„Wer be­kommt schon gern ei­nen Tritt in den Hin­tern?“

Ste­phen Booth ist Ko-Di­rek­tor des Thinktanks Open Eu­ro­pe und sieht Groß­bri­tan­ni­en bei Ver­bleib und Aus­stieg in der Zwick­müh­le.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON GA­B­RI­EL RATH

Sie sa­gen für den Fall ei­nes bri­ti­schen EUAus­tritts ei­nen Ver­lust an BIP von 1,5 Pro­zent vor­aus. War­um soll­te das Land das tun? Ste­phen Booth: Es be­steht Über­ein­stim­mung un­ter Öko­no­men, dass der Br­ex­it ne­ga­ti­ve wirt­schaft­li­che Fol­gen ha­ben wird, al­lein weil der Zu­gang zum Ge­mein­sa­men Markt ver­lo­ren ge­hen wird. Sie schrei­ben in Ih­rer Stu­die aber auch, dass es ei­nen Pfad zum Wohl­stand au­ßer­halb der EU ge­be. Die­ser sei je­doch steil und mit un­po­pu­lä­ren Maß­nah­men ver­bun­den. Wie rea­lis­tisch ist die­se An­nah­me dann? Das ist tat­säch­lich die gro­ße Fra­ge. Klar ist, wenn man die EU ver­lässt und nichts macht, dann kos­tet das. Al­so muss man sich über­le­gen, wie man die Kos­ten kom­pen­sie­ren und ei­ne po­si­ti­ve wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on au­ßer­halb der EU schaf­fen kann. Groß­bri­tan­ni­en wird in­di­vi­du­el­le Han­dels­ab­kom­men ab­schlie­ßen müs­sen, das wird viel Zeit kos­ten. Man kann au­ßer­halb der EU wahr­schein­lich mehr de­re­gu­lie­ren, aber es ist un­klar, ob die Men­schen wirk­lich we­ni­ger Ar­beit­neh­mer­rech­te wol­len. Un­ser Punkt ist: Ja, es gibt wirt­schaft­li­che Aus­gleichs­maß­nah­men, aber sie ver­lan­gen schwie­ri­ge po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen. Die Re­gie­rung hat drei Sze­na­ri­en nach ei­nem Br­ex­it durch­ge­rech­net: Teil­nah­me am Ge­mein­sa­men Markt wie Nor­we­gen, bi­la­te­ra­les Ab­kom­men wie Ka­na­da oder kein Ab­kom­men und Han­del nach WTO-Re­geln. Wel­ches Mo­dell wür­den Sie be­vor­zu­gen? Die At­trak­ti­vi­tät des nor­we­gi­schen Mo­dells liegt da­rin, dass die Stö­run­gen so klein wie mög­lich sind. Der Vor­teil liegt da­rin, dass wir im Ge­mein­sa­men Markt blei­ben, der Nach­teil ist, dass wir nicht mehr mit­ent­schei­den kön­nen. Wenn es um die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit geht – und für vie­le Wäh­ler wird das The­ma Im­mi­gra­ti­on ent­schei­dend sein –, wird die EU auf dem Fort­be­stand der gel­ten­den Re­geln be­ste­hen. Wir se­hen da­mit, dass un­se­re nächs­ten Schrit­te nach ei­nem Br­ex­it in je­dem Fall mit ei­ner Men­ge Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den wä­ren: Die Ver­ein­ba­rung, die öko­no­misch am güns­tigs­ten wä­re, wür­de po­li­tisch in Kür­ze genau­so un­be­liebt sein, wie es heu­te die EU-Mit­glied­schaft ist. Für ein vor­teil­haf­tes Ab­kom­men braucht Groß­bri­tan­ni­en auch Ent­ge­gen­kom­men der an­de­ren Seite. Na­tür­lich. Aber auch oh­ne Han­dels­ab­kom­men wird der Han­del wei­ter­ge­hen, die Fra­ge ist nur, un­ter wel­chen Be­din­gun­gen. Of­fen­bar bie­tet die EU-Mit­glied­schaft Vor­tei­le, ins­be­son­de­re bei Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen und den Zu­tritts­rech­ten zum Ge­mein­sa­men Markt. Ist es da nicht kühn, wenn die EU-Geg­ner be­haup­ten, Län­der wie Frank­reich oder Deutsch­land wür­den sich ge­ra­de­zu über­stür­zen, Han­dels­ab­kom­men mit Groß­bri- tan­ni­en nach ei­nem Br­ex­it ab­zu­schlie­ßen? Das ist Wunsch­den­ken. Die Han­dels­bi­lanz täuscht dar­über hin­weg, dass der EU-Markt viel mehr für bri­ti­sche Ex­por­teu­re be­deu­tet als der bri­ti­sche Markt für EU-Ex­por­teu­re. Gleich­zei­tig hat kei­ner In­ter­es­se an gro­ßen Han­dels­bar­rie­ren zwi­schen der EU und Groß­bri­tan­ni­en. Groß­bri­tan­ni­en ist die fünft­größ­te Wirt­schafts­na­ti­on der Welt und wächst. Ich glau­be nicht, dass eu­ro­päi­sche Fir­men die­sen Markt ver­lie­ren wol­len. Die Sa­che bei Gü­tern recht ein­fach. Wie sieht es auf dem Fi­nanz­sek­tor aus? Das ist ein stark re­gu­lier­ter und um­strit­te­ner Sek­tor und es wür­de sehr schwie­rig wer­den, au­ßer­halb des EURah­mens ähn­li­che Be­stim­mun­gen wie die jet­zi­gen zu ver­ein­ba­ren. Groß­bri­tan­ni­en ist hier Net­to-Ex­por­teur. Aber auch hier geht es in bei­de Rich­tun­gen: Die Tat­sa­che, dass bri­ti­sche Fi­nanz­un­ter­neh­men ih­re Di­ens­te nach Eu­ro­pa ver­kau­fen, zeigt, dass Eu­ro­pa sie braucht. Und wol­len um­ge­kehrt die Eu­ro­zo­ne und die EU sich von ei­nem Markt­platz tren­nen, der Zu­gang zur gan­zen Welt bie­tet? Die Ci­ty wür­de sich bei ei­nem Br­ex­it al­so an­pas­sen müs­sen, aber sie wür­de über­le­ben? Si­cher­lich wird es An­pas­sun­gen ge­ben müs­sen. Die Fra­ge ist nicht ob, son­dern wie die Ci­ty über­le­ben wür­de. Ich glau­be, es könn­te ein schmerz­haf­ter

