu wer­den, son­dern, um ge­sell­schaft­lich et­was zu ver­än­dern. Man könn­te fast sa­gen, sie hat sich ih­rer Idee ei­ner bes­se­ren Welt ge­op­fert.“Beim be­rühm­ten Sun­dance Film Fes­ti­val fand ein pro­mi­nent be­setz­tes Ni­naSi­mo­ne-Tri­bu­te statt. Day sang Si­mo­nes grim­mi­ges An­ti­ras­sis­mus­lied „Mis­sis­sip­pi God­dam“. Mit ih­rer in­ten­si­ven In­ter­pre­ta­ti­on be­ein­druck­te sie Re­gis­seur Spi­ke Lee, der im Pu­bli­kum saß. „Er sprach mich an und er­bot sich,

»Mei­ne Bot­schaft: Man darf sich von Rück­schlä­gen nicht aus der Bahn wer­fen las­sen.« Glücks­mo­men­te: Sin­gen mit Stevie Won­der und ein Mu­sik­vi­deo von Spi­ke Lee.

mein nächs­tes Vi­deo zu dre­hen. Ich bin schon ewig ei­ne Be­wun­de­rin sei­ner Ar­beit und konn­te es gar nicht glau­ben. Und das Bes­te: Er ver­lang­te kein Ho­no­rar!“In Lees Vi­deo von „Fo­re­ver Mi­ne“sieht man Day le­send, sin­gend und be­tend in ei­ner sün­dig ro­ten Peep­show­ka­bi­ne. Ganz so, als wol­le sie zei­gen, dass auch Frau­en im Sex­ge­wer­be Ver­stand und See­le ha­ben. Ganz in der Tra­di­ti­on des ra­di­ka­len Bür­ger­recht­lers Mal­colm X sieht sie afro­ame­ri­ka­ni­sche Frau­en krass un­ter­be­wer­tet. „Sie sind die am we­nigs­ten ge­schätz­ten Mit­glie­der der ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft. Das muss drin­gend ver­än­dert wer­den.“An­dra Day will mit ih­ren Lie­dern et­was be­wir­ken. Schö­ner Ne­ben­ef­fekt: „Ich fin­de da­bei je­ne Frei­heit, die mir das Le­ben oft ver­wehrt.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.