Tanz mit Franz

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Was für ein traum­haf­ter Tag, froh­lock­te Franz En­ter, der un­ge­wohnt leicht­fü­ßig dem mar­kier­ten Wan­der­weg durch den Wie­n­er­wald folg­te. So be­schwingt hat­te er sich schon lan­ge nicht mehr ge­fühlt. Wenn er sich recht er­in­ner­te, ei­gent­lich über­haupt noch nie. Die Kreuz­schmer­zen, die ihn in letz­ter Zeit plag­ten, wa­ren wie weg­ge­bla­sen. An der Lich­tung hielt er in­ne, at­me­te das mil­de Lüf­terl, das ihm um die Na­se weh­te, tief ein. Die Vö­gel zwit­scher­ten mun­ter vor sich hin, die Gril­len zirp­ten, die Schmet­ter­lin­ge tanz­ten über die Blu­men­wie­se. Am liebs­ten hät­te En­ter mit ih­nen ge­sun­gen und ge­tanzt.

War­um ei­gent­lich nicht, über­leg­te der schwer­ge­wich­ti­ge Mann, der den Tanz­kurs sei­ner­zeit we­gen Er­folg­lo­sig­keit so­wohl auf dem Par­kett als auch bei po­ten­zi­el­len Tanz­part­ne­rin­nen früh­zei­tig ab­ge­bro­chen hat­te. Weit und breit war kei­ne Men­schen­see­le zu se­hen. Nie­mand war da, vor dem er sich hät­te bla­mie­ren kön­nen. Auf ein­mal über­nah­men sei­ne Fü­ße das Kom­man­do, be­weg­ten sich wie von selbst. Noch ehe sich En­ter dar­über wun­dern konn­te, dreh­te er sich im Kreis her­um, sprang leicht wie ei­ne Fe­der, hö­her und im­mer hö­her, bis er plötz­lich ab­hob und über die Som­mer­wie­se schweb­te, be­glei­tet von ei­nem Ge­schwa­der bun­ter Schmet­ter­lin­ge. Ein nie ge­kann­tes Glücks­ge­fühl er­fass­te ihn, wenn­gleich die­ser himm­li­sche Zu­stand nur kurz währ­te.

Ei­ne ver­trau­te Me­lo­die hol­te ihn un­sanft auf die Er­de zu­rück. Der ver­ma­le­dei­te Schmerz fuhr ihm gna­den­los in den Rü­cken. Gleich­zei­tig wur­de ihm schwarz vor den Au­gen. Er fühl­te sich blei­schwer, als er in sei­nem Bett er­wach­te. Stöh­nend griff er im Dun­keln nach der ein­zi­gen Licht­quel­le: sei­nem Han­dy, das be­harr­lich auf dem Nacht­käst­chen klin­gel­te. „Was gibt’s?“, schnauz­te er den An­ru­fer an. Wie spät war es über­haupt? Vom dienst­ha­ben­den Kol­le­gen aus der Ein­satz­zen­tra­le er­fuhr er bei­des. Schlaf­trun­ken wälz­te sich der In­spek­tor um halb drei Uhr mor­gens aus dem Bett. War­um hat­te er nicht et­was An­stän­di­ges ge­lernt, an­statt aus­ge­rech­net bei der Kri­mi­nal­po­li­zei an­zu­heu­ern, ver­fluch­te er sich aus­nahms­wei­se selbst. Die Kol­le­gen, die mit­ten HONIGWABE

Clau­dia Ross­ba­cher

wur­de in Wi­en ge­bo­ren, war Mo­del, Tex­te­rin und Krea­tiv­di­rek­to­rin, ehe sie sich dem Kri­mi­sch­rei­ben zu­wand­te. „Stei­rer­blut“wur­de für den ORF ver­filmt, „Stei­rer­kreuz“mit dem Buch­lieb­ling 2014 aus­ge­zeich­net. Mit „Stei­rer­nacht“ist so­eben der sechs­te Band ih­rer Best­sel­lerSe­rie er­schie­nen. www.kri­mi­au­to­ren.at in der Nacht rou­ti­ne­mä­ßig Fahr­zeug­kon­trol­len durch­ge­führt hat­ten und da­bei auf ei­ne Lei­che im Kof­fer­raum ge­sto­ßen wa­ren, traf frei­lich ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Mit­schuld an sei­ner ak­tu­el­len Mi­se­re.

Ei­ne Schmerz­ta­blet­te spä­ter, je­doch oh­ne noch Kaf­fee ge­trun­ken zu ha­ben, lenk­te En­ter den Di­enst­wa­gen durch die Nacht. Vor der ers­ten blau blin­ken­den Funk­strei­fe in der Neu­stift­gas­se hielt er an und stieg aus. We­nigs­tens hat­ten sei­ne Rü­cken­schmer­zen et­was nach­ge­las­sen. Die Fahr­zeug­be­sit­ze­rin, die man auf­ge­hal­ten hat­te, war­te­te in ei­nem Kas­ten­wa­gen der Po­li­zei auf ih­re Ein­ver­nah­me. „Ich schau mir rasch die Lei­che an, dann neh­me ich mir die Frau vor. Habt ihr mit ihr schon ge­spro­chen?“, frag­te En­ter den Uni­for­mier­ten, der an der Fah­rer­tür lehn­te. „Wir ha­ben nur ih­re Per­so­na­li­en auf­ge­nom­men. Pia Ur­ban heißt sie, bis auf ein paar Ver­kehrs­de­lik­te völ­lig un­be­schol­ten. Von der Lei­che in ih­rem Kof­fer­raum will sie nichts ge­wusst ha­ben“, be­rich­te­te der Po­li­zist. „Den To­ten woll­te sie par­tout nicht an­schau­en, weil ihr sonst schlecht wird.“„Ist sie be­trun­ken?“, frag­te En­ter. „Wenn der Al­ko­mat rich­tig an­ge­zeigt hat, ist sie stock­nüch­tern.“