2011

wur­de Ste­phen Booth Ko-Di­rek­tor des Thinktanks Open Eu­ro­pe. Zu­vor lei­te­te er das For­schungs­de­part­ment von Open Eu­ro­pe. Der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler be­schäf­tigt sich seit Jah­ren in­ten­siv mit dem Ver­hält­nis von Groß­bri­tan­ni­en zur EU. Booth hat sich in vie­len Pu­bli­ka­tio­nen mit der EU und der Not­wen­dig­keit von po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Re­for­men aus­ein­an­der­ge­setzt. Pro­zess sein. Das ist der Be­reich, in dem ein Br­ex­it zu den größ­ten Ver­wer­fun­gen füh­ren wür­de. Wenn der Fi­nanz­sek­tor lei­det, kann das den oft be­schwo­re­nen Struk­tur­wan­del in Rich­tung Pro­duk­ti­on er­zwin­gen? Die An­hän­ger des EU-Aus­tritts sa­gen, dass der Schock des Br­ex­it not­wen­dig sei, um die bri­ti­sche Wirtschaft mit neu­em Le­ben zu er­fül­len. Das ist ein in­ter­es­san­ter Ge­dan­ke, aber ich glau­be nicht, dass man da­mit vie­le Stim­men ge­win­nen kann. Wer be­kommt schon gern ei­nen Tritt in den Hin­tern? Ei­ne er­folg­rei­che An­pas­sung au­ßer­halb der EU wür­de die bri­ti­sche Wirtschaft noch ag­gres­si­ver, schlan­ker und glo­ba­li­sier­ter ma­chen, als sie es be­reits ist. War­um sol­len die Wäh­ler da­für stim­men, Op­fer zu brin­gen? Ver­ges­sen Sie nicht, dass wir ei­ne sehr emo­tio­na­le De­bat­te er­le­ben und ne­ben der Wirtschaft die Ein­wan­de­rung das be­stim­men­de The­ma ist. Da­bei geht es im Grund um die Ab­leh­nung der Glo­ba­li­sie­rung. Die Iro­nie ist, dass Groß­bri­tan­ni­en ge­gen die EU stim­men könn­te und dann, um zu re­üs­sie­ren, noch mehr glo­ba­li­siert und of­fen nach au­ßen sein müss­te. Wenn wir aber in der EU blei­ben, stel­len sich eben­falls Fra­gen: Wie kön­nen wir un­se­re Po­si­ti­on ret­ten, dass wir gleich­zei­tig un­se­ren Ku­chen ha­ben und es­sen wol­len?

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