Psy­cho­trip nach So­la­ris wird zur Ge­dulds­pro­be

An­d­riy Zholdak ver­rennt sich bei den Fest­wo­chen in Sta­nisław Lems kom­ple­xem uto­pi­schen Ro­man.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON NOR­BERT MAYER

Er­kennt­nis vi­el­leicht auch auf die rech­te Spur: In Wahr­heit trügt der Schein. Je­den­falls wa­ren es nicht Fuß­bal­ler, um de­rent­wil­len man Are­nen ge­baut hat.

Wie­wohl der Sport auch bei den Alt­vor­dern, auf de­ren Hu­mus die eu­ro­päi­sche Kul­tur ge­dei­hen konn­te, ei­ne emi­nen­te Rol­le spiel­te. Aber, wie heu­ti­ge Mar­ke­ting­stra­te­gen sa­gen wür­den, im Pa­cka­ge mit Kul­tur: In der Hoch­pha­se der grie­chi­schen An­ti­ke fuß­te der Lehr­plan auf drei Säu­len: Le­sen und Schrei­ben, Mu­sik und Gym­nas­tik. Die Ge­burt des Schieds­rich­ters. Letz­te­re wur­de für die so­ge­nann­ten Ephe­ben dann Schritt für Schritt er­wei­tert zur viel­fäl­ti­gen kör­per­li­chen Er­tüch­ti­gung für den mi­li­tä­ri­schen Di­enst in den Grenz­gar­ni­so­nen. Die Füh­rer der Stäm­me be­stimm­ten dann – schon nä­hern wir uns den Fuß­ball­bräu­chen – die Schieds­rich­ter, die die Er­tüch­ti­gun­gen des sol­da­ti­schen Nach­wuch­ses zu über­wa­chen hat­ten.

Und die auch die ers­ten Spie­le für Zu­schau­er­mas­sen ar­ran­gier­ten: Die Athe­ner be­staun­ten den Fa­ckel­lauf von Pi­rä­us ins Zen­trum ih­rer Stadt. Die­ses Schau­spiel krön­te tra­di­ti­ons­ge­mäß die Aus­bil­dungs­pha­se der jun­gen Män­ner. Die ge­sam­te Be­völ­ke­rung nahm An­teil und säum­te – die ers­ten Schlach­ten­bumm­ler! – die Stra­ßen.

Man­gels Flut­licht­an­la­gen wird man bei die­sem nächt­li­chen Er­eig­nis üb­ri­gens nicht viel mehr als das Bal­lett der tan­zen­den Lich­ter der Fa­ckeln ge­se­hen ha­ben.

Sport­li­chen Wett­kämp­fen wohn­te man bei Tag bei – und such­te bei fort­schrei­ten­dem Ver­fall der Kul­tur nach im­mer grau­sa­me­rem Ner­ven­kit­zel. Die Freu­de an der Schön­heit voll­kom­men be­herrsch­ter kör­per­li­cher Be­we­gung wich der Lust am bru­ta­len Kräf­te­mes­sen. Um 200 v. Chr. de­lek­tier­ten sich die Grie­chen lie­ber an der ro­hen Ge­walt von Box­kämp­fen.

Vor al­lem: Das Ziel war längst nicht mehr die ei­ge­ne sport­li­che Be­tä­ti­gung. Die Sa­che wur­de zum Thea­ter. Und sie ver­schwis­ter­te sich mit die­sem. In den rie­si­gen Thea­ter­bau­ten blüh­te zur Hoch­zeit der Kul­tur das Schau­spiel, stets re­li­gi­ös kon­no­tiert. Wäh­rend der Dio­ny­si­en wur­de Thea­ter ge­spielt. Den gan­zen Tag lang. Drei Tra­gö­di­en, ein Sa­tyr­spiel und ei­ne Ko­mö­die. Man war li­ve da­bei; oder man konn­te nicht mit-

Ein As­tro­naut im wei­ßen An­zug klinkt sich aus. Schon fliegt er, sich im­mer schnel­ler dre­hend, in die un­end­li­chen Wei­ten des Alls, bis er nur noch ein Punkt ist. Die­ser Alp­traum hat dem ukrai­ni­schen Re­gis­seur An­d­riy Zholdak so gut ge­fal­len, dass er ei­ne kur­ze Film­se­quenz da­von auf rie­si­ger Lein­wand im Mu­se­umsquar­tier cir­ca ein Dut­zend Mal wie­der­ho­len ließ, vor und nach der Pau­se bei der Pre­mie­re von „So­la­ris“am Frei­tag bei den Wie­ner Fest­wo­chen. Das war sym­pto­ma­tisch für die drei­ein­halb St­un­den lan­ge Auf­füh­rung des ma­ze­do­ni­schen Na­tio­nal­thea­ters Skop­je. Sol­che Schlei­fen wer­den auf al­len Ebe­nen ge­macht, bis es schmerzt, schließ­lich lang­weilt. Ih­re Bot­schaft lau­tet wohl: Schaut her, wie tief und avant­gar­dis­tisch wir sind! Zwar ge­lin­gen punk­tu­ell fan­tas­ti­sche Bil­der, aber meist kratzt die Auf­füh­rung nur an der Haut.

