Der Sol­dat des »Ge­lieb­ten Füh­rers«

Kim Joo-il dien­te als Un­ter­of­fi­zier in der nord­ko­rea­ni­schen Volks­ar­mee. Nach jah­re­lan­gem Hun­ger und Ter­ror floh er aus dem sta­li­nis­ti­schen Land, heu­te wohnt er in En­g­land. Kim schil­dert den grau­en­haf­ten All­tag in der Ar­mee und sei­ne aben­teu­er­li­che Flucht.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON SU­SAN­NA BAS­TA­RO­LI

Ers­te Zwei­fel am „Ge­lieb­ten Füh­rer“kom­men Kim Chol Joo-il we­gen ei­nes bun­ten Hals­tu­ches und ei­nes No­tiz­blocks. Es sind die frü­hen 1990er-Jah­re, im iso­lier­ten, sta­li­nis­ti­schen Nord­ko­rea müs­sen die Men­schen Gras es­sen, um nicht zu ver­hun­gern. Kim ist 17 Jah­re alt. Die Bu­ben in sei­ner Klas­se ha­ben ihm den Block ge­bas­telt, die Mäd­chen das sorg­fäl­tig be­stick­te Tuch ge­näht. Denn der Ju­gend­li­che wird zum Mi­li­tär­dienst ein­ge­zo­gen, die Ta­lis­ma­ne sol­len ihm über das Heim­weh hin­weg­hel­fen. Er freut sich auf die Zeit in der Volks­ar­mee: Als Held un­ter Hel­den will auch er dem „Ge­lieb­ten Füh­rer“, Dik­ta­tor Kim Jong-il, hel­fen, sei­ne „glor­rei­che Hei­mat“ge­gen den „im­pe­ria­lis­ti­schen Feind“zu ver­tei­di­gen.

Doch gleich in den ers­ten Ta­gen bei der Ar­mee ver­schwin­den die kost­ba­ren Sou­ve­nirs – ge­mein­sam mit der Uni­form. Als dies Kim schüch­tern mel­det, wird er ge­schla­gen. „Stell kei­ne Fra­gen“, ra­ten ihm Ka­me­ra­den aus der Hei­mat­stadt. Kim schweigt. Ins­ge­heim be­ginnt der jun­ge Mann aber, sei­ne Schul­er­zie­hung zu hin­ter­fra­gen: Ist vi­el­leicht die Volks­ar­mee, das Vor­bild sei­ner Kind­heit und Ju­gend, in Wirk­lich­keit nur ei­ne Hor­de ver­zwei­fel­ter Die­be? Nächt­li­che Raub­zü­ge. Heu­te noch er­in­nert sich der 43-Jäh­ri­ge, der in­zwi­schen in En­g­land lebt, genau an den Mo­ment, als sein Welt­bild zu­sam­men­brach: „Da­mals wur­de mir be­wusst, dass die Rea­li­tät das Ge­gen­teil von dem ist, was uns un­se­re Leh­rer ein­ge­bläut hat­ten.“Kim hat­te eben­so wie sei­ne Mit­schü­ler wirk­lich dar­an ge­glaubt, „dass wir ein ganz be­son­de­res Volk sind. Dass wir uns ge­gen den grau­sa­men Neid der Im­pe­ria­lis­ten ver­tei­di­gen müs­sen.“Der sonst so ge­fass­te Mann hebt kurz die Stim­me: „Wir ver­ehr­ten Kim Jong-il in der Schu­le wie ei­nen Gott. Ein Le­ben lang wer­den die Nord­ko­rea­ner be­lo­gen.“

Als jun­ger Sol­dat wird Kim schnell klar, dass Ge­walt, Hun­ger, Dieb­stahl und Be­trug zum ganz nor­ma­len All­tag in der Ar­mee ge­hö­ren. Er er­in­nert sich: „Ei­ne mei­ner ers­ten Auf­ga­ben war es, für die Trup­pe das Es­sen vor­zu­be­rei­ten. Man gab mir et­was Reis und sag­te: Be­rei­te ein Ge­richt mit sie­ben Bei­la­gen vor. Als ich sie frag­te: Wie soll ich das denn an­stel­len, es feh­len al­le Zu­ta­ten, wur­de ich ver­prü­gelt.“Doch wie­der kom­men ihm äl­te­re Ka­me­ra­den aus der Hei­mat­stadt zu Hil­fe. Sie flüs­tern ihm zu, er sol­le sich kei­ne Sor­gen ma­chen. Nachts wird Kim dann ge­weckt. Sei­ne Vor­ge­setz­ten ge­ben ihm ei­nen gro­ßen Sack. Ge­mein­sam mit an­de­ren Sol­da­ten schleicht er sich an ei­nen na­he­lie­gen­den Bau­ern­hof her­an: Ein Sol­dat stopft Kohl in ei­nen Sack, ein an­de­rer Kar­tof­feln. „Je­de Nacht ging das so. Wir über­leb­ten, weil wir das Volk aus­plün­der­ten. Manch­mal er­beu­te­ten wir ein Schwein. Das be­ka­men die Of­fi­zie­re.“

