FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Globus -

Das west­ukrai­ni­sche Bro­dy hat 24.000 Ein­woh­ner und kei­ne tou­ris­ti­schen Weg­wei­ser. In den Gas­sen des qua­dra­tisch an­ge­leg­ten Stadt­zen­trums sind das Zir­pen der Gril­len und das Zwit­schern der Vö­gel zu hö­ren. In stuck­be­setz­ten Jahr­hun­dert­wen­de­häu­sern ha­ben sich Apo­the­ken und Schön­heits­sa­lons ein­ge­rich­tet. Matt dö­sen die Stra­ßen­hun­de auf dem As­phalt der Uliza So­lo­ta, der Gold­stra­ße. In den In­nen­hö­fen hän­gen Wä­sche­lei­nen mit den Hand­tü­chern und Un­ter­ho­sen der Be­woh­ner. Das ist Bro­dy. Wirk­lich?

Frü­her ka­men Is­rae­lis, um die Stadt ih­rer jü­di­schen Vor­fah­ren zu be­sich­ti­gen. Ka­na­di­sche Exil-Ukrai­ner, um wo­mög­lich ent­fern­te Ver­wand­te zu fin­den. Ös­ter­rei­cher und Po­len, um die Res­te des­sen zu be­stau­nen, was ein­mal Ga­li­zi­en war. Al­le su­chen sie ihr Bro­dy, ei­nen un­ter­ge­gan­ge­nen Sehn­suchts­ort. Doch seit im Os­ten Krieg ist, sind Be­su­cher sel­ten ge­wor­den. „Auf den jü­di­schen Gr­ab­stei­nen la­gen schon ein­mal mehr St­ei­ne“, sagt Na­ta­lia Ha­na­ko­wa.

Wer das dis­pa­ra­te Bro­dy ver­ste­hen will, braucht Ein­hei­mi­sche wie Ha­na­ko­wa an sei­ner Seite. Die 44-Jäh­ri­ge ist Mit­ar­bei­te­rin des Hei­mat­kun­de­mu­se­ums und Frem­den­füh­re­rin. Ha­na­ko­was Er­schei­nung ist un­prä­ten­ti­ös, sie trägt ihr Haar kurz und Sport­klei­dung. „Vie­len Be­su­chern ge­fal­len die Ru­he und die Sau­ber­keit“, sagt sie. Na­tür­lich, von der einst be­deut­sa­men Han­dels­stadt des Habs­bur­ger­rei­ches ist kaum et­was üb­rig. „Wir ha­ben, was wir ha­ben.“

Vor al­lem ein Sohn der Stadt hat den My­thos Bro­dy in die Welt ge­setzt: Mo­ses Jo­seph Roth, ge­bo­ren am 2. Sep­tem­ber 1894 in der Bahn­hofs­ge­gend von Bro­dy. Roth selbst hat be­haup­tet, aus dem Orts­teil Schwa­by – ei­ner deut­schen Ko­lo­nie – zu stam­men. Es war nicht der ein­zi­ge Teil sei­ner Bio­gra­fie, den er aus­schmück­te.

