FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Dy­nas­tie.

Seit der Grün­dung der De­mo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik 1948 wird das Land von der Kim-Dy­nas­tie re­giert: Auf Staats­grün­der und Prä­si­dent Kim Il-sung folg­te des­sen Sohn Kim Jong-il und 2011 En­kel Kim Jong-un an die Staats- und Ar­mee­spit­ze. Je­g­li­che Form von Op­po­si­ti­on wird mit Ar­beits­la­ger, KZ oder Tod be­straft, die Be­völ­ke­rung wird aus­ge­hun­gert.

Atom­pro­gramm.

Mit­te April 2012 be­zeich­net sich Nord­ko­rea in sei­ner Ver­fas­sung als Nu­kle­ar­macht. Be­reits im Ok­to­ber 2006 führ­te das Land an­geb­lich ei­nen ers­ten Atom­test durch. Der letz­te fand im Jän­ner statt, es folg­ten zahl­rei­che Ra­ke­ten­ab­schüs­se. Im März ver­schärf­te der UNSi­cher­heits­rat Sank­tio­nen.

Volks­ar­mee.

Seit

In der Volks­ar­mee die­nen et­wa 1,3 Mil­lio­nen Sol­da­ten. Män­ner müs­sen min­des­tens zehn Jah­re lang den Mi­li­tär­dienst ab­sol­vie­ren, Frau­en müs­sen sich für acht Jah­re ver­pflich­ten. des Grenz­flus­ses Tu­men. Die Tage sind schwül und heiß. Am 26. Au­gust ist die Nacht­luft be­son­ders sti­ckig, Wol­ken ver­de­cken den Mond. Kim wagt den gro­ßen Schritt: Er springt ins Was­ser. Die Wa­chen se­hen ihn nicht, ver­mut­lich dö­sen sie in der Hit­ze. Kim schwimmt. Er schwimmt nach Chi­na, in die Frei­heit. Elite hat Angst. Dort über­ra­schen ihn die vie­len elek­tri­schen Lich­ter, ei­ne sol­che strah­len­de Hel­lig­keit bei Nacht hat der jun­ge Mann noch nie ge­se­hen. Aber er will wei­ter. Nach ei­ner lan­gen Rei­se, die ihn durch meh­re­re asia­ti­sche Län­der führt, ge­langt er nach Thai­land und – dank der Hil­fe des UN-Flücht­lings­hilfs­werks – schließ­lich nach En­g­land. Kim be­schließt, von hier aus für ein frei­es Nord­ko­rea zu kämp­fen. Er nimmt Kon­takt zu nord­ko­rea­ni­schen Dis­si­den­ten auf: Von den rund 1200 nord­ko­rea­ni­schen Flücht­lin­gen in der EU le­ben et­wa 700 in Groß­bri­tan­ni­en. Er grün­det ei­ne Zei­tung, in der er die Ver­bre­chen des Kim-Re­gimes do­ku­men­tiert und ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die sich für Men­schen­rech­te und De­mo­kra­tie in Nord­ko­rea ein­setzt.

Kim ver­folgt die Ent­wick­lun­gen in sei­ner Hei­mat genau. Den Men­schen ge­he es schlech­ter als je zu­vor, weiß er von sei­nen In­for­man­ten. Wirt­schaft­lich ha­be sich trotz groß­spu­rig an­ge­kün­dig­ter Re­for­men we­nig ge­än­dert, die Men­schen hun­ger­ten auch un­ter Dik­ta­tor Kim Jong-un. Doch der jun­ge Macht­ha­ber ge­he noch bru­ta­ler als sein Va­ter und Groß­va­ter vor. We­gen der stän­di­gen „Säu­be­run­gen“des Macht­ap­pa­ra­tes füh­le sich jetzt auch die Elite nicht mehr si­cher. Da je­g­li­che Op­po­si­ti­on im Keim er­stickt wer­de, ge­be es we­der in­ner­halb Par­tei noch der Ar­mee ei­ne Ge­gen­be­we­gung zur Kim-Ty­ran­nei. Al­ler­dings wür­den im­mer mehr Nord­ko­rea­ner das Land ver­las­sen: „Frü­her sind nur Ein­zel­ne ge­flo­hen. Heu­te ver­su- chen gan­ze Grup­pen, über die Gren­ze zu kom­men“, weiß Kim. Flucht sei die ein­zi­ge Form von Wi­der­stand ge­gen das Re­gime, die der­zeit mög­lich sei: „Wenn aber im­mer mehr Nord­ko­rea­ner die Welt se­hen, dann steigt von au­ßen der Druck, die Din­ge in Nord­ko­rea zu ver­än­dern.“Vor al­lem un­ter den Jun­gen wach­se der Frust, hört Kim aus der Hei­mat. Die­se Ge­ne­ra­ti­on muss im Ge­gen­satz zu ih­ren El­tern und Groß­el­tern gänz­lich auf die – wenn auch pre­kä­re – Staats­hil­fe ver­zich­ten und selbst Geld ver­die­nen. Die­se ru­di­men­tä­re „Markt­öff­nung“trei­be vie­le an, weg­zu­ge­hen. „Sie rea­li­sie­ren, dass sie in die­sem Sys­tem kei­ne Chan­ce ha­ben.“

»Flucht ist die ein­zi­ge Form von Wi­der­stand, die der­zeit in Nord­ko­rea mög­lich ist.«

Hin­ter Kims En­ga­ge­ment ste­cken auch per­sön­li­che Grün­de. „Ich will, dass mei­ne Flucht ei­nen Sinn hat­te. Ich will hel­fen, Nord­ko­rea zu ver­än­dern.“Kim denkt da­bei an sei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie. Es fällt ihm nicht leicht, dar­über zu re­den. Sei­nen Va­ter hat er seit der Flucht nur ein­mal ge­hört: 2007 te­le­fo­nier­ten sie mit­ein­an­der. Die Fa­mi­lie zahl­te ei­nen ho­hen Preis: Ein Bru­der, Ex-Of­fi­zier, wur­de zu Zwangs­ar­beit in ei­ner Fa­b­rik ver­ur­teilt. Sei­ne Ver­wand­ten ste­hen un­ter Dau­er-Be­ob­ach­tung und müs­sen lang­wie­ri­ge Be­fra­gun­gen über sich er­ge­hen las­sen. Kim hat seit 2007 kei­ne Nach­richt von ih­nen.

Der Dis­si­dent hat in­zwi­schen in En­g­land ei­ne Fa­mi­lie ge­grün­det: Er hei­ra­te­te, hat zwei klei­ne Töch­ter. Kim glaubt fest an ein bal­di­ges Er­wa­chen aus dem Alp­traum der sta­li­nis­ti­schen Dik­ta­tur. Er hofft, dass dies noch zu Leb­zei­ten sei­nes Va­ters ge­sche­hen wird. „Ich wün­sche mir, dass er sei­ne En­ke­lin­nen noch um­ar­men kann.“

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