Kin­der­träu­me aus dem Bie­der­mei­er

In Man­fred Rei­chels Pup­pen­kli­nik auf der Wie­den er­hal­ten die be­tag­ten Pa­ti­en­ten aus Por­zel­lan und Stoff ei­nen neu­en Gum­mi­zug oder auch ein­mal ein fri­sches Au­ge. Von ei­ner Werk­statt, die mehr ei­nem längst ver­sun­ke­nen Kin­der­zim­mer gleicht.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Auf Bäu­me klet­tern hät­te er sol­len, nicht mit den Pup­pen der Cou­si­nen spie­len. Man­fred Rei­chel, Wie­ner Pup­pen­dok­tor auf der Wie­den, er­in­nert sich an sei­ne Kind­heit. Da­mals, in den Sech­zi­gern, hat es sei­ne Fa­mi­lie über­aus miss­trau­isch be­äugt, als der Bub die Pup­pen den Baustei­nen oder Au­tos vor­zog. „Ich ha­be im­mer al­les hin­ge­macht als Kind“, er­zählt Rei­chel. Schließ­lich müs­se man et­was zer­stö­ren, um zu be­grei­fen, wie es in sei­nem In­ne­ren aus­sieht, wie es funk­tio­niert. Da wur­de auch vor Pup­pen nicht halt­ge­macht.

Heu­te ist Rei­chel der­je­ni­ge, der die Por­zel­lan­kör­per wie­der zu­sam­men­flickt. Sei es, dass den be­tag­ten Da­men ein Gum­mi ge­ris­sen, ein Au­ge aus­ge­fal­len oder ein Bein ab­ge­bro­chen ist. „Ich ha­be ei­ne Pa­ti­en­tin für Sie“, sagt die al­te, weiß­haa­ri­ge Da­me, die so­eben sein Ge­schäft be­tritt. La­li hei­ße die Pa­ti­en­tin, sei 55 Jah­re alt und müss­te nun fürs En­kerl wie­der fit ge­macht wer­den. Als Pa­ti­en­tin­nen, nicht als Werk­stü­cke wer­den die Neu­an­kömm­lin­ge bei Rei­chel be­han­delt. Der 52-Jäh­ri­ge be­fühlt ganz wie ein ech­ter Dok­tor ge­schwind den Por­zel­lan­kör­per, be­wegt La­lis Glied­ma­ßen und wägt das Aus­maß des Scha­dens ab. „Das ist nicht schlimm. Am Mitt­woch kön­nen Sie sie wie­der ha­ben.“

Seit 20 Jah­ren ar­bei­tet Rei­chel in sei­nem klei­nen Ge­schäft in der He­u­mühl­gas­se na­he dem Wie­ner Nasch­markt. So man sich schon ein­mal im Le­ben die Fra­ge ge­stellt ha­ben soll­te, wie die ty­pi­sche Pup­pen­kli­nik wohl aus­sieht, fin­det man die Ant­wort in dem klei­nen, voll­ge­stell­ten La­den. Al­te wein­ro­te Ta­pe­ten. Glä­ser­ne Lus­ter. Holz­vi­tri­nen, von de­nen Heer­scha­ren an an­ti­ken Pup­pen, Bä­ren und sons­ti­gem Spiel­zeug auf den Be­su­cher her­ab­bli­cken. Ob ihn die vie­len mas­ken­haf­ten Bli­cke der star­ren Por­zel­lan­ge­sicht­chen nicht manch­mal ängs­ti­gen? „Schau­en Sie sich die al­ten Fo­to­gra­fi­en an“, sagt Rei­chel nur. „Die Leu­te dar­auf schau­en genau­so starr in die Ka­me­ra. Da ist viel Kul­tur­geist da­rin.“

Man merkt, der Mann ist dem Bie­der­mei­er und der vor­ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert­wen­de ver­bun­den. Ab et­wa 1870, er­zählt er, wur­den in deut­schen Städ­ten wie dem für sei­ne Spiel­zeug­in­dus­trie be­rühm­ten Son­ne­berg die ers­ten mo­der­nen Pup­pen ge­fer­tigt. „Das Bie­der­mei­er hat uns die Schu­le – und auch die Kind­heit – be­schert“, sagt Rei­chel.

»Das Bie­der­mei­er hat uns die Schu­le – und auch die Kind­heit – be­schert.«

Auf Film ge­bannt. Über sei­nem Ge­schäft lie­gen die­se ver­gan­ge­nen Tage wie ein fei­ner, nost­al­gi­scher Man­tel. Der Raum macht den Ein­druck ei­nes et­was un­or­dent­li­chen Kin­der­zim­mers aus Bie­der­mei­er­ta­gen. Das dach­ten sich wohl auch die Pro­du­zen­ten von „Herrn Ku­kas Emp­feh­lun­gen“. Die Ver­fil­mung von Ra­dek Knapps Best­sel­ler über ei­nen Po­len, der in Schel­men­ro­man-Ma­nier durch Wi­en stol­pert, wur­de zu ei­nem gro­ßen Teil in Rei­chels Reich ge­dreht.

Nach dem Dreh be­hielt er die wein­ro­ten Ta­pe­ten, die das Film­team an­brach­te. „Al­les Fa­ke“, wie er la­chend an­merkt. Auch ei­ne ge­wis­se Lo­kal­be­rühmt­heit blieb haf­ten. Die klei­ne An­ek­do­te liegt jetzt bald zehn Jah­re zu­rück. „Da­mals hat man mich wirk­lich gut ge­kannt.“Doch durch den Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel hät­te sich das nach und nach ver­lo­ren. „In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren sind 15 mei­ner Stamm­kun­den ge­stor­ben“, spricht Rei­chel das ge­ne­rel­le Problem sei­nes Me­tiers an. In sei­nen La­den ver­ir­re sich heu­te so gut wie kein Kun­de un­ter 50 Jah­ren.

In den Acht­zi­ger­jah­ren ha­be es ei­ne rie­sen­gro­ße Be­we­gung hin zum An­ti­ken, Nost­al­gi­schen ge­ge­ben, auch un­ter den Jün­ge­ren. Pup­pen­mes­sen wa­ren gut be­sucht. Er selbst gab da­mals für sein ers­tes Samm­ler­ex­em­plar 3000 Schil­ling aus. Heu­te ist die­se rück­wärts­ge­wand­te Mo­de­be­we­gung, die sich auch in den Preis­an­stie­gen bei Ju­gen­stil- und Bie­der­mei­er­mö­beln nie­der­schlug, wie­der ver­ebbt. Doch Rei­chel hofft, dass es hier wie über­all sonst ver­läuft – zy­klisch. Al­les kä­me schließ­lich zu­rück, so­gar die häss­li­chen Sieb­zigerjahre, sagt er la­chend.

Das Abeb­ben des Trends kam in Rei­chels Fall auch nicht gänz­lich un­ge­le­gen. Als er 1996 in der He­u­mühl­gas­se auf­sperr­te, konn­te er enor­me Pri­vat­samm­lun­gen und Be­stän­de an­de­rer Gro­ße und klei­ne Pup­pen­köp­fe aus den un­ter­schied­lichs­ten Jahr­zehn­ten la­gern in den Vi­tri­nen.

Va­le­rie Voi­t­ho­fer

Man­fred Rei­chel um­ge­ben von sei­nen an­ti­ken Pup­pen. Stoff­bä­ren moch­te er frü­her hin­ge­gen nicht. Jetzt ist er Meis­ter da­rin, sie zu re­pa­rie­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.