»Bul­ga­ri­en hat kei­ne In­seln an­zu­bie­ten«

Bul­ga­ri­ens Au­ßen­mi­nis­ter, Da­ni­el Mi­tov, hält die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on für teil­wei­se ver­al­tet und den »Aus­tra­li­enVor­stoß« von Se­bas­ti­an Kurz für krea­tiv. Ei­ne Auf­he­bung der Russ­lan­dSank­tio­nen lehnt er ab.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON CHRIS­TI­AN ULTSCH

Bul­ga­ri­en hat ei­ne ge­mein­sa­me Gren­ze mit Grie­chen­land und der Tür­kei. Wel­che Kon­se­quen­zen hät­te es für Ihr Land, wenn das EU-Flücht­lings­ab­kom­men mit der Tür­kei zu­sam­men­brä­che? Da­ni­el Mi­tov: Wir wol­len, dass die­ses Ab­kom­men hält. Aber Bul­ga­ri­en for­dert auch ei­nen Plan B. Was ist Ihr Plan B? Das muss ein ge­mein­sa­mer Plan B sein. Ein­zel­gän­ge sind kon­tra­pro­duk­tiv. Die EU braucht mehr In­te­gra­ti­on für ei­nen ge­mein­sa­men Schutz der Au­ßen­gren­ze. Zwei­tens müs­sen wir un­ser Asyl- und Mi­gra­ti­ons­sys­tem ver­ein­heit­li­chen. Drit­tens muss die EU mit Dritt­staa­ten Ab­kom­men für die Rück­füh­rung il­le­ga­ler Mi­gran­ten schlie­ßen. Ge­gen­über Flücht­lin­gen, die in­ter­na­tio­na­len Schutz be­nö­ti­gen, ha­ben wir Ver­pflich­tun­gen, die wir mit Staa­ten an der Front lö­sen soll­ten: Tür­kei, Li­ba­non, Jor­da­ni­en und an­de­ren. Ge­gen­über Wirt­schafts­mi­gran­ten je­doch ha­ben wir kei­ne Ver­pflich­tun­gen. Was wür­den Sie mit ih­nen tun? Sie in ih­re Hei­mat schi­cken. Er­in­nern Sie sich, wie Bul­ga­ren be­han­delt wur­den, als un­ser Land erst Kan­di­da­ten­sta­tus hat­te? Wenn Bul­ga­ren sich il­le­gal und oh­ne gül­ti­ges Vi­sum in Mit­glied­staa­ten auf­hiel­ten, wur­den sie nach Hau­se ge­schickt. Ös­ter­reichs Au­ßen­mi­nis­ter Kurz will Mi­gran­ten im Mit­tel­meer stop­pen und sie ent­we­der gleich zu­rück­schi­cken oder auf In­seln fest­hal­ten. Was hal­ten Sie von die­sem aus­tra­li­schen Mo­dell für Eu­ro­pa? Auch Bul­ga­ri­en tritt für Re­pa­tri­ie­rung ein. Das ist ein ver­nünf­ti­ger Zu­gang, um il­le­ga­le Wirt­schafts­mi­gran­ten zu de­mo­ti­vie­ren. Se­bas­ti­an Kurz sucht nach krea­ti­ven Lö­sun­gen, dar­an ist nichts aus­zu­set­zen. Wir den­ken in den meis­ten An­ge­le­gen­hei­ten ähn­lich. Es gibt si­cher Mo­del­le auf der Welt, von de­nen wir ler­nen kön­nen. Aber Bul­ga­ri­en hat kei­ne In­seln an­zu­bie­ten. Die 28 Mit­glie­der müs­sen die­se De­bat­te im Rah­men der EU füh­ren. Wer­den Sie den Plan von Kurz in der EU un­ter­stüt­zen? Wir müs­sen zu­erst die De­tails des Plans se­hen. Kurz will je­dem, der ver­sucht, il­le­gal in die EU ein­zu­rei­sen, das Recht auf Asyl ent­zie­hen. Ge­fällt Ih­nen die­se Idee? Wir müs­sen die il­le­ga­le Ein­rei­se in die EU stop­pen und le­ga­le We­ge of­fen hal­ten. Je­de Maß­nah­me, die wir er­grei­fen, soll­te die­se Phi­lo­so­phie wi­der­spie­geln. Zwei­tens hat die EU kei­ne un­be­grenz­te Ka­pa­zi­tät. Un­se­re So­zi­al­sys­te­me sind in Ge­fahr, wenn Mas­sen in un­se­re Län­der strö­men. Wir müs­sen dar­auf ach­ten, dass Gren­zen re­spek­tiert und Men­schen­schmugg­ler nicht ge­füt­tert wer­den. Wir müs­sen ih­re Netz­wer­ke gna­den­los zer­stö­ren. Denn mit ih­ren Ge­win­nen fi­nan­zie­ren sie zum Teil auch Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen. Ih­re Re­gie­rung hat im März an­ge­kün­digt, ei­nen Zaun an der Gren­ze zu Grie­chen­land zu er­rich­ten. Was wur­de aus die­sen Plä­nen? Wir ha­ben mit un­se­ren grie­chi­schen Freun­den ein Früh­warn­sys­tem an der Gren­ze ent­wi­ckelt. Es funk­tio­niert. Vor

Ge­bo­ren

1977 in der bul­ga­ri­schen Haupt­stadt So­fia.

Stu­di­um

Mi­tov stu­dier­te Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten an der So­fio­ter Uni­ver­si­tät Kli­ment Ohrid­ski, der größ­ten Uni­ver­si­tät in So­fia.

Be­ruf

2006 Exe­ku­tiv­di­rek­tor von Bul­ga­ri­ens De­mo­cra­cy Foun­da­ti­on. Für das US-ame­ri­ka­ni­sche Na­tio­nal De­mo­cra­tic In­sti­tu­te (NDI) ar­bei­te­te er ab 2010 u. a. im Irak und Je­men so­wie in Li­by­en und Tu­ne­si­en.

Politik

Mi­tov war Vi­ze­vor­sit­zen­der der kon­ser­va­ti­ven Par­tei De­mo­kra­ten für ein star­kes Bul­ga­ri­en (DSB) und Unterstützer der Be­we­gung der Bür­ger. Au­ßen­mi­nis­ter zu­nächst ab Au­gust 2014 in der In­te­rims­re­gie­rung von Ge­or­gi Blis­nasch­ki und nun seit No­vem­ber 2014. we­ni­gen Wo­chen erst ha­ben wir ei­ne Grup­pe il­le­ga­ler Mi­gran­ten ent­deckt und zu­rück­ge­schickt. Wir kön­nen kei­ne Zäu­ne in­ner­halb der EU to­le­rie­ren. War­um hat Ih­re Re­gie­rung dann dar­über nach­ge­dacht? Da gab es Miss­ver­ständ­nis­se. Wir wa­ren be­reit, Schutz­ein­rich­tun­gen zu er­rich­ten, aber nur in Er­gän­zung zu den Be­mü­hun­gen der Grenz­po­li­zei. Wir kön­nen es uns nicht leis­ten, die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit im Schen­gen­raum wie­der zu ver­lie­ren. Wann wird Bul­ga­ri­en Schen­gen-Mit­glied? Wir sind Kan­di­dat und ver­hal­ten uns seit Lan­gem, eben­so wie Ru­mä­ni­en, wie ein Schen­gen-Mit­glied. Wir er­war­ten, in den nächs­ten Mo­na­ten auf­ge­nom­men zu wer­den. Es ist in­ak­zep­ta- bel für uns, Jus­tiz- und An­ti-Kor­rup­ti­ons­re­for­men mit dem Schen­gen-Bei­tritt zu ver­knüp­fen. Wir trei­ben die Re­for­men vor­an, aber das hat mit Schen­gen nichts zu tun. An­geb­lich greift Bul­ga­ri­en pro Wo­che rund 400 il­le­ga­le Mi­gran­ten auf. Seit das Ab­kom­men zwi­schen der Tür­kei und der EU in Kraft ist, hat der Mi­gra­ti­ons­druck auf Bul­ga­ri­en um min­des­tens 35 Pro­zent ab­ge­nom­men. Bul­ga­ri­en war ei­nes der ers­ten Län­der, das vor dem Mi­gra­ti­ons- und Flücht­lings­druck warn­te. Wir be­gan­nen 2013, ei­ne Schutz­ein­rich­tung an der Gren­ze zur Tür­kei zu bau­en. Was hal­ten Sie vom Vor­schlag der EU-Kom­mis­si­on, Staa­ten, die ih­re Flücht­lings­quo­te nicht er­fül­len, Geld­s­tra­fen zu er­tei­len? Mit Quo­ten kann man Ver­ant­wor­tung und Las­ten zu ver­tei­len. Des­we­gen ha­ben wir uns nicht quer­ge­legt. Aber Quo­ten lö­sen das Flücht­lings­pro­blem nicht. Im Ge­gen­teil: Sie mo­ti­vie­ren noch mehr Men­schen zu kom­men. Wir müs­sen das Sys­tem än­dern, auch die Du­blin-Re­geln. Es stammt aus ei­ner an­de­ren Welt und Zeit. Wer im­mer ei­nen Flücht­lings­sta­tus hat, soll­te künf­tig mit ei­ner Über­prü­fung nach zwei bis drei Jah­ren rech­nen müs­sen. Wenn sich die