Die Ge­richts­me­di­zi­ne­rin hob die Fo­lie an und leuch­te­te in den Kof­fer­raum, da­mit der In­spek­tor ei­nen Blick auf den To­ten wer­fen konn­te, der in Em­bryo­nal­stel­lung den ge­sam­ten Kof­fer­raum der Li­mou­si­ne aus­füll­te. Be­son­ders groß war der Mann nicht, zu­dem ziem­lich ma­ger. Sei­ne Schu­he sa­hen teu­er aus, da­zu trug er ein wei­ßes, nun­mehr ver­dreck­tes, blut­be­fleck­tes Hemd. „To­des­ur­sa­che?“, wand­te sich En­ter an die Ärz­tin sei­nes Ver­trau­ens. Soll­te er je­mals un­ter un­ge­klär­ten Um­stän­den das Zeit­li­che seg­nen, hoff­te er, auf ih­rem Se­zier­tisch zu lan­den. Sie war die bes­te und mit Ab­stand at­trak­tivs­te Mit­ar­bei­te­rin der Wie­ner Ge­richts­me­di­zin. „Mul­ti­ple Frak­tu­ren, ver­mut­lich auch in­ne­re Ver­let­zun­gen. An­schei­nend wur­de er an­ge­fah­ren. Siehst du die­se Spur hier?“Tat­säch­lich. Auf ei­nem Är­mel be­fand sich ein Rei­fen­ab­druck. „Mit sei­ner Stirn hat er wohl die Stra­ße ge­küsst.“Im Schein der Ta­schen­lam­pe er­kann­te En­ter Splitt und Schmutz­par­ti­kel. „Das Au­to ist vorn ziem­lich stark be­schä­digt. Wür­de mich nicht BUCHSTABENBUND wun­dern, wenn wir es mit dem Tat­fahr­zeug zu tun ha­ben“, füg­te der hin­zu­kom­men­de Kri­mi­nal­tech­ni­ker an. „Und wer ist der To­te?“„Un­be­kannt. Er hat kei­ne Pa­pie­re da­bei.“En­ter be­schloss, sich die Fah­re­rin vor­zu­neh­men.

Pia Ur­ban wei­ger­te sich wei­ter­hin, die Lei­che im Kof­fer­raum an­zu­schau­en und die­se even­tu­ell zu iden­ti­fi­zie­ren. Sie ha­be kei­ne Ah­nung, wie der To­te über­haupt dort hin­ein­ge­kom­men war. „Wo woll­ten Sie denn mit­ten in der Nacht hin?“Die selbst­stän­di­ge Steu­er­be­ra­te­rin gab an, in ih­rer Kanz­lei ge­ar­bei­tet zu ha­ben. Ir­gend­wann sei sie über den Ak­ten ein­ge­schla­fen und erst ge­gen ein Uhr mor­gens wie­der auf­ge­wacht. Auf dem Heim­weg ha­be sie die Po­li­zei auf­ge­hal­ten. Wo­her der Scha­den an ih­rem Au­to stamm­te, kön­ne sie auch nicht sa­gen. Ihr Au­to sei wie im­mer ver­sperrt im Hof ge­stan­den, im Dun­keln ha­be sie die­sen nicht ein­mal be­merkt. „Wahr­schein­lich hat je­mand mei­nen Smart-Key ko­piert, das Au­to ge­stoh­len, den Mann über­fah­ren, die Lei­che in den Kof­fer­raum ge­packt und das Au­to wie­der an sei­nen Platz zu­rück­ge­stellt“, zog sie ih­re lo­gi­schen Schlüs­se. An­ders kön­ne sie sich das nicht er­klä­ren. Nun ja, mög­lich war ein sol­ches Tatsze­na­rio durch­aus, über­leg­te En­ter. Pia Ur­ban gähn­te. „Hö­ren Sie, Herr In­spek­tor. Es wird schon hell. Kann ich jetzt bit­te nach Hau­se fah­ren? Ich ha­be um acht Uhr ei­nen Ter­min mit ei­nem Kli­en­ten. Da wür­de ich vor­her gern noch ein, zwei St­un­den schla­fen.“

„Zum Schla­fen wer­den sie in Ih­rer Zel­le noch reich­lich Zeit ha­ben, Frau Ur­ban. Vor­läu­fig sind Sie näm­lich fest­ge­nom­men“, sag­te En­ter und las der Ver­däch­ti­gen ih­re Rech­te vor. Ob es sich bei der Tat um Mord oder Tot­schlag han­del­te, blieb zu klä­ren. War­um ist sich En­ter so si­cher, es mit der Tä­te­rin zu tun zu ha­ben? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Er ver­däch­tigt die Rechts­an­wäl­tin. Die­se be­lehrt Do­blho­fer, dass ei­ne Ver­gif­tung ei­nes Tie­res noch kein Quä­len ist. Aber wo­her weiß sie, dass die Kat­ze ver­gif­tet wur­de? Do­blho­fer hat das ihr ge­gen­über nicht er­wähnt. KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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