Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA ST­EI­NER

Klas­sen­tref­fen. Da kom­men sie zu­sam­men, die Eman­ze und der Ma­cho, der Grü­ne und der Kon­ser­va­ti­ve, und man er­kennt, dass die Grä­ben nie so tief sind, wie sie schei­nen.

Drei­ßig Jah­re. Ich schrei­be das jetzt hin, auch wenn es ein biss­chen schmerzt. Dass ich äl­ter wer­de, dar­an ha­be ich mich ge­wöh­nen kön­nen, das ist nur ei­ne Zahl, die be­stän­dig steigt. Aber dass ich schon drei­ßig Jah­re lang er­wach­sen bin! Ob­wohl, wenn ich mir die Fo­tos von da­mals an­schaue, wir al­le mit un­se­ren un­fer­ti­gen Ge­sich­tern, den selt­sa­men Fri­su­ren und den ab­sur­den Schul­ter­pölstern, muss ich zu­ge­ben: Das wird wohl sei­ne Rich­tig­keit ha­ben.

Wir wer­den uns al­so wie­der ein­mal tref­fen. Es ist nicht das ers­te Mal, des­halb weiß ich, was mich er­war­tet. Vor al­lem: Ver­traut­heit. Mei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den ken­nen mich aus ei­ner Zeit, als ich noch trot­zig war und laut auf der Stra­ße ge­sun­gen ha­be. Und ich kann mich er­in­nern, wie sie wa­ren, be­vor sie zu den Kar­rie­re­frau­en und Fa­mi­li­en­vä­tern wur­den, die sie heu­te sind. Ich wer­de in ih­ren Ge­sich­tern im­mer den Bub oder das Mäd­chen se­hen.

Ich weiß, es gibt an­de­re Er­fah­run­gen, Ma­tu­ran­ten, die aus­ein­an­der­ge­gan­gen sind – und je­der war froh, dass er nie wie­der ge­zwun­gen sein wür­de, sich mit den an­de­ren im glei­chen Zim­mer auf­zu­hal­ten.

Wir hat­ten Glück. Ehr­gei­zig un© fŻul. So ei­ne Klas­se ist ja ein so­zia­les Ex­pe­ri­ment: 20 bis 30 Kin­der, zu­fäl­lig zu­sam­men­ge­wür­felt, we­der durch Bluts­ban­de noch durch In­ter­es­sen noch durch Wel­t­an­schau­ung mit­ein­an­der ver­bun­den, ste­cken über Jah­re hin­weg tag­täg­lich zu­sam­men, auf al­le­rengs­tem Raum. Groß und klein, ehr­gei­zig und faul, laut und lei­se, sport­lich und mu­si­ka­lisch, links und rechts. Was soll­te der Klas­sen­pri­mus, von dem wir die Haus­auf­ga­ben ab­schrie­ben, mit der stör­ri­schen Kat­ha­ri­na an­fan­gen, die im Un­ter­richt nie den Mund auf­mach­te? Die ge­er­de­te, für uns un­er­reich­bar rei­fe Bar­ba­ra mit der zur Hys­te­rie nei­gen­den Ga­bi? Und ich, die ich un­ter der Schul­bank Si­mo­ne de Be­au­voir las, mit Ste­fan, der beim Mit­tel­schü­ler-Kar­tell­ver­band an­ge­heu­ert hat­te und gern er­klär­te, sei­ne Frau müs­se vor al­lem ei­nes kön­nen: ko­chen.

Sehr viel. Sehr viel konn­ten wir mit­ein­an­der an­fan­gen. Wenn sich Ste­fans Wün­sche er­füllt ha­ben, dann kann ich mich von Her­zen dar­über freu­en – und er um­ge­kehrt sich mit mir. Denn in die­sen vier Jah­ren, in de­nen wir ja nicht nur ge­mein­sam die Schul­bank drück­ten, son­dern auch Kar­ten spiel­ten und Spitz­na­men er­fan­den, in de­nen wir uns ver­lieb­ten und ent­täuscht wur­den, in de­nen wir die Pau­sen ver­trö­del­ten und uns beim Schwin­deln deck­ten, in die­sen vier Jah­ren ha­ben wir ge­lernt, dass ei­ne Eman­ze nicht nur ei­ne Eman­ze ist, ein CVer nicht nur ein CVer, ein Klas­sen­pri­mus nicht nur ein Klas­sen­pri­mus. Wenn das Ex­pe­ri­ment Klas­se glückt, dann er­kennt man, dass die Grä­ben nie so tief sind, wie man glaubt.

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