Zwi­schen Ren­zi und Gu­sen­bau­er

»New De­al« und Ma­schi­nen­steu­er: Wie passt das zu­sam­men? Über den Wirt­schafts­po­li­ti­ker Chris­ti­an Kern: Ver­such ei­ner Ei­n­ord­nung.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON THO­MAS PRIOR

Seit ei­ner Wo­che wun­dern sich nicht nur Un­ter­neh­mer und Un­ter­neh­mer­ver­tre­ter, was bei Chris­ti­an Kern al­les mög­lich ist. Wie kann die­sel­be Per­son, die der frus­trier­ten Wirtschaft ei­nen „New De­al“ver­spro­chen hat, plötz­lich für ei­ne Ma­schi­nen­steu­er und ei­ne Ar­beits­zeit­ver­kür­zung ein­tre­ten, fra­gen sie sich.

An­de­re wun­dern sich über die Ver­wun­de­rung. Im­mer­hin hat der neue Kanz­ler schon am 19. Mai bei sei­ner An­tritts­re­de im Par­la­ment ge­sagt, dass man die Fi­nan­zie­rung der So­zi­al­sys­te­me auf ei­ne brei­te­re Ba­sis stel­len müs­se. In SPÖ-Krei­sen ist das der Co­de für ei­ne Wert­schöp­fungs­ab­ga­be.

Beim Na­men nann­te Kern die Din­ge dann beim Par­tei­tag der Kärnt­ner SPÖ ver­gan­ge­nes Wo­che­n­en­de. Wor­auf­hin nicht nur die „Neue Zürcher Zei­tung“mein­te, der ös­ter­rei­chi­sche Kanz­ler grei­fe „tief in die Mot­ten­kis­te so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Wirt­schafts­po­li­tik“. Neu ist die Wert­schöp­fungs­ab­ga­be nun wirk­lich nicht. SPÖ-So­zi­al­mi­nis­ter Al­f­red Dal­lin­ger hat sie vor 30 Jah­ren un­ter dem Be­griff Ma­schi­nen­steu­er er­fun­den. Un­ter­neh­men soll­ten nicht nur für ih­re Ar­beit­neh­mer So­zi­al­ab­ga­ben zah­len, son­dern auch für Ro­bo­ter und Com­pu­ter, die im­mer öf­ter mensch­li­che Ar­beits­kraft er­setz­ten.

Wie pas­sen sol­che Re­tro-Ide­en zu ei­nem Kanz­ler, der beim Pioneers Fes­ti­val En­de Mai in Wi­en, ei­nem Ver­net­zungs­tref­fen der Start-up-Sze­ne, kri­ti­siert hat, dass zu we­nig pri­va­tes Ka­pi­tal in jun­ge Un­ter­neh­men ge­steckt wer­de? Er­zählt Kern je­dem, was er hö­ren will? Vi­el­leicht ist es ja genau um­ge­kehrt: In der ers­ten Auf­bruch­seu­pho­rie hör­te je­der nur, was er vom neu­en Kanz­ler hö­ren woll­te. Da­bei schei­nen vie­le ver­ges­sen zu ha­ben, mit wem sie es zu tun ha­ben: Kern ist So­zi­al­de­mo­krat. Und da­mit An­hän­ger ei­ner mehr oder we­ni­ger vom Staat ein­ge­heg­ten Wirtschaft.

Auch der „New De­al“war ur­sprüng­lich ein in­ter­ven­tio­nis­ti­sches Pro­gramm. US-Prä­si­dent Fran­klin D. Roo­se­velt hat­te es in den 1930er-Jah­ren ge­gen die ho­he Ar­beits­lo­sig­keit ent­wi­ckelt. Stra­ßen und Schu­len wur­den ge­baut, Schau­spie­ler und Ma­ler beim Staat an­ge­stellt. Vor al­lem aber wur­de ein Ver­si­che­rungs­sys­tem für Pen­sio­nis­ten und Ar­beits­lo­se ge­schaf­fen.

In ei­nem „Fal­ter“-In­ter­view die­se Wo­che sag­te Kern Sät­ze, die auch von Wer­ner Fay­mann hät­ten stam­men kön­nen: Der Neo­li­be­ra­lis­mus hät­te die glo­ba­le Un­gleich­heit mas­siv ver­schärft. In Ös­ter­reich ge­be es „noch ein paar Ado­ran­ten (des neo­li­be­ra­len Pa­ra­dig­mas, Anm.), die den Dis­kurs be­stim­men und er­klä­ren, das ein­zig Wich­ti­ge sei es, Schul­den oh­ne Rück­sicht auf Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung zu re­du­zie­ren.“

Zwei­fel an der eu­ro­päi­schen Spar­po­li­tik hat­te der Kanz­ler schon bei sei­ner An­tritts­re­de ge­äu­ßert, wenn auch et­was ver­klau­su­liert: „Es wird ei­ne der wich­tigs­ten Stoß­rich­tun­gen un­se­rer Be­mü­hun­gen sein, wie­der Spiel­räu­me für öf­fent­li­che In­ves­ti­tio­nen zu­rück­zu­ge­win­nen.“Steht Kern al­so doch wei­ter links als ge­mein­hin an­ge­nom­men?

Der frü­he­re SPÖ-Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Joe Ka­li­na ver­neint das ve­he­ment. „Kern ist ein über­zeug­ter An­hän­ger der Markt­wirt­schaft und des Wett- be­werbs, aber mit so­zia­lem Im­pe­tus.“Man dür­fe die Aus­sa­gen bei ei­nem Par­tei­tag nicht über­be­wer­ten. Bei ei­nem sol­chen „Hoch­amt“spre­che je­de Par­tei ihr Glau­bens­be­kennt­nis. Und in der SPÖ ge­hör­ten die Ma­schi­nen­steu­er und die Ar­beits­zeit­ver­kür­zung eben da­zu.

