Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA ST­EI­NER

Auf Rei­sen: All der Kram, mit dem wir uns be­schwe­ren, der uns an der Ver­gan­gen­heit und am All­tag fest­zurrt, ist vie­le Ki­lo­me­ter weit weg.

Ich ver­rei­se. Es gibt we­nig, was ich lie­ber tue. Am Rei­sen mag ich fast al­les: das Rat­tern des Zugs, das mich heu­te noch so an­ge­nehm schläf­rig macht wie als klei­nes Kind. Den Mo­ment, in dem das Flug­zeug ab­hebt, und mir ein klei­nes biss­chen mul­mig wird, aber das kommt nur vom Ma­gen. Die fremden Pla­ka­te ent­lang der Land­stra­ßen, die ich zu ent­zif­fern ver­su­che, auch wenn ich die Spra­che gar nicht kann. So­gar die U-Bahn-Ti­cket­sys­te­me vor Ort fin­de ich auf­re­gend. Beim Rei­sen wer­de ich mir für kur­ze Zeit selbst ein biss­chen fremd, und nein, ich glau­be nicht, dass das an den Spie­geln in den Ho­tels oder Ap­par­te­ments liegt, die an­ders be­leuch­tet sind als die zu Hau­se.

Was ich am Rei­sen nicht so mag, ist Pa­cken. Dar­um ha­be ich es au­to­ma­ti­siert. Es gibt ei­ne Lis­te für je­des Fa­mi­li­en­mit­glied, von Ak­ku bis Zahn­bürs­te steht da al­les drauf, das packt sich fast von selbst, die Re­gen­ja­cke für den Nor­den und der Bi­ki­ni für den Sü­den, das Set mit UNO-Kar­ten für den Abend. Und na­tür­lich: die aus­ge­tre­te­nen San­da­len oder Stie­fel.

Denn mit neu­en Schu­hen geht man nicht auf Rei­sen. All der Kram! Es ist ein­fa­cher ge­wor­den, das Pa­cken. Frü­her muss­ten Kas­set­ten und Rei­se­füh­rer, ein Walk­man und Stadt­plä­ne, der Fo­to­ap­pa­rat und Wör­ter­bü­cher ver­staut wer­den, heu­te ge­nügt ein Han­dy. Und es ist schwe­rer ge­wor­den: da in je­dem Ur­laub et­was da­zu­ge­kom­men ist, ein Tuch, ein auf­blas­ba­rer Del­fin, ein be­que­mer Son­nen­hut mit brei­ter Krem­pe, und man muss sich gut über­le­gen, ob man das al­les mit­neh­men will, denn das Schöns­te am Rei­sen ist ja, dass man so we­nig braucht. All der Kram, mit dem wir uns be­schwe­ren, der uns an der Ver­gan­gen­heit und am All­tag fest­zurrt, ist vie­le Ki­lo­me­ter weit weg. Es gibt kei­ne Plat­ten­samm­lung und kei­ne Fo­to­al­ben, kei­ne Kis­ten mit zu klein ge­wor­de­nem Kin­der­ge­wand und kei­ne Map­pen mit Steu­er­un­ter­la­gen, kei­ne Pflan­ze, die zu gie­ßen, und kei­ne Post, die zu öff­nen wä­re. Ein paar Lei­berln, ei­ne Ja­cke, ei­ne Je­ans. Am Abend trin­ken wir den Wein aus Was­ser­glä­sern, und für den Kaf­fee am Mor­gen reicht die klei­ne acht­ecki­ge Es­pres­so­kan­ne. Um Cre­pesˆ zu ma­chen, ler­nen wir im Ur­laub, braucht es kei­nen Mi­xer, nur ei­ne Ga­bel.

Und dann? Dann kommt man wie­der nach Hau­se und wun­dert sich, weil al­les noch ge­nau­so aus­sieht wie bei der Abrei­se, nichts ist pas­siert, und in ei­nem nächs­ten Schritt fragt man sich, war­um man denn ge­glaubt hat, ir­gend­et­was hät­te sich ver­än­dern müs­sen – viel­leicht, weil wir nicht mehr genau so sind wie vor­her und an­neh­men, dass sich das ir­gend­wie zei­gen soll­te an den Din­gen, an den Stra­ßen, an den Häu­sern? An den Men­schen? Und viel­leicht ist das ja auch so, und wir se­hen es nur nicht gleich.

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