Die Stadt lag bis zum En­de des Ers­ten Welt­kriegs an der Gren­ze des Habs­bur­ger­rei­ches. „Bro­dy um 1900 kann man sich als von jü­di­schen Händ­lern, Hand­wer­kern und Hau­sie­rern ge­präg­te Stadt vor­stel­len, auf de­ren Gas­sen ne­ben dem Jid­di­schen auch Pol­nisch, Ukrai­nisch und Deutsch zu hö­ren war“, sagt Pau­lus Adels­gru­ber, Mi­t­au­tor von „Ge­trennt und doch ver­bun­den“, ei­nem Buch über Grenz­städ­te zwi­schen Ös­ter­reich und Russ­land. „Die stra­te­gi­sche La­ge als Au­ßen­pos­ten der Mon­ar­chie zum Rus­si­schen Reich mach­te Bro­dy zu ei­nem Tum­mel­platz von Spio­nen, Schlep­pern und Schmugg­lern – kei­ne zehn Ki­lo­me­ter ent­fernt lag jen­seits der Gren­ze die Zoll­stadt Rad­zi­wi­low, in die re­ge Be­zie­hun­gen be­stan­den.“Rei­sen­de muss­ten wohl oder übel in Bro­dy halt­ma­chen. Pa­ri­ser Ge­fäng­nis­se sei­en we­ni­ger schlimm als die Ho­tels von Bro­dy, zi­tiert Ha­na­ko­wa Ho­no­re´ de Balz­ac. Für Jo­seph Roth aber war Bro­dy der Kos­mos sei­ner Kind­heit, in dem er den Stoff für sei­ne Ro­ma­ne fand. Ein Mus­ter­schü­ler. Das da­mals deutsch­spra­chi­ge Kron­prinz-Ru­dol­fGym­na­si­um, das Roth mit Aus­zeich­nung ab­schloss, ist heu­te noch ein präch­ti­ger Bau, in den man – wie Na­ta­lia Ha­na­ko­wa zu­frie­den fest­stellt – bei der Re­no­vie­rung Holz­fens­ter und nicht den üb­li­chen Plas­tik­ramsch ein­ge­setzt hat. Da­vor steht ein Denk­mal aus der So­wje­tära, das Roth als ös­ter­rei­chi­schen Schrift­stel­ler und An­ti­fa­schis­ten iden­ti­fi­ziert. In der So­wjet­ukrai­ne wa­ren nur zwei Wer­ke Roths auf Ukrai­nisch er­hält­lich. Seit der Un­ab­hän­gig­keit sind fast al­le Wer­ke über­tra­gen wor­den. Den Grund für das er­wach­te In­ter­es­se sieht Roths Über­set­zer, Jur­ko Pro­chas­ko, im „Weg­fall der so­wje­ti­schen Nor­mie­rung, was, wer, wo und wann über­setzt wer­den darf“und in der Qua­li­tät ei­nes Au­tors, der für „ein an­de­res Bild der Ukrai­ne steht, als es in der So­wjet­zeit auf­ok­troy­iert wur­de“.

In Bro­dy ken­nen selbst Kin­der den Na­men Roths. Doch nicht bei al­len Be­woh­nern sto­ße sein Werk auf An­klang, sagt Ha­na­ko­wa. „Die­se Weh­mut! Er sitzt in Pa­ris, und doch denkt er stän­dig an die­ses Bro­dy.“Ach, die­ses Bro­dy! Heu­te ver­las­sen es die Men­schen aus wirt­schaft­li­chen Grün­den. Vie­le zieht

Der Na­me Bro­dy

be­deu­tet Fur­ten und ver­weist auf den sump­fi­gen Bo­den, auf dem die Stadt er­rich­tet wur­de.

Ur­kund­lich

er­wähnt wird Bro­dy erst­mals 1084. Im 16. Jahr­hun­dert er­hält Bro­dy das Mag­de­bur­ger Stadt­recht. Un­ter pol­ni­scher Herr­schaft wer­den Min­der­hei­ten an­ge­sie­delt, dar­un­ter Ju­den, die in der Fol­ge die Be­völ­ke­rungs­mehr­heit bil­den. Bro­dy ent­wi­ckelt sich zu ei­nem re­li­giö­sen Zen­trum des ost­eu­ro­päi­schen Ju­den­tums.

Nach der Ers­ten Tei­lung Po­lens

fällt die ost­ga­li­zi­sche Stadt 1772 an das Habs­bur­ger­reich. Sie wird da­mit zur ös­ter­rei­chi­schen Grenz­stadt mit dem rus­si­schen Za­ren­reich und wich­ti­gem Wa­ren­um­schlag­platz.

Der Ers­te Welt­krieg

bringt Zer­stö­rung und in­sta­bi­le Ver­hält­nis­se. Im Ju­li 1941 be­set­zen die Na­zis Bro­dy. Die Re­gi­on wird erst 1945 in die So­wjet­uni­on ein­ge­glie­dert.

