Bür­ger und Po­li­zei ge­hen auf die Be­zie­hungs­couch

Das Ver­trau­en der Be­völ­ke­rung in die Staats­ge­walt sinkt. Vier Be­zir­ke im Land wer­den nun zu La­bors, in de­nen die Be­zie­hung ver­bes­sert wer­den soll.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON ANDREAS WETZ

Es ist mehr als nur po­li­ti­scher Ak­tio­nis­mus, wenn ein Na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ter dem In­nen­mi­nis­te­ri­um vor­wirft, ver­meint­lich de­li­ka­te Tat­sa­chen zur Frem­den­kri­mi­na­li­tät be­wusst zu ver­schwei­gen. Es zeigt, dass Tei­le der Be­völ­ke­rung und sei­ner Ver­tre­ter ei­nem der wich­tigs­ten Or­ga­ne im Staat, der ex­klu­siv mit dem Ge­walt­mo­no­pol aus­ge­stat­te­ten Po­li­zei, zu­se­hends miss­trau­en.

In­ter­net­fo­ren und so­zia­le Me­di­en qu­el­len über mit Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, dass Ta­ten ver­tuscht, die La­ge schön­ge­re­det wird. In der Re­dak­ti­on der „Pres­se am Sonn­tag“lan­gen täg­lich Er­zäh­lun­gen ein, dass ein Be­kann­ter von ei­nem Po­li­zis­ten er­fah­ren ha­be, es ge­be An­wei­sun­gen von ganz oben, dass Ver­bre­chen mit Be­tei­li­gung von Frem­den, ins­be­son­de­re Asyl­wer­bern, nicht zur Ver­öf­fent­li­chung be­stimmt sei­en. Kei­ner die­ser Vor­wür­fe konn­te bis­her be­stä­tigt wer­den. Be­rich­ten Me­di­en dar­über, heißt es stets, dass sich der be­tref­fen­de Jour­na­list zum Büt­tel der Po­li­zei ge­macht ha­be. „Lü­gen­pres­se“und „Lü­gen­po­li­zei“: Geht es im Gleich­schritt in ei­ne Ge­sell­schaft des Miss­trau­ens? Vier Pi­lot­ver­su­che. Pe­ter Waldinger ist ei­ne von vier Per­so­nen im Land, die dem ent­ge­gen­tre­ten. Der ehe­ma­li­ge Kri­mi­nal­be­am­te mit FBI-Er­fah­rung ist seit 2013 Be­zirks­po­li­zei­kom­man­dant im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Möd­ling. Hier so­wie in Schär­ding, Ei­sen­stadt und Graz hat das In­nen­mi­nis­te­ri­um Ver­suchs­la­bors ein­ge­rich­tet, die die Be­zie­hung zwi­schen Exe­ku­ti­ve und Be­völ­ke­rung ver­bes­sern sol­len. In ei­nem Jahr, so der Plan, wird der Rest der Re­pu­blik fol­gen.