Wo­bei zu­min­dest Ers­te­re kein Wi­der­spruch zur so­zia­len Markt­wirt­schaft sei. Man müs­se sie nur zeit­ge­mäß um­set­zen, näm­lich in Ver­bin­dung mit ei­nem „New De­al“. Was Ka­li­na dar­un­ter ver­steht? „Bü­ro­kra­tie ab­bau­en, Ge­wer­be­ord­nung ent­rüm­peln, Frei­räu­me für Un­ter­neh­men schaf­fen.“Und ins­ge­samt – aber das ha­be Kern ja im­mer be­tont – dür­fe die Steu­er- und Ab­ga­ben­quo­te nicht noch wei­ter stei­gen. Nä­he zum Leis­tungs­be­griff. Je­ne, die den Kanz­ler seit Lan­gem ken­nen, be­schei­ni­gen ihm ein Na­he­ver­hält­nis zum Leis­tungs­be­griff. Bei den ÖBB ha­be er be­wie­sen, dass Staats­be­trie­be nicht au­to­ma­tisch zum Schei­tern ver­ur­teilt sind. In­tern ha­be er die Bot­schaft aus­ge­ge­ben: „Wir sind ein Un­ter­neh­men, kein Ver­sor­gungs­pro­gramm.“

Ka­li­na sieht den Kanz­ler so­gar un­ter dem Schlag­wort „so­li­da­ri­sche Hoch­leis­tungs­ge­sell­schaft“, das von Al­f­red Gu­sen­bau­er ge­prägt wur­de. Mit sei­nem Vor­vor­gän­ger pflegt Kern ei­ne Freund­schaft. Mit­un­ter holt er auch sei­nen Rat ein. Es gab so­gar das Ge­rücht, Kern und Ex-Sie­mens-Che­fin Bri­git­te Ede­rer hät­ten die­se Gu­sen­bau­er-Vi­si­on, in der die So­zi­al­de­mo­kra­tie An­lei­he beim Li­be­ra­lis­mus nimmt, einst mit er­fun­den. Doch Kern hat das vor Kur­zem in klei­ner Run­de be­strit­ten: Gu­sen­bau­er ha­be hier die al­lei­ni­ge Ur­he­ber­schaft.

Wel­t­an­schau­lich sind sich die bei­den – bei al­len Un­ter­schie­den im so­zia­len Ver­hal­ten – nicht un­ähn­lich. Ei­ne ho­he Mei­nung hat Kern auch vom ehe­ma­li­gen Fi­nanz­mi­nis­ter Fer­di­nand La­c­i­na, der 1993 die Ver­mö­gen­steu­er ab- Neue und al­te De­als: Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern an sei­nem Ar­beits­platz. Be­zie­hung mit der Pri­vat­wirt­schaft. Die öf­fent­li­che Hand soll in Grund­la­gen­for­schung in­ves­tie­ren. De­ren Er­geb­nis­se set­zen Un­ter­neh­men dann in Markt­er­fol­ge um. Wo­von wie­der­um der Staat pro­fi­tiert. App­les iPho­ne dient Kern hier re­gel­mä­ßig als Bei­spiel.

Da­bei war ihm der Markt nicht im­mer ge­heu­er. Mit 18 grün­de­te Kern in Sim­me­ring ei­ne Be­zirks­grup­pe der Al­ter­na­ti­ven Lis­te, ei­ner Vor­läu­fe­rin der Grü­nen mit mar­xis­ti­schen Zü­gen. Er ha­be da­mals „Be­rufs­re­vo­lu­tio­när“wer­den wol­len, er­zählt Kern gern. Nach der Lek­tü­re von Che Gue­va­ras Ta­ge­bü­chern sei ihm die­ses Le­ben je­doch zu ent­beh­rungs­reich er­schie­nen. Als Stu­dent lan­de­te er schließ­lich bei den So­zia­lis­ti­schen Stu­den­ten (VSStÖ).

Als To­ny Blair An­fang der Neun­zi­ger­jah­re New La­bour be­grün­de­te, lern­te auch Kern – mitt­ler­wei­le SPÖ-Mit­ar­bei­ter – „den Wert der Prag­ma­tik“ken­nen, wie es Ex-Klub­ob­mann Pe­ter Ko­s­tel­ka, Kerns lang­jäh­ri­ger Chef, im „Stan­dard“for­mu­lier­te. Das deckt sich mit dem, was an­de­re Weg­ge­fähr­ten über den Kanz­ler sa­gen. Wirt­schafts­po­li­tisch sei er we­ni­ger Ideo­lo­ge. Aber in Ver­tei­lungs­fra­gen ste­he er „links der Mit­te“.

So är­gert Kern, dass in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne wie Goog­le so we­nig Steu­ern zah­len. Und sein Be­fund, wo­nach es heu­te leich­ter sei, ein Ver­mö­gen zu hal­ten als zu er­wirt­schaf­ten, lässt sich auch als pro­gram­ma­ti­sche An­sa­ge ver­ste­hen. Die Ma­schi­nen­steu­er, mei­nen Kern-Ken­ner, sei nur der ers­te Teil ge­we­sen. Weitere For­de­run­gen aus der „Mot­ten­kis­te so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Wirt­schafts­po­li­tik“dürf­ten fol­gen. Ei­ne Erb­schafts­steu­er et­wa. Und an­de­re For­men der Ver­mö­gens­be­steue­rung.

Zum Glau­bens­be­kennt­nis der SPÖ ge­hört eben auch die Ma­schi­nen­steu­er.

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