Wie Hun­der­te Schmet­ter­lin­ge

Blu­men­har­trie­gel. Wer die­ser fan­tas­ti­schen Pflan­ze in vol­ler Blü­te be­geg­net, wird so­fort nach ei­nem ge­eig­ne­ten Platz für sie su­chen und im bes­ten Fall die ei­ne oder an­de­re Thu­je für das we­sent­lich sym­pa­thi­sche­re Ge­wächs op­fern.

Die Presse am Sonntag - - Garten - VON UTE WOL­TRON

Ich ha­be ei­nen Traum. Ich träu­me, die Thu­jen­be­sit­zer der Na­ti­on er­he­ben ei­nes Ta­ges ih­re Häup­ter. Sie rei­ßen den Blick von ma­kel­lo­sen Ra­sen­flä­chen los, sie las­sen ihn über die Trost­lo­sig­keit der grü­nen Thu­jen­wän­de rund­um wan­dern und er­le­ben ei­nen die­ser kost­ba­ren und sel­te­nen Mo­men­te der Er­leuch­tung. „Nein!“, wird es dann in ih­nen schrei­en. Lau­ter Thu­jen und sonst nichts – was für ei­ne un­ge­heu­er­li­che Ver­schwen­dung an Platz und Mög­lich­keit.

„So lasst uns denn die­se Öd­nis Stück für Stück nie­der­rei­ßen“, wer­den sie ver­kün­den, und eins ums an­de­re durch an­mu­ti­ge­re Ge­wäch­se er­set­zen: Durch Sträu­cher, die blü­hen und duf­ten, in de­nen es summt und singt, und an de­nen sich das Au­ge la­ben kann, weil sie so viel schö­ner sind als der Ös­ter­rei­cher aus un­er­find­li­chen Grün­den im­mer noch liebs­tes Zaun­ge­wächs.

Zu­min­dest klei­ne Bre­schen könn­te man in die Thu­jen­wän­de schla­gen, und dort, in die­se ver­hei­ßungs­vol­len Lü­cken hin­ein, könn­te man zum Bei­spiel je­ne Ge­wäch­se set­zen, die so un­wahr­schein­lich schön sind, dass man es kaum für mög­lich hält: Blu­men­har­trie­gel, die­sen Traum von ei­ner Pflan­ze, der ge­ra­de sei­nen gro­ßen Auf­tritt hat, und doch so sel­ten an­zu­tref­fen ist. Atem­be­rau­bend. Der ers­te, dem ich vor lan­ger Zeit per­sön­lich be­geg­ne­te, war be­reits ein statt­li­ches, aus­ge­wach­se­nes Ex­em­plar, zu­min­dest vier Me­ter hoch, und er stand im groß­ar­ti­gen Gar­ten der Grün­de­rin von Bellaf­lo­ra. Sein An­blick raub­te mir den Atem. Wenn ein Blu­men­ar­trie­gel in vol­ler Blü­te steht, schaut er aus, als ob ihn Hun­der­te von Schmet­ter­lin­gen zum Sitz­platz er­ko­ren hät­ten und ein gra­ziö­ses Mas­sen­stell­dich­ein ab­hiel­ten, so wie man­che Schmet­ter­lings­ar­ten das in den Tro­pen zu tun pfle­gen, wenn sie sich zu Hun­der­ten an be­stimm­ten Stel­len ver­sam­meln, um wert­vol­le Mi­ne­ral­stof­fe aus feuch­ten Dschun­gel­bö­den zu na­schen.

Die Schmet­ter­lings­blü­ten des Blu­men­har­trie­gels sit­zen in ei­gen­ar­ti­gen par­al­le­len An­ord­nun­gen auf den Zwei­gen, sie wip­pen zier­lich ge­spitzt im Wind und sind je nach Sor­te weiß, grün­lich, creme­far­ben oder ro­sa über­haucht. Man muss weit ge­hen, um ähn­lich Schö­nes be­trach­ten zu dür­fen.

Die selbst­ver­ständ­lich so­fort nach der ers­ten Be­geg­nung im ei­ge­nen Gar­ten ge­setz­ten Ex­em­pla­re – ei­ne weiß blü­hen­de Ma­dame But­ter­fly und ein ro­sa blü­hen­der Sa­to­mi – brauch­ten auf­grund der kar­gen Bo­den­be­schaf­fen­heit doch ein paar Jah­re, um durch­zu- star­ten. Das War­ten hat sich ge­lohnt. Zwi­schen­zeit­lich bil­den sie mit ih­rer Blü­te ei­nen der Hö­he­punk­te des früh­som­mer­li­chen Gar­ten­ge­sche­hens, und noch kein Be­su­cher ging an ih­nen vor­über, oh­ne in­ne­zu­hal­ten und den Mund zu ei­nem gro­ßen Oh zu for­men. Schön­hei­ten aus Asi­en. Auch die Nach­ba­rin fand stets be­gehr­li­chen Ge­fal­len an den Asia­tin­nen – die schöns­ten Blu­men­har­trie­gel stam­men aus Ja­pan und aus Chi­na –, sie hat­te je­doch bis­her nie ei­nen ge­eig­ne­ten Platz für ei­ne von ih­nen. Der Grund da­für: Die Groß­sträu­cher sind nicht ganz an­spruchs­los. Sie brau­chen ei­nen schat­ti­gen bis halb­schat­ti­gen, kei­nes­falls zu son­ni­gen Stand­ort und vor al­lem recht viel Bo­den­feuch­te. Sie be­vor­zu­gen laut Fach­li­te­ra­tur auch eher sau­re Bö­den. Doch das ist of­fen­sicht­lich kei­ne zwin­gen­de

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