Schwar­zer Pyr­rhus­sie­ger

An ÖVP-Klub­ob­mann und Tak­ti­ker Lo­pat­ka gibt es in der Frak­ti­on und bei Funk­tio­nä­ren Kri­tik. Das Ver­hält­nis zu SPÖ-Klub­chef Schie­der ist nach der Ent­schei­dung über die Rech­nungs­hof-Prä­si­den­tin ge­stört.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON KARL ET­TIN­GER

Es ist ei­ne an­ge­neh­me Pflicht für den ÖVP-Klub­ob­mann im Par­la­ment. Rein­hold Lo­pat­ka wird heu­te, Sonn­tag, in sei­nem Hei­mat­be­zirk Hart­berg-Fürs­ten­feld die Mes­se im Im­puls­zen­trum Vorau be­eh­ren. Dort ha­ben sich in­no­va­ti­ve Be­trie­be, et­wa für Al­ter­na­tiv­ener­gie, mit dem Ziel zu­sam­men­ge­tan, die Wirtschaft in der Ost­stei­er­mark an­zu­kur­beln.

Nach der ner­ven­auf­rei­ben­den Ent­schei­dung um die Rech­nungs­hof-Spit­ze ist das wie ein Ent­span­nungs­ur­laub für den 56-jäh­ri­gen Stei­rer. Im Ho­hen Haus hat Lo­pat­ka mit Mar­git Kra­ker ei­ne schwar­ze Par­tei­kol­le­gin, die stei­ri­sche Rech­nungs­hof-Prä­si­den­tin und lang­jäh­ri­ge Bü­ro­che­fin des stei­ri­schen Lan­des­haupt­man­nes Herr­mann Schüt­zen­hö­fer, durch­ge­boxt.

Al­ler­dings um den Preis, dass sich zu­erst der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPÖ vom schwar­zen Stra­te­gen er­presst sah und da­nach Heinz-Chris­ti­an Stra­che und die FPÖ bla­miert da­stan­den. Be­rich­tet wird von ei­ner Ab­ma­chung, dass Hel­ga Berger, Ex-Ka­bi­netts­che­fin von Vi­ze­kanz­le­rin Su­san­ne Riess (FPÖ), mit­tels ei­nes schwarz-blau­en Coups zur Rech­nungs­hof-Prä­si­den­tin ge­kürt wer­den soll­te. Stra­che gibt ÖVP-Si­gna­le zu, be­strei­tet aber ei­nen „De­al“. SPÖ-Miss­trau­en. Jetzt hat selbst die über Jah­re be­ste­hen­de gu­te Ach­se zwi­schen Lo­pat­ka und SPÖ-Klub­ob­mann Andreas Schie­der ei­nen or­dent­li­chen Knacks be­kom­men. Nam­haf­te Ro­te trau­en dem frü­he­ren ÖVP-Ge­ne­ral­se­kre­tär und Chef der „Gift­kü­che“(Co­py­right SPÖ) in der schwarz-blau­en Ära von Bun­des­kanz­ler Wolf­gang Schüs­sel nicht über den Weg. Für vie­le Ro­te, ob im Klub oder in der Par­tei, ist es kaum zu er­tra­gen, wie sehr Lo­pat­ka zu­min­dest un­ter­schwel­lig mit der schwarz­blau­en Kar­te, un­ter­stützt vom Stro­nach-Brö­sel-Team, ver­sucht, die SPÖ zu de­mü­ti­gen und vor­zu­füh­ren.

An der Per­son und der Stra­te­gie von Lo­pat­ka schei­den sich al­ler­dings auch ÖVP-in­tern die Geis­ter. Von vi­fen schwar­zen Par­tei­stra­te­gen wird der Klub­chef im Par­la­ment im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“als zen­tra­ler und „letz­ter po­li­ti­scher Kopf“der Volks­par­tei auf Bun­des­ebe­ne ge­lobt. Er gilt als ei­ner, der we­gen des po­li­ti­schen Va­ku­ums in der ÖVP-Bun­des­par­tei­zen­tra­le das Heft in der Hand hat und gern selbst in die Hand nimmt. Im po­li­ti­schen Ge­schäft kann dem ge­bür­ti­gen Ost­stei­rer kei­ner so schnell et­was vor­ma­chen, weil er in­halt­lich firm und im­mens flei­ßig ist.