„Wenn das Si­cher­heits­ge­fühl sinkt, ent­steht Des­in­for­ma­ti­on. Des­halb wer­den wir als Po­li­zei aus­ge­wähl­ten Bür­gern aus ers­ter Hand sa­gen, wie die La­ge in ih­rem Um­feld wirk­lich ist, und sie auf­for­dern, die­se In­for­ma­tio­nen auch wei­ter­zu­tra­gen.“An die­sem Don­ners­tag­mor­gen sit­zen sie al­le im mon­dä­nen Be­spre­chungs­saal des Rat­hau­ses von La­xen­burg. Die Markt­ge­mein­de liegt 20 Ki­lo­me­ter süd­lich von Wi­en im Be­zirk Möd­ling und ist seit Kai­sers Zei­ten ein be­lieb­ter Aus­flugs­ort. Be­zirks­po­li­zei­kom­man­dant Waldinger hat vom Bür­ger­meis­ter ab­wärts al­le ein­ge­la­den, die im Ent­fern­tes­ten mit dem The­ma Si­cher­heit zu tun ha­ben. Un­ter den Au­gen von Ma­ria The­re­sia und Franz Jo­seph, die bei­de als Ge­mäl­de an der Wand hän­gen, ha­ben sich Ver­tre­ter von Feu­er­wehr, Zi­vil­schutz­ver­band, Ret­tung und der ört­li­chen Po­li­zei­in­spek­ti­on ver­sam­melt. Und zwei ganz nor­ma­le Bür­ger, An­ge­li­na Sha­kin und Wal­ter Tesch, um die es bei dem Pro­jekt ei­gent­lich geht. Stra­te­gi­sche Be­deu­tung. „Ge­mein­sam si­cher“, so heißt das Vor­ha­ben, kommt von ganz oben. In den Zim­mern und auf den Gän­gen des In­nen­mi­nis­te­ri­ums in Wi­en be­ob­ach­ten Be­am­te, rang­ho­he Po­li­zis­ten und auch Ana­lys­ten des Staats­schut­zes schon seit län­ge­rer Zeit mit Sor­gen­fal­ten auf der Stirn, dass Tei­le der Ge­sell­schaft aus­ein­an­der­drif­ten. Die star­ke Flücht­lings­und Mi­gra­ti­ons­be­we­gung des Vor­jah­res hat die­se Ent­wick­lung noch ein­mal be­schleu­nigt. Das Land, die Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten hat es ge­zeigt, po­la­ri­siert sich zu­se­hends zwi­schen links und rechts, die Ge­las­sen­heit bei po­li­ti­schen De­bat­ten ist ver­schwun­den, ge­sun­de Skep­sis ver­wan­delt sich in Tei­len der Be­völ­ke­rung in grund­sätz­li­che Ab­leh­nung staat­li­cher Struk­tu­ren. „Egal, was man sagt, am En­de lan­det man fast im­mer bei Per­so­nen, die sich be­lo­gen füh­len, ih­re ei­ge­nen Ge­rüch­te in die Welt set­zen und da­für in den so­zia­len Me­di­en auch noch An­hän­ger fin­den“, be­schreibt ein ho­her Of­fi­zier aus dem Mi­nis­te­ri­um das Di­lem­ma.

Zu tun hat das auch da­mit, dass auf Ba­sis ei­nes oft dif­fu­sen Ge­fühls von Un­si­cher­heit vie­les vom Ver­trau­en in die ord­nen­de Kraft der Po­li­zei ver­lo­ren ge­gan­gen ist. „Ge­mein­sam si­cher“, das auf den ers­ten Blick ziem­lich un­spek­ta­ku­lär, vi­el­leicht so­gar sper­rig da­her­kommt, soll die­sen selbst­zer­stö­re­ri- schen Pro­zess zu­min­dest ver­lang­sa­men, im Ide­al­fall so­gar stop­pen und um­keh­ren. Pe­ter Waldinger und sei­ne Kol­le­gen in den an­de­ren Län­dern ste­hen vor ei­ner Auf­ga­be mit gro­ßer ge­sell­schaft­li­cher Be­deu­tung.

Lö­sen will er die Auf­ga­be mit Trans­pa­renz ge­gen­über der Be­völ­ke­rung. Da­durch ent­steht Glaub­wür­dig­keit. Die­ses Kon­zept taugt je­doch nicht für Schlag­zei­len, denn es braucht Zeit, um zu wir­ken. Politik und Me­di­en ha­ben die­se oft nicht. Oder glau­ben das zu­min­dest.

Waldinger je­doch weiß, dass er sich Zeit neh­men muss, um er­folg­reich zu sein. In La­xen­burg über­lässt er des­halb über wei­te Stre­cken sei­nem Stell­ver­tre­ter, Oli­ver Wil­helm, das Wort. Er lei­tet den Kri­mi­nal­dienst im Be­zirk. In die­ser Funk­ti­on ist er ei­ner der am meis­ten be­schäf­tig­ten Po­li­zis­ten im Land. Kein Ver­schwei­gen, kein Schön­re­den, kein Re­la­ti­vie­ren: Scho­nungs­los und prä­zi­se pro­ji­ziert Wil­helm Da­ten zum kri­mi­nal­po­li­zei­li­chen La­ge­bild an die Wand. Und er spricht da­zu: „Ein­bruchs­dieb­stäh­le in Häu­ser und Woh­nun­gen sind im Be­zirk Möd­ling das ganz gro­ße The­ma.“

