Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KUL­TUR­KAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Ge­spal­te­nes Volk. Der Wahl­kampf war un­er­freu­lich. Aber das ist auch ein Zei­chen der Er­neue­rung. Denn je ech­ter ei­ne De­mo­kra­tie ist, des­to we­ni­ger ku­sche­lig ist sie.

Viel­leicht ist die Auf­re­gung all je­ner, die mir in den ver­gan­ge­nen Ta­gen un­ge­fragt ihr Wahl­ver­hal­ten zur un­be­ding­ten Nach­ah­mung un­ter die Na­se ge­rie­ben ha­ben, ja be­rech­tigt. Aber manch­mal hat­te ich schon das Ge­fühl, die Wäh­ler spal­ten mehr, als es die Kan­di­da­ten tun. Viel­leicht ist das ja auch nor­mal. Wenn sich Le­ben in ein­ze­men­tier­ten Sys­te­men regt, bil­det das Spal­ten.

Und das We­sen der De­mo­kra­tie ist nun ein­mal – mög­li­cher­wei­se ha­ben wir das ein we­nig aus den Au­gen ver­lo­ren – nicht die Ru­he, son­dern der Streit. De­mo­kra­tie be­ruht dar­auf, dass Au­to­ri­tät per­ma­nent neu er­kämpft wer­den muss. Das ist nicht ku­sche­lig. Be­son­ders dann, wenn al­te Macht­er­hal­tungs­stra­te­gi­en nicht mehr wir­ken und da­her die Beu­te vor der Neu­ver­tei­lung steht.

Viel­leicht kommt man­che Un­ent­spannt­heit auch da­her, dass 61 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten bei die­ser Stich­wahl für ei­nen Kan­di­da­ten stim­men müs­sen, den sie schon beim ers­ten Mal nicht un­be­dingt woll­ten. Und schon beim ers­ten Mal wa­ren rund die Hälf­te je­ner, die für Ho­fer und Van der Bel­len ge­stimmt ha­ben, auch nicht tra­di­tio­nel­le Blau­o­der Grün­wäh­ler. Hin­ter den bei­den Kan­di­da­ten ste­hen kei­ne La­ger mehr, son­dern Sam­mel­su­ri­en von An­lie­gen und Ängs­ten, die neue Front­li­ni­en er­ge­ben. Ich ver­fol­ge et­wa mit ge­wis­sem Stau­nen, mit welch fel­sen­fes­ter Über­zeu­gung man­che ka­tho­li­schen Freun­de ei­ne De­bat­te dar­über füh­ren, wel­cher Kan­di­dat der ein­zig wähl­ba­re sei. Noch nie gab es so en­thu­si­as­ti­sche ka­tho­li­sche Ver­ein­nah­mung von zwei Kan­di­da­ten, die bei­de kei­ne Vor­zei­ge­ka­tho­li­ken, ja nicht ein­mal Ka­tho­li­ken sind.

Al­les ist in Be­we­gung. Und das ist gut: Das Be­wusst­sein kehrt zu­rück, dass es bei Wah­len um mehr geht als nur dar­um, dass das ei­ge­ne La­ger ge­winnt. Dass Po­li­tik Kon­se­quen­zen hat. Dass ei­nem nie­mand die Ent­schei­dung ab­nimmt, wer „mein“Kan­di­dat ist. Und dass man die ei­ge­ne Agen­da bei kei­nem Kan­di­da­ten voll­stän­dig wie­der­fin­det. Der Ver­lust al­ter Par­tei­bin­dun­gen und die – heu­te über Face­book & Co. un­ge­hemmt mit­teil­ba­re – Su­che und Fin­dung neu­er Ver­or­tun­gen, Loya­li­tä­ten und Wi­der­stand­shal­tun­gen sind der Weg, wie sich De­mo­kra­ti­en er­neu­ern. Denn das We­sen der De­mo­kra­tie ist nicht die Ru­he, son­dern der Streit.

Streit aber ist auf Dau­er nur er­träg­lich, wenn der Stil passt. Dar­um ist nicht nur wich­tig, was je­mand ver­tritt, son­dern auch, wie. Das be­trifft nicht nur Kan­di­da­ten und Par­tei­en, son­dern auch das Wahl­volk und die Me­di­en, auch die öf­fent­lich­recht­li­chen. Die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl als Ge­ne­ral­pro­be legt uns ans Herz, noch flei­ßig am Stil zu ar­bei­ten, be­vor es 2018 um das Gan­ze geht. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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