Zholdak hat sich auf die Spur des Ro­mans „So­la­ris“be­ge­ben – ei­nes viel­schich­ti­gen Werks des pol­ni­schen Jahr­hun­dert­schrift­stel­lers Sta­nisław Lem aus dem Jahr 1961. Der Re­gis­seur nimmt auch An­lei­hen bei der Bild­welt der ein­drucks­vol­len so­wje­ti­schen Ver­fil­mung durch And­rej Tar­kow­ski von 1972. Er kommt aber an die Kom­ple­xi­tät des Ro­mans bei Wei­tem nicht her­an, und im Ver­gleich zum stil­bil­dend ru­hi­gen Film wird gar noch ent­schleu­nigt – zum Nach­teil der Auf­füh­rung. Vie­le Sze­nen wir­ken un­pas­send pa­the­tisch, di­let­tan­tisch und selt­sa­mer­wei­se ge­schwät­zig, ob­wohl fast gar nichts ge­spro­chen wird (Ma­ze­do­nisch mit deut­schen und eng­li­schen Über­ti­teln). Ro­man und Film sind hier nur ein Aus­gangs­punkt: Der Psy­cho­lo­ge Kris Kel­vin wird zur Raum­sta­ti­on über dem Pla­ne­ten So­la­ris ge­schickt, weil es dort Pro­ble­me gibt. Es herrscht Cha­os, die Mann­schaft, die lang schon den al­les be­de­cken­den Oze­an er­forscht, der of­fen­bar or­ga­nisch ist und ein Ei­gen­le­ben ent­wi­ckelt, scheint ver­rückt ge­wor­den zu sein. Ei­ni­ge ha­ben sich um­ge­bracht. Kel­vin do­ku­men­tiert die Vor­gän­ge auf der Sta­ti­on und weiß selbst bald nicht mehr zwi­schen Rea­li­tät und Traum zu un­ter­schei­den. Er trifft zum Bei­spiel auf sei­ne Frau, die vor Jah­ren Selbst­mord be­gan­gen hat. Sei­ne Schuld­ge­füh­le des­halb sind enorm.

Die Ro­man­fi­gu­ren Snaut und Sar­t­ori­us auf So­la­ris spie­len bei Zholdak nur ab­sur­de Ne­ben­rol­len, die Be­geg­nung von Kris (De­jan Li­lic)´ mit sei­ner to­ten, in der Fan­ta­sie zu tö­ten­den Frau Rhe­ya (Dar­ja Rhi­zo­va), steht im Zen­trum der Ins­ze­nie­rung, die vor der Pau­se in abs­trak­tem Raum spielt. Der As­tro­naut legt sich auf ei­ne hel­le Lie­ge in ei­nem Glas­kas­ten – ei­ne Ra­ke­te vi­el­leicht. Sie wirkt wie ein Sarg. Das ge­well­te Mö­bel da­rin könn­te die schi­cke Or­di­na­ti­on ei­nes Psych­ia­ters zie­ren.

Bald dop­peln sich Fi­gu­ren. In der Er­in­ne­rung sind Kris und Rhe­ya ver­lieb­te Ju­gend­li­che, Kin­der. Sie wer­den hei­ra­ten, aber die Ge­schich­te geht bö­se aus. Es herrscht Sym­bo­lis­mus: Mes­ser wer­den ge­zückt, Ker­zen an­ge­zün­det, all das ge­schieht pro­vo­kant lang­sam, mit Wie­der­ho­lungs­zwang. Be­son­ders

Die Athe­ner be­staun­ten den Fa­ckel­lauf der jun­gen Män­ner – als ers­te Schlach­ten­bumm­ler. Be­such vom Hor­ror Va­cui. Ein As­tro­naut ver­schwin­det im All. Wel­che Pein!

pe­ne­trant sind ne­ben der ein­schlä­fern­den Mu­sik die ver­stärk­ten Ge­räu­sche. Je­der Schritt wird zum lau­ten Knir­schen, je­des Ab­set­zen von Ob­jek­ten oder Schlie­ßen von Tü­ren ist ei­ne De­to­na­ti­on. Das wirkt bald ko­misch, auch in Mi­mik und Ges­tik. Li­lic´ in Groß­auf­nah­me spielt über­trie­ben wie in ei­nem Stumm­film, fall­süch­tig tanzt Ri­zo­va pu­re Ver­zweif­lung, rauft sich das Haar.

Selt­sa­me Bräu­che: Kel­vin be­deckt den Sarg der Frau mit Nüs­sen, ver­geht sich an ei­nem Zim­mer­mäd­chen. Er hat ei­ni­ges ab­zu­ar­bei­ten, auch an den Be­zie­hun­gen zu den El­tern. Der Va­ter woll­te den Bu­ben einst zwin­gen, ei­nen Vo­gel zu schie­ßen, der spä­ter groß wie ein Men­schen­kind an der Ram­pe liegt. Nach der Pau­se fol­gen Er­in­ne­run­gen an das Block­haus der El­tern in der Na­tur. Es rau­schen die Wäl­der, Wild rennt vor­bei, von Wöl­fen ge­hetzt. Kn­a­be Kris be­ob­ach­tet al­les, et­wa dass er als Er­wach­se­ner ein Mes­ser un­ter dem Bett ver­steckt. