FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Es hät­te schlech­ter an­fan­gen kön­nen. Mit dem Zit­ter­sieg ge­gen Ru­mä­ni­en im Sta­de de Fran­ce am Frei­tag ha­ben „Les Bleus“im Er­öff­nungs­match ih­re Chan­cen auf ei­nen EM-Sieg ge­wahrt. Die Fran­zo­sen dür­fen da­mit dank ih­res zu­sätz­li­chen Vor­teils als Heim­mann­schaft so­gar wei­ter­hin als Fa­vo­ri­ten gel­ten. Die­ser ge­lun­ge­ne An­fang der Fuß­ball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft hat die sonst eher ge­drück­te Stim­mung merk­lich ge­ho­ben. Die Mies­ma­cher, die ei­ne Bla­ma­ge für un­ver­meid­lich hiel­ten, weil in Frank­reich so­wie­so al­les berg­ab ge­he, sind vor­erst zu­min­dest et­was stil­ler ge­wor­den. Da­ge­gen wird der tra­di­tio­nel­le fran­zö­si­sche Pa­trio­tis­mus wie­der laut.

Ir­gend­wie hat man aber trotz­dem den Ein­druck, dass die Leu­te in die­sem Land wie aus Vor­sicht ge­duckt blei­ben, als müss­ten sie die nächste Ka­ta­stro­phe an­ti­zi­pie­ren. In zahl­rei­chen Kom­men­ta­ren heißt es im­mer wie­der, hin­ter der Fas­sa­de des Sports spie­le wie ein un­sicht­ba­rer Geg­ner die Angst mit bei die­sem Tur­nier. Je­der Spiel­tag, der oh­ne schwe­re Zwi­schen­fäl­le über die Büh­ne geht, ist für die Or­ga­ni­sa­to­ren der Fuß­ball-EM in Frank­reich ein St­ein mehr, der ih­nen vom Her­zen fällt.

Im Vor­der­grund steht da­bei die Si­cher­heit: Rund 100.000 Po­li­zis­ten, Mi­li­tärs und Be­schäf­tig­te pri­va­ter Fir­men sol­len mit strengs­ten Kon­trol­len das Ri­si­ko von At­ten­ta­ten auf ein Mi­ni­mum re­du­zie­ren. Doch ei­nen hun­dert­pro­zen­ti­gen Schutz gibt es nicht.

Sel­ten muss­ten sich die na­tio­na­len Ver­an­stal­ter und die Ue­fa-Ver­ant­wort­li­chen sol­che Sor­gen um den Ablauf ei­ner EM ma­chen. In den Ta­gen vor dem Be­ginn schien sich al­les ge­gen sie ver­schwo­ren zu ha­ben: Das Land steht nach wo­chen­lan­gen Pro­tes­ten ge­gen ei­ne Ar­beits­markt­re­form am Ran­de der Re­vol­te, und ei­ne Ei­ni­gung ist nicht in Sicht. Der Kon­flikt kann je­der­zeit es­ka­lie­ren.