Es gibt al­ler­dings ein gro­ßes Aber. Schwar­ze Par­tei­funk­tio­nä­re wa­ren un-

Lo­pat­kas so­for­ti­ge Atta­cken auf Ex-ÖBB-Chef Kern führ­ten in der ÖVP zu Kri­tik.

ge­hal­ten dar­über, dass Lo­pat­ka trotz ei­ner Abrei­bung durch Vi­ze­kanz­ler und Par­tei­ob­mann Rein­hold Mit­ter­leh­ner Chris­ti­an Kern als ÖBB-Chef at­ta­ckiert hat, noch be­vor die­ser als Bun­des­kanz­ler an­ge­lobt war. In ÖVP-Klub­sit­zun­gen in den Bun­des­län­dern, zu de­nen Lo­pat­ka zwecks In­for­ma­ti­ons­aus­tausch wie erst die­se Wo­che im Bur­gen­land an­reist, muss­te er sich zu­min­dest in ei­nem Land of­fe­ne Schel­te we­gen der Remp­ler ge­gen Kern und des schlech­ten Ein­drucks bei der Be­völ­ke­rung an­hö­ren. Denn Lo­pat­ka ha­be da­mit den aus­ge­ru­fe­nen Neu­start der rot-schwar­zen Ko­ali­ti­on tor­pe­diert. Kon­tra­hent Amon. Durch Zeu­gen aus dem Klub be­legt ist, wie groß die An­span­nung bei den Schwar­zen in den ver­gan­ge­nen Ta­gen bei dem Per­so­nal­po­ker um den Rech­nungs­hof war. Da be­rich­ten Teil­neh­mer von laut­star­ken Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Es ist kein Ge­heim­nis mehr, dass nicht al­le ÖVPMan­da­ta­re Freu­de mit dem har­ten Kurs des Klub­chefs ge­gen den Ko­ali­ti­ons­part­ner ha­ben. In die­sem Zu­sam­men­hang fällt vor al­lem ein Na­me: je­ner des Stei­rers Wer­ner Amon. Er hat frei­lich den Ma­kel, dass ihm schwar­ze Par­tei­kol­le­gen an­krei­den, man se­he mitt­ler­wei­le of­fen, wie gern der eins­ti­ge Ob­mann der Jun­gen ÖVP und ExÖAAB-Ge­ne­ral­se­kre­tär selbst Nach­fol­ger Lo­pat­kas als Frak­ti­ons­chef wä­re.

Wie das Zu­sam­men­spiel mit Par­tei­ob­mann Mit­ter­leh­ner im Ein­zel­fall tat­säch­lich ist, lässt sich nicht im­mer nach­zeich­nen – völ­lig frik­ti­ons­frei ist es je­den­falls nicht. Auch nicht bei der Kür Kra­kers zur neu­en Rech­nungs­hof-Prä­si­den­tin. Aus dem Vor­jahr hält sich hart­nä­ckig die Epi­so­de, dass Mit­ter­leh­ner zwar im Früh­som­mer sein Ein­ver­ständ­nis ge­ge­ben hat, Man­da­ta­re des Teams Stro­nach für den schwar­zen Klub ab­zu­wer­ben. Al­ler­dings sei da von Frank Stro­nachs da­ma­li­ger rech­ter Hand, Kath­rin Nach­baur, und dem ho­no­ri­gen Rechts­an­walt Ge­org Vetter die Re­de ge­we­sen, heißt es ÖVP-in­tern.

