UM­STIEG

Die Presse am Sonntag - - Eco -

Mi­n­a­mi­so­ma

liegt 25 Ki­lo­me­ter nörd­lich der Atom­kraft­werks­rui­ne Fu­kus­hi­ma-Daiichi. Frü­her hing hier ein Groß­teil der Ar­beits­plät­ze von der Nu­kle­ar­ener­gie ab, der Rest ar­bei­te­te in der heu­te vie­ler­orts in Brach­land ver­wan­del­ten Land­wirt­schaft.

Blau­pau­se.

Soll­ten an­de­re Städ­te dem Bei­spiel Mi­n­a­mi­so­mas fol­gen, wird der Küs­ten­ort auch zur Blau­pau­se, wie man ei­ne lo­ka­le Öko­no­mie in kur­zer Zeit völ­lig um­krem­pelt – vom Ar­beits­markt bis zur Ener­gie­ver­sor­gung. wird nicht sa­gen kön­nen, dass Atom­strom bil­lig ist.“

Und die Ver­sor­gungs­si­cher­heit? Der­zeit im­por­tiert Ja­pan, wo es we­der Öl noch viel Gas oder Koh­le­vor­kom­men gibt, mehr als 80 Pro­zent sei­nes Ener­gie­ver­brauchs aus dem Mitt­le­ren Os­ten. Ei­ne ex­trem ho­he Im­port­ab­hän­gig­keit, oben­drein aus ei­ner po­li­tisch in­sta­bi­len Re­gi­on. Mat­sub­a­ra ist auch da­von nicht be­ein­druckt. Sein In­sti­tut hat aus­ge­rech­net, dass Ja­pan, wenn es heu­te die Wei­chen stellt, bis 2050 völ­lig oh­ne Ener­gie­im­por­te aus­kom­men könn­te. „Und zwar auch oh­ne Atom­strom, aus­schließ­lich mit Er­neu­er­ba­ren“, fügt Mat­sub­a­ra hin­zu. Er­geb­nis­se, die den mit der Re­gie­rung gut ver­netz­ten Strom­ver­sor­gern nicht ge­fal­len. Zu­mal an­de­re In­sti­tu­te zu ähn­li­chen Er­geb­nis­sen kom­men. Da­zu ge­hö­ren WWF Ja­pan, Gre­en­peace Ja­pan, der Kli­ma­schutz­ver­ein Ki­ko Net­work, aber auch die US-ame­ri­ka­ni­sche St­an­ford Uni­ver­si­ty. Erd­wär­me für die Stadt. Man muss Ja­pan nur kurz be­su­chen, um zu se­hen, dass das Land über reich­lich er­neu­er­ba­re Ener­gie­quel­len ver­fügt. Die gro­ße In­sel Kyus­hu im Süd­wes­ten des Lan­des ge­hört zu den geo­ther­mal ak­tivs­ten Re­gio­nen der Welt. Dort wer­den gan­ze Städ­te durch Erd­wär­me ver­sorgt. Fast über­all im Land sind die Som­mer heiß, und ge­ra­de an der Küs­te ist es stets win­dig, was sich so­wohl für Wind- als auch Was­ser­kraft eig­net. Doch als die Er­neu­er­ba­ren welt­weit spä­tes­tens ab den 1990er-Jah­ren mo­dern wur­den, ver­schlie­fen To­kios Bü­ro­kra­ten die­sen Trend. Heu­te liegt Ja­pans re­ge­ne­ra­ti­ver An­teil im Ener­gie­mix bei rund zehn Pro­zent, nur ei­nen Tick hö­her als 1990, und deut­lich un­ter dem welt­wei­ten Durch­schnitt.

Mi­n­a­mi­so­ma geht sei­nen ei­ge­nen Weg. Vor der Küs­te wur­de vor Kur­zem der größ­te Wind­park der Welt ge­baut, der die Ge­gend nun mit Strom ver­sor­gen soll. Seit drei Jah­ren läuft auf dem Bo­den, auf dem frü­her Bau­ern­hö­fe stan­den, zu­dem ei­ne An­la­ge mit mehr als 2000 So­lar­pa­nels. An ei­nem Vor­mit­tag führt Grün­der Ei­ju Han­gai, der frü- her für Tep­co ge­ar­bei­tet hat, den Be­trei­ber des Kraft­werks Fu­kus­hi­ma, Be­su­cher durch den Park. „Sehr ge­ehr­te Gäs­te“, sagt der Mann im schwar­zen An­zug, aber oh­ne Kra­wat­te, vol­ler Eu­pho­rie, „ich glau­be fest dar­an, dass Fu­kus­hi­ma schon bald für ei­nen nach­hal­ti­gen Le­bens­stil ste­hen kann.“Sei­ne So­lar­kraft­an­la­ge kann im­mer­hin 170 Haus­hal­te ver­sor­gen, treibt über­dies ein Ge­mü­se­ge­wächs­haus an, des­sen Er­zeug­nis­se schon Strah­lungs­tests pas­siert ha­ben und in den Ver­kauf ge­gan­gen sind.

Fünf von sechs Ein­woh­nern ver­lie­ßen die Stadt. Vie­le Jun­ge blei­ben bis heu­te fern.

Ist das die Zu­kunft für Mi­n­a­mi­so­ma? Ei­ju Han­gai ist op­ti­mis­tisch, auch wenn es bis­her nur ei­ne Hand­voll sol­cher neu­er grü­ner Be­trie­be gibt. „Wir brau­chen mehr Un­ter­neh­mer, die hier et­was Neu­es auf­bau­en wol­len“, sagt er. Im­mer­hin gibt es ge­ra­de hier für Neu­grün­dun­gen staat­li­che För­de­rung. Nur könn­te Mi­n­a­mi­so­ma auch das Per­so­nal für sol­che Pro­jek­te feh­len. Seit die Be­völ­ke­rung nach der Ka­ta­stro­phe vor­über­ge­hend auf 10.000 Ein­woh­ner ge­schrumpft ist, sind nur die äl­te­ren Be­woh­ner zu­rück­ge­kehrt.

Viel­leicht hat Mi­n­a­mi­so­ma aber auch hier ei­ne Ant­wort. Die Stadt­ver­wal­tung hat auch be­schlos­sen, ei­ne „Stadt des Al­terns“zu wer­den. Äl­te­re Men­schen sol­len an­ge­lockt wer­den, ei­ner­seits durch in­tel­li­gen­te und kom­for­ta­ble Woh­nun­gen, an­de­rer­seits durch die Aus­sicht der Sub­sis­tenz­wirt­schaft, die en­er­gie­spa­rend ist. Da­mit wä­re aus der de­mo­gra­fi­schen Not ei­ne Tu­gend ge­macht. Keiichi Sa­to, der Feu­er­wehr­mann, geht bald in Ren­te. Wenn es so weit ist, sagt er und schmeißt die Zei­tung in die Ecke, „will ich mehr So­lar­pa­nels kau­fen und da­mit mein ei­ge­nes Haus ver­sor­gen“. Dann wer­de er un­ter al­ten Be­kann­ten Wer­bung für Mi­n­a­mi­so­ma ma­chen. „Seit uns so vie­le Ein­woh­ner ver­las­sen ha­be“, sagt er halb scher­zend und halb trau­rig, „ha­ben wir ja ei­ne Men­ge Platz hier.“

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