Wenn am Di­ens­tag die um­strit­te­ne Vor­la­ge vor den Se­nat kommt, wird es er­neut heiß her­ge­hen, mit lan­des­wei- ten Streiks und De­mons­tra­tio­nen. Dass da­bei auch die Fuß­ball­fans und ins­be­son­de­re die Be­su­cher aus dem Aus­land be­hin­dert wer­den und in der Fol­ge wohl nicht den bes­ten Ein­druck des Gast­lands mit nach Hau­se neh­men, ist of­fen­bar kein Grund für die Strei­ken­den bei der Bahn, bei der Air Fran­ce, bei der Müll­ab­fuhr oder in den Atom­kraft­wer­ken, das Kriegs­beil zu be­gra­ben – und sei es auch nur für die Zeit der EM. Holland sagt Nein. Die Staats­füh­rung bleibt eben­so stur. Prä­si­dent Fran­cois¸ Hol­lan­de kann bit­ten, be­ten, schimp­fen und an die na­tio­na­le So­li­da­ri­tät der Ge­werk­schaf­ten ap­pel­lie­ren – nie­mand hört auf ihn. Die Re­gie­rung hat­te zu Be­ginn der De­bat­te über die Re­form Zu­ge­ständ­nis­se ge­macht, jetzt will und kann sie nicht nach­ge­ben. Je­der weitere Schritt zu­rück wä­re ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on vor dem Ul­ti­ma­tum der Ge­werk­schaft CGT, die die­sen Kampf ge­gen die An­pas­sung der So­zi­al­part­ner­schaft an­führt und dar­aus ei­ne ent­schei­den­de Kraft­pro­be ma­chen will. Die CGT und ih­re Ver­bün­de­ten wis­sen, dass es um ih­ren Ein­fluss und his­to­ri­sche Er­run­gen­schaf­ten wie die 35-St­un­den-Wo­che ge­sche­hen ist, wenn die Re­form durch­kommt. Dar­um sind Geg­nern die­ser Revision des Ar­beits­rechts al­le Mit­tel recht, die ih­nen zur Ver­fü­gung ste­hen.

Die fran­zö­si­sche Wirtschaft be­gann sich ge­ra­de erst lang­sam mit ei­ner be­schei­de­nen Wachs­tums­ra­te von der Kri­se zu er­ho­len. Der An­teil der re­gis­trier­ten Voll­zeit­ar­beits­lo­sen ist nach wie vor bei fast zehn Pro­zent der ak­ti­ven Be­völ­ke­rung, erst­mals wer­den net­to wie­der 150.000 Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen. Noch vor ein paar Wo­chen schöpf­ten die Fran­zo­sen, die sonst so pes­si­mis­tisch wie kei­ne an­de­re Na­ti­on in Eu­ro­pa auf die Zu­kunft schau­en, zag­haft Hoff­nung. Wie­der­wahl­t­räu­me. Fran­cois¸ Hol­lan­de, des­sen Po­pu­la­ri­tät längst auf dem Tief­punkt an­ge­langt war, be­gann sich so­gar ernst­haft zu über­le­gen, ob er im Früh­ling 2017 nicht doch für ei­ne Wie­der­wahl an­tre­ten könn­te. Das war wohl nur ein Traum. In Wirk­lich­keit hat er im Ver­lauf der Aus­ein­an­der­set­zung nur all­zu deut­lich be­wie­sen, dass er da­für nicht ein­mal im ei­ge­nen La­ger die nö­ti­ge Au­to­ri­tät und das er­for­der­li­che tak­ti­sche Fin­ger­spit­zen­ge­fühl be­sitzt.

Wie kann man es sich an­ders er­klä­ren, dass er erst am En­de sei­nes fünf­jäh­ri­gen Man­dats und aus­ge­rech­net we­ni­ge Mo­na­te vor der seit Jah­ren ge­plan­ten EM ei­ne ex­plo­si­ve Re­form aus der Schub­la­de zog? Er hät­te wis­sen müs­sen, dass sol­che grund­le­gen­den Än­de­run­gen in den Kräf­te­ver­hält­nis-

Rund 100.000

Po­li­zis­ten, Mi­li­tär­an­ge­hö­ri­ge und An­ge­hö­ri­ge pri­va­ter Si­cher­heits­fir­men sol­len die Sta­di­en und Fanzo­nen der EM si­chern. Die An­schlags­ge­fahr für das bis zum 10. Ju­li dau­ern­de Tur­nier gilt als hoch.

1,5 Mil­lio­nen

Fans aus dem Aus­land und min­des­tens ei­ne Mil­li­on aus Frank­reich wer­den zu den Fuß­ball­spie­len er­war­tet.

