Street Art für die De­mo­kra­tie

Tu­ne­si­en kämpft mit IS-Ter­ror und lee­ren Ur­lau­ber­bur­gen. Jetzt ori­en­tiert sich der Tou­ris­mus neu, zu­gleich eta­bliert sich ei­ne Kunst­sze­ne, die die Gren­zen der Frei­heit aus­tes­tet.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON GER­HARD BITZAN

Die Tou­ris­ten­in­sel Djer­ba vor der Süd­küs­te Tu­ne­si­ens zähl­te in den ver­gan­ge­nen Ta­gen zu den wohl best­be­wach­ten Plät­zen des Lan­des. Ge­nau­er ge­sagt wa­ren es die jü­di­schen Vier­tel am Rand der Djer­ba-Haupt­stadt Ho­umt Souk, in de­nen Son­der­ein­hei­ten der Po­li­zei – schwarz ge­klei­det, schwar­ze Son­nen­bril­len – pa­trouil­lier­ten und Au­tos kon­trol­lier­ten.

Ge­schützt wur­de vor al­lem das jü­di­sche Ge­bets­haus, die Ghri­ba-Sy­nago­ge, wo die­ser Tage die all­jähr­li­che jü­di­sche Wall­fahrt statt­fand. Knapp 2000 jü­di­sche Pil­ger nah­men an den mehr­tä­gi­gen Fes­ti­vi­tä­ten und Ze­re­mo­ni­en teil. Heu­er ka­men we­gen War­nun­gen vor dem IS-Ter­ror we­ni­ger Wall­fah­rer als zu­letzt, da­für reis­ten gleich drei tu­ne­si­sche Mi­nis­ter und der Vi­ze-Par­la­ments­spre­cher an, der da­bei be­kräf­tig­te: „Die Ju­den sind Teil von uns – und der Staat be­schützt sie.“ Man de­mons­triert To­le­ranz. Rund 3000 Ju­den gibt es noch in Tu­ne­si­en, vor 50 Jah­ren wa­ren es frei­lich noch et­wa 100.000. Die meis­ten le­ben auf Djer­ba, im Um­feld der Sy­nago­ge, die schon im 5. Jahr­hun­dert vor Chris­tus er­rich­tet wor­den sein soll. Das weiß ge­tünch­te Ge­bäu­de mit den hell­blau­en Fens­ter­lä­den ist auch au­ßer­halb der Wall­fahrts­zei­ten gut ge­schützt: Au­tos wer­den weit vor­her ge­stoppt, der Be­su­cher muss sei­nen Rei­se­pass her­zei­gen und so wie auf dem Flug­ha­fen durch ei­ne Si­cher­heits­schleu­se. Erst dann darf man sich ei­ne Kip­pa auf­set­zen und die Sy­nago­ge be­su­chen.

Die Ghri­ba-Wall­fahrt ist für die tu­ne­si­sche Re­gie­rung so et­was wie ein Sta­tus-Event. Ei­ner­seits kann Tu­nis der Welt zei­gen, dass das mos­le­mi­sche Land in Re­li­gi­ons­fra­gen sehr to­le­rant ist. An­de­rer­seits kann es zei­gen, dass es trotz der IS-Dro­hun­gen die La­ge im Griff hat. Ein Si­gnal, das vor al­lem an Tou­ris­ten ge­rich­tet ist. Denn nach den bei­den ver­hee­ren­den An­schlä­gen vom ver­gan­ge­nen Jahr im Bar­do-Mu­se­um in Tu­nis und in ei­nem Ho­tel bei Sous­se liegt der Tou­ris­mus, ei­ne wich­ti­ge Ein- nah­me­quel­le des Lan­des, dar­nie­der. Lan­des­weit be­trägt der Rück­gang et­wa die Hälf­te, auf Djer­ba sind es bis zu 80 Pro­zent, schät­zen tu­ne­si­sche Tou­ris­mus­ex­per­ten. Im Som­mer könn­te sich die Bi­lanz al­ler­dings ver­bes­sern.

Wir be­su­chen ein gro­ßes Strand­ho­tel in Djer­ba. Schon weit vor dem Ein­gangs­tor ste­hen schwer be­waff­ne­te Po­li­zis­ten und Ho­tel-Se­cu­ri­ties und über­prü­fen mit ei­nem Spie­gel, ob un­ter dem Au­to Bom­ben an­ge­bracht sind. 300 Eu­ro die Wo­che all-in­clu­si­ve. Drin­nen dann gäh­nen­de Lee­re. Ein paar Dut­zend Tou­ris­ten sind da, wo sonst Hun­der­te lär­men. Die meis­ten sind Fran­zo­sen, es kom­men aber auch im­mer mehr Rus­sen. Man lockt sie mit Nied­rig­preis­an­ge­bo­ten: Bei 300 Eu­ro All-in­clu­si­ve pro Wo­che las­sen sich Flug­zeu­ge leicht mehr­mals die Wo­che fül­len. Da­mit kann man aber auch nichts ver­die­nen, ge­ra­de die In­fra­struk­tur­kos­ten wer­den ge­deckt. Das Per­so­nal wur­de da­her re­du­ziert. Der Staat hilft, in­dem ei­ni­ge Kre­di­te für Ho­tel­be­sit­zer aus­ge­setzt wur­den. Und dann gibt es die Stra­te­gie, auf den lo­ka­len Markt zu set­zen und Tu­ne­si­ern, die ein paar Tage Ur­laub ma­chen wol­len, güns­ti­ge Mög­lich­kei­ten an­zu­bie­ten. Da­zu kommt, dass zu­neh­mend auch aus den Nach­bar­län­dern Tou­ris­ten kom­men. Et­wa aus Al­ge­ri­en und Li­by­en, das hier in Djer­ba nicht weit weg ist. Im­mer wie­der sieht man Au­tos mit li­by­schen Kenn­zei­chen. Es gibt dort of­fen­bar noch ei­ne wohl­ha­ben­de Schicht, die im li­be­ra­le­ren Tu­ne­si­en ih­re Ver­gnü­gun­gen sucht. Be­liebt sei­en sie nicht, sagt ein Tu­ne­si­er. Die Li­by­er führ­ten sich wie ho­he Her­ren auf.

