Der Papst mo­de­riert den Song Con­test

Falk Rich­ters Urauf­füh­rung von »Citt`a del Va­ti­ca­no« wird bei den Fest­wo­chen im Schau­spiel­haus Wi­en zu ei­ner Wut­re­de ge­gen das Rö­misch-Ka­tho­li­sche.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON NOR­BERT MAY­ER

Nein, ei­nen Ses­sel­kreis be­nö­tig­ten die sie­ben Schau­spie­ler und Tän­zer nicht bei der Urauf­füh­rung von „Cit­ta` del Va­ti­ca­no“am Frei­tag im Wie­ner Schau­spiel­haus, ei­ner Ko­pro­duk­ti­on mit den Wie­ner Fest­wo­chen. Es ge­nüg­te ein lan­ger Tisch mit Ses­seln am rech­ten Rand, wo­hin sich die Künst­ler je­weils nach ih­ren Sze­nen zu­rück­zo­gen. Die sonst fast lee­re Büh­ne ist an­fangs noch mit ei­nem leich­ten Vor­hang ver­hüllt. Auf ihm sieht man so wie spä­ter im Hin­ter­grund Mo­ti­ve des iri­schen Schre­ckens­ma­lers Fran­cis Ba­con an­ge­deu­tet: schrei­en­de ho­he Wür­den­trä­ger der ka­tho­li­schen Kir­che.

Die­se Bil­der pas­sen zur Si­tua­ti­on, je­den­falls zur plat­ten ers­ten von zwei St­un­den der Ins­ze­nie­rung des Dra­ma­ti­kers Falk Rich­ter und des Cho­reo­gra­fen Nir de Volff. Sie las­sen das Sep­tett all ih­ren Frust über den Va­ti­kan her­aus­brül­len und -spei­en. Die Kir­che in Rom: bö­se. Ih­re Bank: die bö­ses­te al­ler Ban­ken. Die Geist­li­chen: Kin­der­schän­der. Der ab­ge­tre­te­ne Papst Be­ne­dikt XVI: ein häss­li­cher, schreck­li­cher Mann. „Gei­le­rer“Is­lam. Rasch eta­bliert sich ei­ne fik­ti­ve The­ra­pierun­de, die in meist kunst­lo­ser Form Kon­fes­sio­nen at­ta­ckiert. Der Is­lam steigt da­bei recht güns­tig aus, denn er ha­be, wie der IS be­wei­se, „gei­le­re“Kämp­fer. So muss die al­te Mut­ter Kir­che mit all ih­ren sub­jek­ti­ven Schwä­chen wie auch ob­jek­ti­ven Ver­bre­chen wie­der ein­mal sin­gu­lär da­zu her­hal­ten, die bald schon er­mü­den­den Kom­ple­xe net­ter jun­ger Män­ner und Frau­en zu re­flek­tie­ren. Sie ma­chen das mit fast mys­ti­scher In­brunst.

Re­li­gi­on ist in die­sen Rol­len­spie­len des Teu­fels. Kri­ti­sche Li­te­ra­tur so­wie of­fen­bar per­sön­li­che Er­fah­run­gen, die zu­vor bei in­ten­si­ven Work­shop-Ses­sio­nen im Rah­men der Bi­en­na­le di Ve­ne­zia ver­ar­bei­tet wur­den, er­ge­ben ei­ne ziem­lich ag­gres­si­ve Me­lan­ge aus Welt- ver­schwö­rung und Beich­te klei­ner pri­va­ter Ver­feh­lun­gen. Al­ler­dings ist die Ver­wur­ze­lung im Chris­ten­tum schwach aus­ge­prägt. Nur ei­ner in dem Stück stand ihm als Kind und Ju­gend­li­cher ein­mal na­he, wie er be­kennt und wie sein Vor­trag ei­nes nai­ven Kir­chen­lie­des be­weist. Stef­fen Link spielt die­se Rol­le, er ist so wie Vas­si­lis­sa Rez­ni­koff En­sem­ble­mit­glied des Schau­spiel­hau­ses. Bei­de ma­chen ei­ne gu­te Fi­gur.

Die üb­ri­gen fünf Per­for­mer und Per­for­me­rin­nen wur­den in Ve­ne­dig aus ei­ner Rei­he in­ter­na­tio­na­ler Be­wer­ber aus­ge­wählt: Tel­mo Bran­co, Ga­b­ri­el da Cos­ta, Jo­han­nes Frick und Chris­ti­an Wa­gner im­po­nie­ren in Wi­en vor al­lem durch ih­re ex­zel­len­ten Tanz­ein­la­gen, ver­ein­zelt auch in ih­ren (auf Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch vor­ge­tra­ge­nen) Be­kennt­nis­sen. Tat­ja­na Pes­soa spielt die Mo­de­ra­to­rin mit Mi­kro­fon, sie presst den an­de­ren In­ti­mes ab. Das ist dann groß­teils doch nur künst­le­risch am­bi­tio­nier­tes Par­ty­ge­plap­per. Es stellt sich her­aus, dass ei­ne vor al­lem bi- und ho­mo­se­xu­ell ori­en­tier­te, he­do­nis­ti­sche Grup­pe Dampf ab­lässt. Sie legt ih­re Fin­ger auf of­fe­ne Wun­den. Der Va­ti­kan sei ein Sün­den­pfuhl, der Ho­mo­se­xua­li­tät ver­ur­tei­le, de­ren Pries­ter sie zu­gleich aber heim­lich in­ten­siv prak­ti­zier­ten, so wie den Kin­des­miss­brauch, der zu­ge­deckt wer­de.

Man re­det sich in Ra­ge, Falk Rich­ter fügt auch höchst Ak­tu­el­les hin­zu, et­wa über die FPÖ und rechts­ex­tre­me Strö­mun­gen in Deutsch­land und an­ders­wo in Eu­ro­pa. Das ist rou­ti­nier­te Kla­ge. Aber ge­gen En­de hin ge­schieht ein Wun­der, wird die­se Ins­ze­nie­rung so­gar span­nend und wit­zig, reizt zur Em­pa­thie. In tol­len So­li bricht aus den Darstel­lern her­aus, was sie sind: „Ich bin . . .“Da zeigt sich sehr viel kol­lek­ti­ve Schuld, ein Welt­ver­ant­wor­tungs­ge­fühl. Die Sehn­sucht nach bie­de­rem Idyll wird in ei­nem Brief an ei­nen künf­ti­gen Sohn ent­hüllt: Pa­pa mit sei­nem Lo­ver und sei­ne Ex als Ma­ma. Das sind die Gu­ten. Stef­fen wie­der­um träumt vom Eu­ro­vi­si­on Song Con­test: Ei­ne Grup­pe Miss­brauch­ter tre­te dort als Boy­group für den Va­ti­kan an – und ge­win­ne. Der nächs­te Con­test fin­de in Rom statt, der Papst müs­se mo­de­rie­ren. In Latein. Und schon tan­zen sie zu „Chan­de­lier“von Sia, halb nackt, gei­ßeln sich mit ro­ten Shirts oder neh­men sie als Schlei­er. Das wirkt er­lö­send.

Ei­ne Grup­pe net­ter He­do­nis­ten legt ih­re Fin­ger auf of­fe­ne Wun­den.

© Mat­thi­as He­schl

Sin­gen für den Va­ti­kan: Die Fan­ta­sie ei­ner Boy­group von Miss­brauch­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.