Der Kreis des Ver­trau­ens

Ös­ter­reichs Te­am­chef Mar­cel Kol­ler setzt bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft auf 23 alt­be­währ­te Kräf­te. Was den Ka­der aus­zeich­net, wel­che Ris­ken be­ste­hen: ei­ne Be­stands­auf­nah­me.

Die Presse am Sonntag - - Euro2016 - VON CHRISTOPH GASTINGER

Va­len­ti­no La­za­ro wuss­te ganz genau, was ihn beim letzt­wö­chi­gen Trai­nings­lehr­gang des ös­ter­rei­chi­schen Na­tio­nal­teams im Schwei­zer Laax er­war­ten wür­de. Der 20-Jäh­ri­ge vom hei­mi­schen Meis­ter Salz­burg war von Te­am­chef Mar­cel Kol­ler et­was über­ra­schend in den Ka­der für die EM-Vor­be­rei­tung ein­be­ru­fen wor­den. Bis 31. Mai al­ler­dings muss­te der Schwei­zer die­sen noch um ei­nen Spie­ler auf 23 Mann re­du­zie­ren. La­za­ro durf­te sich nie ech­te Hoff­nun­gen auf ein Last-Mi­nu­te-Ti­cket für Frank­reich ma­chen. Na­tür­lich hät­te der Youngs­ter gern Eu­ro-Luft ge­schnup­pert, die Eli­mi­nie­rung war je­doch kei­ne Über­ra­schung. „Das war ganz klar so be­spro­chen“, sag­te La­za­ro.

Kol­ler hat­te wohl schon mit dem Ab­pfiff des letz­ten Spiels der EM-Qua­li­fi­ka­ti­on im Herbst bei­na­he den ge­sam­ten Eu­ro-Ka­der für sich geis­tig no­tiert. Ös­ter­reichs Na­tio­nal­mann­schaft glich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ner na­he­zu ge­schlos­se­nen Ge­sell­schaft. Dau­er­haf­ten Ein­tritt er­hält nur, wer den Te­am­chef rest­los über­zeugt. In der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit er­hiel­ten Gui­do Burg­stal­ler (Nürn­berg) und Ales­san­dro Schöpf (Schal­ke) Ein­la­dun­gen zum Team und die da­mit sel­te­ne Chan­ce zur Be­wäh­rung. Der jun­ge Schöpf, 22, wuss­te zu ge­fal­len. Er darf nun so­gar mit nach Frank­reich. Burg­stal­lers Eu­ro-Traum platz­te letzt­lich ge­nau­so wie je­ner von Ro­bert Gu­cher (Fro­si­no­ne), Flo­ri­an Kainz (Ra­pid) oder Ka­rim Oni­si­wo (Mainz). Das Trio war beim No­vem­ber-Trai­nings­lehr­gang in Spa­ni­en Teil des Teams. Fik­ti­on und Rea­li­tät. Kol­ler hat seit sei­nem Amts­an­tritt 2011 ei­ne schlag­kräf­ti­ge Na­tio­nal­mann­schaft ge­formt, die­se bis in die Top Ten der Welt­rang­lis­te und zur EM-End­run­de ge­führt. Der Schwei­zer gilt al­ler­dings nicht nur als Fuß­ball­fach­mann, der 55-Jäh­ri­ge ver­kör­pert weit mehr. Er ver­steht es, Men­schen mit sei­ner be­son­ne­nen, aber zugleich di­rek­ten Art zu er­rei­chen und zu lei­ten, die Zäh­mung des Mar­ko Arnau- to­vic´ gilt als ei­ne sei­ner größ­ten Er­run­gen­schaf­ten. Ge­gen­sei­ti­ges Ver­trau­en ist da­bei die Ba­sis sei­nes Er­folgs­prin­zips. Als Kol­ler erst ein­mal sei­ne Au­ser­wähl­ten um sich ver­sam­melt hat­te, wur­de sämt­li­chen Wi­der­stän­den ge­trotzt.