Die nächt­li­chen Raub­zü­ge ge­nü­gen bei Wei­tem nicht, um die Trup­pe zu er­näh­ren. Je­der drit­te Sol­dat lei­det an den Fol­gen chro­ni­scher Un­ter­ernäh­rung. Frau­en und Män­ner ver­lie­ren ih­re Haa­re, vie­le kön­nen sich nicht auf den Bei­nen hal­ten. „Wir hun­ger­ten 24 St­un­den am Tag.“Doch Hun­ger exis­tiert im Re­al­so­zia­lis­mus of­fi­zi­ell nicht. Wenn ein Sol­dat ver­hun­gert, wird als To­des­ur­sa­che „In­fek­ti­ons­krank­heit“an­ge­ge­ben.

Ge­plagt wer­den die Mi­li­tärs auch vom Dau­er­ter­ror und dem ge­gen­sei­ti­gen Miss­trau­en. Prü­gel und Fol­ter ge­hö­ren zum All­tag, eben­so wie die om­ni­prä­sen­te Über­wa­chung. „In Nord­ko­rea gibt es ein Sprich­wort: Tref­fen sich drei Men­schen, ist min­des­tens ei­ner von ih­nen ein Spi­on“, schil­dert Kim. Und so sind die Sol­da­ten stän­dig auf der Hut – beim abend­li­chen Bier, beim Ge­spräch mit dem „Freund“. Ein­mal pro Wo­che muss je­der Ein­zel­ne sich selbst und ei­nen Ka­me­ra­den öf­fent­lich kri­ti­sie­ren.

Schwei­gen ist ein in­di­rek­tes Schuld­be­kennt­nis – das mit „Umer­zie­hung“im Ge­fäng­nis, im La­ger oder bei „hoff­nungs­lo­sen Fäl­len“mit Exe­ku­ti­on be­straft wird. Kim kann heu­te noch das be­droh­li­che Ge­fühl, nie al­lein zu sein, nicht ver­ges­sen: „Ein­mal muss­te ich das Zim­mer ei­nes Of­fi­ziers put­zen. Es war be­stimmt nie­mand im Raum. Ein Buch lag her­um, ich blät­ter­te kurz da­rin.“Als er das Zim­mer ver­ließ, stand ein Si­cher­heits­po­li­zist vor ihm: „Du hast ein Buch ge­le­sen, oh­ne das zu mel­den“, blaff­te der ihn an. Kim wird be­straft. „Wo­her die wuss­ten, dass ich ins Buch ge­schaut ha­be, weiß ich im­mer noch nicht.“

Die Jah­re ver­ge­hen, Kim macht Kar­rie­re. Er wird Un­ter­of­fi­zier ei­ner Ein­heit an der Gren­ze zu Süd­ko­rea, ei­gent­lich ein pri­vi­le­gier­ter Pos­ten. Trotz­dem fehlt es sei­nen Sol­da­ten an al­lem, an Le­bens­mit­teln, Me­di­ka­men­ten, Hy­gie­ne­ar­ti­keln. Der Hass auf das Re­gime wächst. Kim ist in­zwi­schen da­von über­zeugt, dass die Welt au­ßer­halb Nord­ko­reas die Bes­se­re ist. Im­mer wie­der spielt er in sei­ner Fan­ta­sie die Flucht durch.

Im Au­gust 2005 wird Kim wie­der ein­mal be­auf­tragt, Sol­da­ten zu su­chen, die de­ser­tiert ha­ben. „De­ser­ti­on kommt häu­fig vor, auch heu­te. Fast im­mer keh­ren die Sol­da­ten zu ih­ren Fa­mi­li­en heim, in der Hoff­nung, dort ei­ne war­me Mahl­zeit zu be­kom­men“, sagt er. Dies­mal stamm­ten die Sol­da­ten aus der Stadt Ho­eryong,ˇ an der Gren­ze zu Chi­na. Kim er­wischt sie tat­säch­lich dort. Statt die Flücht­lin­ge zu­rück in den Sü­den zu be­glei­ten, setzt er sie in ei­nen Zug. Er selbst reist wei­ter in den Nor­den, zu ei­nem ab­ge­le­ge­nen Ort am Ufer

»Wir glaub­ten, ein be­son­de­res Volk zu sein. Kim Jong-il ver­ehr­ten wir wie ei­nen Gott.«

Sta­nis­lav Je­nis

Der ehe­ma­li­ge Un­ter­of­fi­zier der nord­ko­rea­ni­schen Volks­ar­mee in Wi­en: Heu­te setzt sich Kim Chol Joo-il ge­gen die Ver­bre­chen des Kim-Re­gimes ein.

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