Auch wenn es in La­xen­burg selbst et­was ru­hi­ger ist: Mit fast 6500 Straf­ta­ten pro 100.000 Ein­woh­ner ge­hört der Be­zirk zu den Top 20 der am meis­ten von Kri­mi­na­li­tät be­las­te­ten Re­gio­nen in der Re­pu­blik. Prä­zi­se zeich­net Wil­helm für die An­we­sen­den nach, war­um das so ist: Der Be­zirk ist durch hoch­ran­gi­ge Stra­ßen­ver­bin­dun­gen bes­tens er­schlos­sen. Die­se die­nen als An­fahrts- und Flucht­rou­ten für die Tä­ter. Vie­le der Ban­den hät­ten ver­steck­te Quar­tie­re in Wi­en, für die „Ar­beit“pen­deln sie in die wohl­ha­ben­den Um­land­be­zir­ke, um an­schlie­ßend wie­der in die An­ony­mi­tät der Groß­stadt ab­zu­tau­chen. Vor al­lem auf hoch­prei­si­ge Moun­tain­bikes, die ge­zielt aus Kel­ler­ab­tei­len ge­stoh­len wer­den, ha­ben es die Organisationen in der Re­gi­on ab­ge­se­hen.

Oh­ne sich ein Blatt vor den Mund zu neh­men, er­zählt der Po­li­zist auch, dass ge­ra­de die­se Art von Kri­mi­na­li­tät das Si­cher­heits­ge­fühl der Be­völ­ke­rung zer­stö­re, dass nach ei­nem Ein­bruch für Op­fer nichts mehr so sei, wie es vor­her war. An­ge­li­na Sha­kin weiß nur zu gut, wo­von der Po­li­zist spricht. Bür­ger mit Schar­nier­funk­ti­on. Sie ist ei­ne von bis­her 60 so­ge­nann­ten Si­cher­heits­bür­gern, die sich beim Be­zirks­po­li­zei­kom­man­do für die­ses Eh­ren­amt ge­mel­det ha­ben. In Sha­kins Fa­mi­lie kam es in der Ver­gan­gen­heit zu nicht we­ni­ger als drei Dieb­stahls­de­lik­ten. „Ich ha­be so­zu­sa­gen ei­ne per­sön­li­che Mo­ti­va­ti­on, in en­gen Kon­takt mit der Po­li­zei zu tre­ten“, sagt sie. Die In­for­ma­tio­nen über die Si­cher­heits­la­ge in der Re­gi­on, die sie dort mit an­de­ren Si­cher­heits­bür­gern von den Kon­takt­be­am­ten er­hal­ten wird – in der In­spek­ti­on La­xen­burg wird das Klaus Göschl sein –, will sie dann mit an­de­ren aus der Ge­mein­de, zum Bei­spiel im El­tern­ver­ein, tei­len.

Da­mit tä­te Sha­kin genau das, was den Kern des Pro­jekts aus­macht: Zu­ver­läs­si­ge Bür­ger er­hal­ten In­for­ma­tio­nen aus ers­ter Hand (zum Bei­spiel: Stra­ßen­zug X wird der­zeit häu­fig von Tä­tern mit der Me­tho­de Y heim­ge­sucht), ge­ben die­se in ih­rem Ein­fluss­be­reich wei­ter und ver­brei­ten so glaub­wür­dig Tat­sa­chen. Das kann im ge­nann­ten Bei­spiel da­zu füh­ren, dass Bür­ger, die da­von er­fah­ren, Prä­ven­tiv­maß­nah­men er­grei­fen und weitere Ta­ten ver­ei­telt wer­den. Gleich­zei­tig, so die Hoff­nung, be­kä­me die Be­völ­ke­rung das Ge­fühl, vom Staat über die Si­cher­heits­la­ge in ih­rer Re­gi­on zu­ver­läs­si­ge In­for­ma­tio­nen zu er­hal­ten.

Ent­schei­dend wird da­bei sein, wie se­ri­ös die Si­cher­heits­bür­ger ih­re Scha­nier­funk­ti­on zwi­schen Exe­ku­ti­ve und

Kein Ver­schwei­gen, kein Schön­re­den, kein Re­la­ti­vie­ren: Trans­pa­renz schafft Ver­trau­en.

Sta­nis­lav Je­nis

Der Be­ginn ei­nes neu­en Ver­hält­nis­ses zwi­schen Bür­gern und Exe­ku­ti­ve? Po­li­zei-Kon­takt­be­am­ter Klaus Göschl (l.) mit den Si­cher­heits­bür­gern von La­xen­burg, An­ge­li­na Sha­kin und Wal­ter Tesch.

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