Auf der müh­sa­men Jagd nach Ek­s­ta­se

Ei­ne Phi­lo­so­phin er­lebt bei ei­nem Mi­xed-Mar­ti­al-Arts-Kampf ei­nen Zu­stand der Ver­zü­ckung, der ihr kei­ne Ru­he lässt. Ker­ry How­ley lie­fert ein hu­mor­vol­les Por­trät ei­nes Phä­no­mens.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON TE­RE­SA SCHAUR-WÜNSCH

Kit ist ein Platz­fül­ler. Al­so „we­der ei­ne Kämp­fe­rin noch ein Fan noch ein Schat­ten noch ein Grou­pie und auch kei­ne be­sorg­te Ehe­frau“. Ein Platz­fül­ler sei das, was au­ßer­halb des Kä­figs, auf der Stra­ße, den ge­stan­de­nen Kämp­fer vom ge­mei­nen Schlä­ger un­ter­schei­de. „So wie Hips­ter ih­re Bril­len, Pries­ter ih­re Kra­gen und Cops ih­re Schnurr­bär­te, so ha­ben die Kämp­fer uns.“Platz­fül­ler leis­ten Kämp­fern Ge­sell­schaft „an quä­lend ein­tö­ni­gen Sonn­tag­nach­mit­ta­gen“, wenn sie nicht trai­nie­ren oder al­te Schwar­ze­negger-Vi­de­os se­hen.

In die­se Welt ge­rät die Phi­lo­so­phie­stu­den­tin Kit, als sie in Io­wa von ih­rem Phä­no­me­no­lo­gie­kon­gress in ein Mi­xed-Mar­ti­al-Arts-Tur­nier stol­pert. Et­was, das sie „nur in­so­fern in­ter­es­sier­te, als dass es mir wie ei­ne ehr­li­che­re Art von Ge­met­zel vor­kam, et­was, an dem die Theo­ri­en zer­flei­schen­den, Lo­gik ver­stüm­meln­den Aka­de­mi­ker, die ich so­eben ver­las­sen hat­te, nie teil­neh­men wür­den“. Doch dann kämpft Se­an Huff­man, und Kit über­kommt „das selt­sams­te Ge­fühl – als sei ein Schlei­er vor­über­ge­hend ge­lüf­tet wor­den, als hät­te mir je­mand die Sy­nap­sen ge­ölt, so­dass die Ge­dan­ken un­ge­hin­dert durch mein Ge­hirn flitz­ten und pfif­fen, oh­ne den Rei­bungs­wi­der­stand, den ich bis­her für die Ge­dan­ken selbst ge­hal­ten hat­te“. Hei­deg­ger. Kit er­lebt ei­nen Mo­ment der Ek­s­ta­se, sie will mehr – und sie will es be­schrei­ben. Huff­man, gut im Ein­ste­cken, sonst ein Schwei­ger „frei von Sub­text“, wird Ziel ih­rer For­schung und soll ihr zu wei­te­rer Tran­szen­denz ver­hel­fen. Kit taucht ein in ei­ne Welt der ver­schwitz­ten Stu­di­os, mick­ri­gen Apart­ments und länd­li­chen Ho­tels. Da­bei zi­tiert sie un­ge­niert Nietz­sche und Scho­pen­hau­er (da­für, wie ge­walt­tä­ti­ge Ri­tua­le die Sin­ne schär­fen) oder Hei­deg­gers Ge­wor­fen­heit: das un­ge­fragt in die Welt ge­wor­fen Sein.

Sie er­zählt mit Ehr­furcht von den Pio­nie­ren der Mi­xed Mar­ti­al Arts, ei­ner Sport­art, die in den USA Mas­sen an­zieht (und auch in Eu­ro­pa im­mer mehr An­hän­ger hat), und pro­du­ziert wohl­for­mu­lier­te Be­trach­tun­gen zu ih­rer neu­en Ob­ses­si­on. Das ist oft klug („Die Ge­schich­te be­ginnt im­mer dort, wo man da­nach sucht“), in sei­ner iro­ni­sier­ten aka­de­mi­schen Schwa­fe­lig­keit mit­un­ter lang­at­mig, in sei­ner Über­heb­lich­keit aber auch sehr wit­zig.

Wit­zig ist Ker­ry How­leys ge­lob­tes De­büt „Ge­wor­fen“auch kon­stru­iert: Die Kämp­fer sind echt, How­ley hat sie wirk­lich be­glei­tet; die un­zu­ver­läs­si­ge Er­zäh­le­rin ist es nicht. Man er­fährt we­nig über sie, au­ßer, dass sie ih­re Hei­mat mei­det und nach Selbst­ver­ges­sen­heit strebt. Ih­re Jagd nach Ek­s­ta­se ent­puppt sich als müh­sam. Schütz­ling eins fehlt es an Ju­gend, Ehr­geiz und dem Wil­len, al­le Ver­bin­dun­gen zur Welt zu kap­pen. Num­mer zwei, Erik „New Breed“Koch, ha­dert mit Bru­der und Bles­su­ren, denn ge­sund ist MMA, die­se neue Fu­si­on al­ter Kampf­küns­te, nicht. Und war­um der An­blick sich ge­gen­sei­tig zer­quet­schen­den Flei­sches Zu­schau­er au­ßer sich ge­ra­ten lässt – das kann letzt­lich auch How­ley nicht be­ant­wor­ten.

Fe­lix San­chez

Ker­ry How­ley gibt un­ge­wöhn­li­che Ein­bli­cke in ei­nen um­strit­te­nen Sport.

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