Heu­te

hat Bro­dy sei­ne stra­te­gi­sche Be­deu­tung ver­lo­ren. Die Pi­pe­line Odes­saBro­dy trifft hier auf die Pi­pe­line Drusch­ba. Luft­lan­de­trup­pen der Ar­mee sind in der Stadt sta­tio­niert.

Buch­tipp:

„Ge­trennt und doch ver­bun­den. Grenz­städ­te zwi­schen Ös­ter­reich und Russ­land“, Böhlau Ver­lag. es zur Ar­beit nach Po­len. Die Er­folg­rei­chen kom­men mit Er­spar­tem zu­rück, bau­en Häu­ser und er­öff­nen Be­trie­be.

Zwi­schen Roths Ju­gend und dem Heu­te liegt die Ge­walt­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts. Der Ers­te Welt­krieg, die kur­ze Pha­se der west­ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik, die pol­ni­sche Herr­schaft, der Ein­fall der So­wjets und Na­zis. Wo heu­te die Rui­ne ei­ner Sy­nago­ge steht, be­fand sich auch das Ghet­to von Bro­dy. Ganz we­ni­ge Ju­den über­leb­ten. Die So­wjets glie­der­ten die We­st­ukrai­ne nach der Rück­er­obe­rung ein in ihr Rie­sen­reich. In Bro­dy gleicht die Ge­schich­te Bruch­stü­cken. Wie oft wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert Stra­ßen um­be­nannt, wie oft wur­den Denk­mä­ler ge­schleift. Erst 1991 wur­de aus der Le­nin-Stra­ße wie­der die Uliza So­lo­ta.

Vor zwei Jah­ren hat man die Büs­te des rus­si­schen Feld­mar­schalls Ku­tu­sow ent­fernt und kürz­lich eben­dort ein Denk­mal für die Mai­dan-To­ten auf­ge­stellt. Na­ta­lia Ha­na­ko­wa war ge­gen die De­mon­ta­ge: Im­mer­hin sei Ku­tu­sow in Bro­dy ge­we­sen. Wenn sie über Bro­dys Ge­schich­te nach­denkt, liegt ihr per­sön­lich die So­wjet­zeit im Ma­gen. Ih­re rus­si­schen El­tern zo­gen einst in die We­st­ukrai­ne. „Tief im In­ne­ren füh­le ich mich manch­mal schul­dig da­für, was die So­wjets den Leu­ten hier an­ge­tan ha­ben.“Heu­te gilt ihr Mit­ge­fühl den Fa­mi­li­en der im Os­ten ge­fal­le­nen Sol­da­ten von Bro­dy. Auch die­sen To­ten wird man ein Denk­mal er­rich­ten.

Fragt man den 23-jäh­ri­gen Ro­ma nach dem Kriegs­ein­satz im Os­ten, winkt er ab. Der zar­te Bur­sche sitzt mit Freun­den im Park. Es ist ei­ne Fra­ge von St­un­den, bis die Dis­ko­thek Broad­way wie­der öff­net. So lan­ge hän­gen sie hier her­um. „Ich bin zu jung, um zu ster­ben“, sagt er. Un­längst hat Ro­ma zwei Mo­na­te in Po­len ver­bracht, Äp­fel ge­pflückt, sie­ben Tage die Wo­che, zwölf St­un­den pro Tag. Von dem Er­spar­ten möch­te er sich ein Au­to kau­fen. „Ei­nen Sa­po­ro­schez“, scherzt sein Freund. Ro­ma schätzt die Ru­he Bro­dys, nicht aber das Lohn­ni­veau. In Po­len ar­bei­ten, in Bro­dy le­ben sei „erst mal ein gu­tes Mo­dell“. Ro­ma schaut ge­ra­de­aus. Er sieht Müt­ter mit Kin­der­wa­gen und zwei klapp­ri­ge Al­te. Dann durch­bricht ei­ne Han­dy­me­lo­die die Stil­le.

Wie oft wur­den in Bro­dy Stra­ßen um­be­nannt, wie oft Denk­mä­ler ge­schleift.

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