Wach­sa­me Ge­sell­schaft, kei­ne Hilfs­po­li­zis­ten

Das deut­sche Bun­des­land Rhein­land-Pfalz tes­tet neue For­men der Bür­ger­be­tei­li­gung.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON ERICH KOCINA

Ver­trau­en, das ist ei­nes der Schlag­wor­te, von de­nen Chris­ti­an Hamm gern spricht. Ver­trau­en in die Po­li­zei, dar­auf hät­ten die Bür­ger ein Recht, so wie auch auf Ant­wor­ten. Und da, meint er, brau­che es auf­sei­ten der Exe­ku­ti­ve „ei­ne Phi­lo­so­phie des Er­klä­ren­wol­lens, nicht nur des Er­klä­ren­müs­sens“. Wie das er­reicht wer­den kann, hat er in sei­ner Mas­ter­ar­beit über Chan­cen und Ris­ken der Bür­ger­be­tei­li­gung ge­schrie­ben. Der Do­zent der Hoch­schu­le der Po­li­zei Rhein­land-Pfalz gilt als Pio­nier im Be­reich Um­gang der Exe­ku­ti­ve mit den Bür­gern.

Für ihn geht es dar­um, dass die Po­li­zei ak­tiv auf die Bür­ger zu­ge­hen muss – und ih­re Ex­per­ti­se auch nutzt. „Neun von zehn Straf­ta­ten er­fah­ren wir nur, weil uns je­mand dar­auf hin­weist“, meint er. Um­so wich­ti­ger sei es, im re­gel­mä­ßi­gen Kon­takt zu ste­hen und zu­zu­hö­ren, was den Men­schen auf­fällt, sei es ein Ort, an dem Pro­ble­me auf­tre­ten, sei es je­mand, der sich ver­däch­tig ver­hält. „Wir wol­len ei­ne wach­sa­me Ge­sell­schaft“, sagt Hamm, „aber Hilfs­po­li­zis­ten sol­len es kei­ne sein.“Wich­tig sei, dass sich die Leu­te ver­trau­ens­voll an die Po­li­zei wen­den kön­nen. Das pas­sie­re vor al­lem dann, wenn die Men­schen sie tat­säch­lich als Freund und Hel­fer be­trach­ten.

Ei­ne sei­ner Ide­en ist je­ne der Si­cher­heits­be­ra­ter – extra ge­schul­te Men­schen, die et­wa Se­nio­ren prä­ven­tiv be­ra­ten, in­dem sie sie et­wa für den En­kelt­rick sen­si­bi­li­sie­ren. Da­für wer­den ge­eig­ne­te Per­so­nen, häu­fig sind es pen­sio­nier­te Po­li­zis­ten, ein­ge­setzt, die die Tä­tig­keit in of­fi­zi­el­ler Funk­ti­on eh­ren­amt­lich aus­üben. Re­gio­na­le Bür­ger als Ex­per­ten. Im Rah­men der AG Bür­ger­be­tei­li­gung wer­den in Rhein­land-Pfalz auf Ba­sis von Hamms Ide­en drei ver­schie­de­ne Mo­del­le des ak­ti­ven Um­gangs mit der Be­völ­ke­rung aus­pro­biert. Bei Bür­ger­fo­ren kom­men Po­li­zei und an­de­re Be­hör­den re­gel­mä­ßig mit den Be­woh­nern zu­sam­men. Sie kön­nen dort An­re­gun­gen ge­ben, wo man ge­nau­er hin­schau­en soll­te, et­wa wo es Angs­träu­me gibt. Da­ne­ben gibt es die so­ge­nann­te mo­bi­le Wa­che, al­so Strei­fen­po­li­zis­ten, die ak­tiv Bür­ger an­spre­chen. „Die Po­li­zei hat sehr viel zu tun, ge­ra­de die an­las­s­un­ab­hän­gi­ge Strei­fe ist sehr ein­ge­schränkt“, sagt Ni­co­le Fri­cker, Ge­schäfts­füh­re­rin der AG Bür­ger­be­tei­li­gung. „Für uns ist da der re­gio­na­le Bür­ger der Ex­per­te, et­wa die Oma am Fens­ter, die et­was be­ob­ach­tet hat.“Schließ­lich gibt es als drit­tes Pro­jekt so­ge­nann­te Po­li­zei­bei­rä­te – dort be­ra­ten Po­li­zei und Ver­tre­ter der Kom­mu­nen über re­gio­na­le Pro­ble­me.

All die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men sol­len da­für sor­gen, dass Men­schen gar nicht erst das Ge­fühl ha­ben, dass sie sich selbst or­ga­ni­sie­ren müs­sen, et­wa in ei­ner Bür­ger­wehr. Denn sie will man nicht – „das Ge­walt­mo­no­pol“, sagt Fri­cker, „muss bei der Po­li­zei blei­ben.“Geht es nach Chris­ti­an Hamm, sind all die­se Pro­jek­te aber nur Zwi­schen­stu­fen. Über kurz oder lang müs­se der Bür­ge­r­an­satz in sämt­li­che stra­te­gi­schen Pro­zes­se ein­ge­baut wer­den. Soll hei­ßen, dass künf­tig bei je­dem Problem, mit dem die Po­li­zei kon­fron­tiert ist, au­to­ma­tisch ge­prüft wer­den soll, in wel­cher Wei­se Bür­ger bei der Auf­klä­rung mit­hel­fen kön­nen.

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