Da stör­te es nicht wei­ter, dass et­wa Stür­mer und Aus­tra­li­en-Le­gio­när Marc Jan­ko für je­des Spiel der Na­tio­nal­mann­schaft ei­ne Welt­rei­se zu be­strei­ten hat­te. Oder Tor­hü­ter Ro­bert Al­mer in Deutsch­land we­nig bis gar kei­ne Spiel­pra­xis er­hielt. Oder Ka­pi­tän Chris­ti­an Fuchs bei Schal­ke nur noch Re­ser­vist war. Wer erst ein­mal Kol­lers Ver­trau­en gewonnen hat­te, der durf­te sich glück­lich schät­zen. Da­bei war die un­ter Te­am­chefs doch sel­te­ne und spe­zi­el­le Vor­ge­hens­wei­se nicht frei von Ris­ken. Was, wenn Jan­ko zum Chan­cen­tod mu­tiert wä­re? Oder der Stei­rer Al­mer ein Stei­rer­tor nach dem an­de­ren kas­siert hät­te? All das blieb Fik­ti­on. In der Rea­li­tät schoss Jan­ko To­re am Fließ­band und Al­mer mach­te Groß­chan­cen zu­nich­te.

Für Fuß­bal­ler ist das Ver­trau­en des Trai­ners das höchs­te Gut. Es be­flü­gelt, macht au­ßer­or­dent­li­che Leis­tun­gen erst mög­lich. Auf dem Weg nach Frank­reich, in der höchst er­folg­rei­chen EM-Qua­li­fi­ka­ti­on (28 von 30 mög­li­chen Punk­te), hat sich un­ter Kol­ler ein Stamm eta­bliert. Ei­ne er­le­se­ne Aus­wahl von Spie­lern, so­zu­sa­gen ei­ne Pa­ra­de-Elf. Nur bei ver­let­zungs­be­ding­ten Aus­fäl­len oder Sper­ren wer­den Kor­rek­tu­ren vor­ge­nom­men. Kol­ler ver­steht es, auch je­nen Spie­lern, die in der Re­gel nicht ers­te Wahl sind, das Ge­fühl zu ver­mit­teln, ge­braucht zu wer­den, Teil des gro­ßen Gan­zen zu sein. Die zwei­te Gar­de hat die Rol­len­ver­tei­lung ak­zep­tiert, in­ter­ne Gr­a­ben­kämp­fe gibt es kei­ne, me­dia­le Kampf­an­sa­gen eben­so we- nig. „Aber wenn ich ge­braucht wer­de, wenn sich die Chan­ce bie­tet, dann möch­te ich da sein“, sagt Oko­tie und ver­mit­telt da­mit den Grund­te­nor der Te­am­re­ser­vis­ten. Qua­li­täts­un­ter­schied. Er­zwun­ge­ne Wech­sel­spie­le (Il­s­an­ker für Ala­ba, Oko­tie für Jan­ko) ha­ben in der Qua­li­fi­ka­ti­on gut funk­tio­niert, doch tun sie das auch auf der nächst­hö­he­ren Ebe­ne, bei ei­ner EM-End­run­de? Ös­ter­reichs Mann­schaft ver­fügt, an­ders als noch vor ei­ni­gen Jah­ren, über ei­nen re­la­tiv brei­ten Ka­der. Ein Qua­li­täts­ver­lust ist beim Feh­len ge­wis­ser Spie­ler al­ler­dings un­be­strit­ten. Arn­au­to­vic´ et­wa ist auf dem Flü­gel zu ei­ner un­ver­zicht­ba­ren Stüt­ze her­an­ge­reift. Er sucht Eins­ge­gen-eins-Si­tua­tio­nen, ist an gu­ten Ta­gen für je­de Ab­wehr ein schwer zu ver­tei­di­gen­der Spie­ler. Zlat­ko Ju­nu­zo­vic´ fun­giert im Zen­trum als krea­ti­ver Kopf und Ru­he­pol in Per­so­nal­uni­on, spielt im Zen­trum ei­ne noch tra­gen­de­re Rol­le als Da­vid Ala­ba. Und über die Be­deu­tung von Ju­li­an Baum­gart­lin­ger gibt es oh­ne­hin kei­ne zwei Meinungen. Der Neo-Le­ver­ku­se­ner paart sei­ne un­ge­heu­ren läu­fe­ri­schen Qua­li­tä­ten mit fei­ner Technik.

Ech­te Sor­gen be­rei­tet der­weil die rech­te Seite im Spiel der Ös­ter­rei­cher. Martin Har­nik und Flo­ri­an Klein, bei­de mit Stutt­gart ab­ge­stie­gen, man­gelt es an Selbst­ver­trau­en. Aber bis zum An­pfiff ge­gen Un­garn (14. Ju­ni) hat der Psy­cho­lo­ge Kol­ler ja noch Zeit.

In der EM-Qua­li­fi­ka­ti­on hat sich ein Stamm, so­zu­sa­gen ei­ne Pa­ra­de-Elf, for­miert.

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