Zwar prä­sen­tier­te Lo­pat­ka Vetter, aber ge­mein­sam mit dem eher ver­hal­ten­so­ri­gi­nel­len Marcus Franz. Nach­baur folg­te erst mit ei­ner zwei­ten Tran­che we­ni­ge Wo­chen spä­ter in Rich­tung ÖVP-Klub. We­gen Franz und des­sen in den so­zia­len Me­di­en ver­brei­te­ten An­sich­ten büß­te Lo­pat­ka recht rasch sei­ne Sün­den ab. Bis nach ei­nem Ein­trag ge­gen die kin­der­lo­se deut­sche Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel auch für den ÖVPKlub­chef das Maß ge­gen­über dem an- ge­heu­er­ten Franz voll war. Des­sen Asyl­sta­tus im ÖVP-Klub war für den Stro­nach-Flücht­ling ab­ge­lau­fen. Eis­zeit. Un­mit­tel­ba­re Fol­ge in der Ko­ali­ti­on ist ei­ne klei­ne Eis­zeit – auch zwi­schen Lo­pat­ka und Schie­der. Es war über­legt wor­den, dass sich die Klubs von SPÖ und ÖVP über­mor­gen, Di­ens­tag, das ers­te Spiel der Ös­ter­rei­cher bei der Fuß­ball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ge­gen Un­garn ge­mein­sam an­schau­en. Das ist nach dem Bei­na­he-Fron­tal­un­fall bei der Be­set­zung für den Rech­nungs­hof ge­platzt. Lie­ber ein­sam als ge­mein­sam: Die ro­ten Par­la­men­ta­ri­er ver­fol­gen mit ih­rem Frak­ti­ons­chef das Match ge­schlos­sen – und das, ob­wohl Ma­ra­thon­läu­fer Lo­pat­ka seit Ju­gend­ta­gen Fuß­ball­fan mit ei­nem En­g­land-Fai­b­le für den Zweit­li­ga­klub Leeds Uni­ted ist. Wie sehr die rot-schwar­ze Ehe zer­rüt­tet ist, kön­nen sich In­ter­es­sier­te am Mitt­woch und Don­ners­tag die­ser Wo­che auf of­fe­ner Büh­ne im Plenum des Na­tio­nal­rats an­schau­en. Im Ho­hen Haus ste­hen zwei Sit­zungs­ta­ge be­vor.

Rein macht­po­li­tisch be­trach­tet bringt Lo­pat­ka mit Mar­git Kra­ker heu­te, Sonn­tag, sym­bo­lisch ein stei­ri­sches ÖVP-Par­tei­mit­glied als Prä­si­den­tin des Kon­troll­or­gans für die kom­men­den zwölf Jah­re mit. Stra­te­gisch fällt die Bi­lanz kei­nes­wegs strah­lend aus: Der Ko­ali­ti­ons­part­ner wur­de bei ei­ner Per­so­nal­ent­schei­dung, die au­ßer ei­ni­gen Spit­zen­funk­tio­nä­ren kei­nen Wäh­ler zwi­schen Hain­burg und Ho­hen­ems in­ter­es­siert, vor­ge­führt und ver­grämt.

Viel schwe­rer wiegt aber, dass die schwarz-blaue Kar­te mit ei­nem dü­pier­ten FPÖ-Ob­mann Stra­che kein Trumpf ist. Das könn­te sich künf­tig für die Volks­par­tei rä­chen. Kerns SPÖ ist ge­ra­de da­bei, den Bann­fluch ge­gen­über ei­ner Ko­ali­ti­on mit den Frei­heit­li­chen mit ei­nem Kri­te­ri­en­ka­ta­log für ei­nen et­wai­gen SPÖ-FPÖ-Ko­ali­ti­ons­pakt auf­zu­he­ben. Stra­che sei­ner­seits hat schon vor ei­nem Jahr im Bur­gen­land an Rot-Blau Ge­fal­len ge­fun­den. Da­mit könn­te sich Lo­pat­kas Coup spä­tes­tens nach der nächs­ten Na­tio­nal­rats­wahl als Pyr­rhus­sieg ent­pup­pen. In der SPÖ wird da­her mit Scha­den­freu­de re­gis­triert: Lo­pat­ka treibt den FPÖChef in­di­rekt der SPÖ zu.

Bei Stra­te­gie­über­le­gun­gen für künf­ti­ge Ko­ali­tio­nen wer­den die Kar­ten eben neu ge­mischt.

Micha­el Gruber/EXPA/ picturedesk.com

Je­der Schritt von ÖVP-Klub­ob­mann Rein­hold Lo­pat­ka wird be­son­ders genau ver­folgt.

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