Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA ST­EI­NER

Dies­mal war al­les an­ders. In dem Ge­schäft war näm­lich un­ge­wöhn­lich viel Platz. Man hät­te Cha-Cha-Cha tan­zen kön­nen zwi­schen den Gar­de­ro­ben­stän­dern.

Herbst­mo­de. Da hing lau­ter Herbst­mo­de. Ge­füt­ter­te Rö­cke, an­thra­zit­far­be­ne Schals, Pul­lis aus wei­chem Stoff. Das war das Ers­te, was mir auf­fiel, als ich den La­den be­trat, und noch dach­te ich mir nicht viel da­bei, ich war eben, ver­mu­te­te ich, wie üb­lich zu spät dran: Wenn ich an­fan­ge, mich um mei­ne Som­mer­gar­de­ro­be zu küm­mern, ist die Mo­de­in­dus­trie meist längst wei­ter ge­zo­gen. „Tut uns leid“, sa­gen dann die Ver­käu­fe­rin­nen mit ih­rem pro­fes­sio­nel­len Lä­cheln und ei­nem Ach­sel­zu­cken: „Das ist al­les, was wir ha­ben, und nein: Wir be­kom­men kei­ne neu­en San­da­len mehr her­ein. Vi­el­leicht brau­chen Sie ja Stie­fe­let­ten?“

Aber dies­mal war es an­ders. In dem Ge­schäft war näm­lich un­ge­wöhn­lich viel Platz. Man hät­te Cha-Cha-Cha tan­zen kön­nen zwi­schen den Gar­de­ro­ben­stän­dern. Und als ich nä­her hin­sah, be­merk­te ich, dass je­mand die Ha­ken an den Wän­den ab­mon­tiert hat­te. Trau­rig sah das aus. Die Ver­käu­fe­rin, mit der ich per Du bin, seit sie mir ein­mal un­ge­fragt ei­nen schwar­zen Blei­stift­rock in die Ka­bi­ne ge­hängt hat, klär­te mich dann auf: Räu­mungs­ver­kauf. Die Ket­te sei in­sol­vent. Prin­zip Mo­de. Lang­sam füh­le ich mich ver­folgt: Erst muss­te der „Su­per­markt“ums Eck zu­sper­ren, die­ser win­zi­ge La­den, in dem ich ver­blüf­fen­der­wei­se au­ßer Stan­gen­sel­le­rie im­mer al­les fand, und wich ei­ner Bou­tique. Dann schloss das klei­ne Ca­fe´ ei­ne Stra­ße wei­ter – auch dort sol­len Klei­der ver­kauft wer­den. Und jetzt, da ich mich schon da­mit ab­ge­fun­den ha­be, dass sich in Wi­en je­der Qua­drat­me­ter La­den­flä­che ir­gend­wann in ei­ne Bou­tique ver­wan­deln wird, so lang, bis wir uns man­gels Al­ter­na­ti­ven im Jahr 2050 von drei­tei­li­gen An­zü­gen und Chif­fon­blu­sen wer­den er­näh­ren müs­sen, in die­sem Mo­ment macht doch glatt ein Klei­der­ge­schäft zu – und zwar das ein­zi­ge, in dem ich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein­ge­kauft ha­be.

Aber das ist durch­aus fol­ge­rich­tig, es war ja ei­ne Bou­tique für Leu­te wie mich. Für Leu­te, die nicht ver­ste­hen kön­nen, war­um ir­gend­je­mand im Som­mer 2016 et­was an­de­res an­zie­hen wol­len soll­te als das, was ihm im Som­mer 2015 gut ge­stan­den hat. Die lie­ber Milch, But­ter und Ma­ril­len­mar­me­la­de ein­kau­fen als ein Cock­tail­kleid mit da­zu­pas­sen­den Schu­hen und die von Mal zu Mal wie­der ver­ges­sen, wel­che Je­ans­grö­ße sie ha­ben. Sol­che Leu­te kau­fen ein­fach zu we­nig ein. Was die­sem La­den wohl nach­fol­gen wird? Ich wet­te, ir­gend­et­was mit Mo­de. Ich wet­te, ir­gend­ein Ge­schäft, in dem mir schon beim Ein­tre­ten all die Mus­ter und Far­ben ei­nen psy­che­de­li­schen Schock ver­set­zen und Ver­käu­fe­rin­nen „Aber das trägt man jetzt so“sa­gen.

Ich geh dann vor­bei.

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