Der Ein­bruch be­trifft vor al­lem den Mas­sen­tou­ris­mus, die Re­gie­rung sucht da­her nach neu­en We­gen und will mehr al­ter­na­ti­ven Tou­ris­mus an­bie­ten, der vor al­lem auch jün­ge­re Kul­tur- und Kun­st­in­ter­es­sier­te an­spricht. So wer­den et­wa die jü­di­sche Wall­fahrt und das jü­di­sche Le­ben Djer­bas als spe­zi­el­le At­trak­ti­on an­ge­bo­ten. Und mitt­ler­wei­le auch das The­ma mo­der­ne Kunst, vor al­lem Kunst im öf­fent­li­chen Raum.

Ein gu­tes Bei­spiel ist das Pro­jekt Djer­bahood. 2014 hat­te der in Pa­ris le­ben­de Ga­le­rist Meh­di Ben Cheikh die Idee, als Bei­trag zum po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Dia­log in der jun­gen tu­ne­si­schen De­mo­kra­tie ein gan­zes Dorf zum Kun­st­ob­jekt zu ma­chen. Al­so ka­men 150 Street-Art-Künst­ler aus al­ler Welt, mal­ten die Haus­wän­de an und ver­wan­del­ten das sonst weiß ge­tünch­te Dorf Er Riadh in ein bun­tes Frei­licht­mu­se­um. 250 Wer­ke hin­ter­lie­ßen die Künst­ler. „Ur­sprüng­lich war Djer­bahood für ein Jahr vor­ge­se­hen. Aber dann ge­fiel es auch den Leu­ten hier sehr gut, und so blei­ben die Kunst­wer­ke und wer­den je­des Jahr er­neu­ert“, er­zählt Ger­ard Gri­de­let, ein bel­gi­scher Ar­chi­tekt, der sich auf Djer­ba nie­der­ge­las­sen hat.

Die Groß­ho­tels sind leer: Eu­ro­pä­er kom­men spär­lich, da­für um­so mehr Rus­sen. Dream Ci­ty: In der Me­di­na von Tu­nis fin­den zahl­rei­che öf­fent­li­che Kun­st­events statt.

Zu­rück in Tu­nis. In der Alt­stadt, der Me­di­na, fin­den wir in ei­nem ara­bi­schen Alt­bau das Pro­jekt­team von L’art Rue, ei­ner Ver­ei­ni­gung, die Kunst im öf­fent­li­chen Raum or­ga­ni­siert. Ein The­ma mit po­li­ti­scher Spreng­kraft. Denn un­ter dem frü­he­ren Lang­zeit­herr­scher Ben Ali war es ver­bo­ten, dass mehr als drei Per­so­nen in der Öf­fent­lich­keit zu­sam­men­stan­den. Seit der Jas­min-Re­vo­lu­ti­on 2010/11, die den Ara­bi­schen Früh­ling ein­ge­lei­tet hat, ist Tu­ne­si­en frei­er und de­mo­kra­ti­scher ge­wor­den. Die Künst­ler nut­zen dies, um Stra­ßen­kunst zu ma­chen – Auf­füh­run­gen, Graf­fi­ti, die sich mit All­tag, Ge­sell­schaft, aber auch po­li­ti­schen The­men be­fas­sen. Man stau­ne: Fe­mi­nis­mus! Aber auch mit fe­mi­nis­ti­schen The­men. Denn es gibt vie­le Künst­le­rin­nen, und in der Kunst­ver­ei­ni­gung ar­bei­ten vie­le Frau­en. Wie Bea­tri­ce Du­n­oy­er, die Pres­se­spre­che­rin von L’art Rue ist und von Work­shops mit Kin­dern und Stra­ßen­pro­jek­ten be­rich­tet – und na­tür­lich von Dream Ci­ty, dem wich­tigs­ten Pro­jekt, das al­le zwei Jah­re statt­fin­det, das nächste Mal 2017. Ta­ge­lang gibt es da in Tu­nis öf­fent­li­che Kunst­ver­an­stal­tun­gen, bei de­nen kri­ti­sche The­men auf­ge­grif­fen und die Leu­te ein­be­zo­gen wer­den. Doch der Frei­raum stößt auch im neu­en Tu­ne­si­en auf Gren­zen. Oft gibt es für die Künst­ler be­droh­li­che Si­tua­tio­nen we­gen ih­rer Ar­beit – ent­we­der durch die Be­hör­den oder „bär­ti­ge Ima­me“, de­nen so man­ches Pro­jekt zu un­is­la­misch ist.

Die Stra­ßen­künst­ler wol­len aber wei­ter aus­tes­ten, wie viel Frei­heit im neu­en Tu­ne­si­en mög­lich ist.

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