Be­din­gun­gen im Her­kunfts­land ge­än­dert ha­ben, soll­te der Flücht­lings­sta­tus ab­er­kannt wer­den. Flücht­lin­ge soll­ten mo­ti­viert wer­den, in ih­re Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren, um ih­ren Staat wie­der auf­zu­bau­en. Ist die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, so wie sie 1951 for­mu­liert wur­de, noch für das 21. Jahr­hun­dert ge­eig­net? Das glau­be ich nicht. Tei­le da­von sind na­tür­lich nach wie vor gül­tig und uni­ver­sell an­wend­bar, aber das Do­ku­ment wur­de im Grun­de für Men­schen ver­fasst, die vor kom­mu­nis­ti­schen Re­gi­men da­von­lie­fen. Es han­del­te sich da­bei nicht um Men­schen­mas­sen. Denn die to­ta­li­tä­ren Re­gime wa­ren Ge­fäng­nis­se, die nie­man­den aus­rei­sen lie­ßen. Russ­land hat jüngst scharf ge­warnt, weil ein US-Zer­stö­rer im Schwar­zen Meer ein­ge­trof­fen ist. Er­war­ten Sie neue Span­nun­gen im Schwar­zen Meer noch vor dem War­schau­er Na­to-Gip­fel An­fang Ju­li? Das Schwar­ze Meer ist das Ge­biet, in dem sich der Ukrai­ne-Kon­flikt und die Kon­flik­te des Na­hen Os­ten geo­gra­fisch kreu­zen. Es darf nicht aus dem Gleich­ge­wicht ge­ra­ten. Die Na­to hat nach der il­le­ga­len Krim-Anne­xi­on na­tur­ge­mäß die ge­sam­te Ost­flan­ke ge­stärkt, oh­ne Ab­kom­men mit Russ­land zu bre­chen. Die Na­to hat kei­ne ag­gres­si­ven Ab­sich­ten ge­gen Russ­land, sie re­agiert auf ei­ne Ag­gres­si­on na­he un­se­ren Gren­zen. die Bot­schaft lau­tet: Die Na­to ist be­reit und fä­hig, den Ar­ti­kel 5 (Bei­stands­klau­sel) zu ak­ti­vie­ren, wenn ei­nes un­se­rer Mit­glie­der an­ge­grif­fen wird. Die Sank­tio­nen sind das ein­zi­ge In­stru­ment, das die EU hat, um das Ver­hal­ten Russ­lands zu be­ein­flus­sen. Wir wol­len kei­ne mi­li­tä­ri­sche, son­dern ei­ne fried­li­che und di­plo­ma­ti­sche Lö­sung: ei­ne Sta­bi­li­sie­rung der Ost­ukrai­ne. Dar­auf zielt die Minsk-Ver­ein­ba­rung ab. So­lan­ge das Ab­kom­men nicht voll­stän­dig um­ge­setzt ist, gibt es kei­nen ver­nünf­ti­gen Grund, ir­gend­ei­ne Sank­ti­on auf­zu­he­ben. Die Rus­sen sind laut Mins­ker Ab­kom­men ver­pflich­tet, al­le Trup­pen und al­le schwe­ren Waf­fen aus der Ost­ukrai­ne ab­zu­zie­hen. Sie ha­ben das bis heu­te nicht ge­tan. Wenn die Sank­tio­nen un­ter die­sen Um­stän­den auf­ge­ho­ben wer­den, le­gi­ti­miert das die Ag­gres­si­on und stellt die gan­ze in­ter­na­tio­na­le Ord­nung in­fra­ge. Wir wol­len kein neu­es Jal­ta (Ab­kom­men der Al­li­ier­ten zur Fest­le­gung der Ein­fluss­zo­nen nach 1945; Anm.).

Fa­b­ry

Au­ßen­mi­nis­ter Mi­tov in der bul­ga­ri­schen Bot­schaft in Wi­en. Man­che sa­gen, dass die EU we­nigs­tens ein paar Sank­tio­nen ge­gen Russ­land auf­he­ben soll­te, um die Span­nun­gen ab­zu­bau­en.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.