Vier Tage

soll der Aus­stand der Pi­lo­ten von Air Fran­ce dau­ern, der am Sams­tag zum EM-Auf­takt aus Pro­test ge­gen das Ge­halts­sys­tem be­gann. Auch die Müll­ab­fuhr streikt. Am Di­ens­tag soll es ei­nen Tag des na­tio­na­len Pro­tests ge­gen die Ar­beits­markt­re­form ge­ben. sen zwi­schen den Ar­beit­ge­bern und den Ge­werk­schaf­ten und ge­ne­rell li­be­ral in­spi­rier­te Struk­tur­re­for­men für die klas­sen­kämp­fe­ri­sche CGT ei­ne exis­ten­zi­el­le Her­aus­for­de­rung be­deu­ten.

Zu­dem weiß man doch, dass in Frank­reich je­de Neue­rung, die un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen tan­giert, ei­nen eben­so he­te­ro­ge­nen Wi­der­stand auf den Plan ruft. Mehr­fach wa­ren so (rech­te wie lin­ke) Re­gie­run­gen an die­sem ty­pisch fran­zö­si­schen Wil­len zur Be­wah­rung des Be­ste­hen­den ge­schei­tert. Auf die Bar­ri­ka­den. Be­zeich­nend ist zu­dem, dass auch heu­te wie­der laut Um­fra­gen ei­ne Mehr­heit aus den ver­schie­dens­ten Mo­ti­ven ge­gen die Ar­beits­markt­re­form ist, wie sie der­zeit noch de­bat­tiert wird. Doch we­der die Staats­füh­rung noch die CGT auf der Ge­gen­sei­te sind po­pu­lär. Das ist der an­de­re Aspekt der Nein-Mehr­heit, die in Frank­reich je­de Än­de­rung so sehr er­schwert – bis manch­mal die Zu­stän­de so un­er­träg­lich wer­den, dass am En­de das Volk auf die Bar­ri­ka­den steigt.

Die Re­gie­rung ver­folgt in die­sem Kli­ma ei­ne ge­fähr­li­che Tak­tik: Sie ver­sucht ers­tens die Pro­tes­tie­ren­den zu spal­ten, de­nen es mitt­ler­wei­le nicht nur um die Ar­beits­markt­re­form geht, son­dern auch um Lohn­for­de­run­gen und an­de­re An­lie­gen. Das spielt die Re­gie­rung in der öf­fent­li­chen Mei­nung aus, um die­se Ak­tio­nen zu dis­kre­di­tie­ren.

Prä­si­dent Hol­lan­de kann bit­ten, be­ten, schimp­fen – nie­mand hört auf ihn. Die Re­gie­rung hofft, dass auch den mi­li­tan­tes­ten Strei­ken­den am En­de die Luft aus­geht.

Zwei­tens hofft sie, dass am En­de selbst den Mi­li­tan­tes­ten un­ter den Strei­ken­den die Luft aus­geht. Die­se Zer­mür­bung aber geht auf Kos­ten der Moral der Be­völ­ke­rung, die – wie das Bei­spiel der be­streik­ten Müll­ab­fuhr in dras­ti­scher Wei­se zeigt – die Kon­se­quen­zen die­ses Ab­nut­zungs­krie­ges tra­gen muss. Bei­de Sei­ten in die­sem Kon­flikt tra­gen zu­dem die Ver­ant­wor­tung, wenn der rei­bungs­lo­se Ablauf der Fuß­ball-EM durch die­se Kraft­pro­be be­ein­träch­tigt wird. Au­ßer­halb der Sta­di­en ist die­se Span­nung deut­lich. Man rech­net mit dem Schlimms­ten: nicht zu­letzt auch mit Ter­ror­an­schlä­gen oder ge­walt­sa­men Zu­sam­men­stö­ßen zwi­schen Fans und Hoo­li­gans.

Als das Hoch­was­ser vor Ta­gen wei­te Tei­le des Lan­des über­schwemm­te, schrieb „Le Pa­ri­si­en“an­ge­sichts des all­ge­mei­nen Kli­mas: „Das hat­te uns ge­ra­de noch ge­fehlt!“Das­sel­be Ur­teil wä­re erst recht an­ge­bracht, wenn Frank­reichs po­li­ti­sche Kri­se die gan­ze Freu­de am Fuß­ball­fest ver­der­ben soll­te.

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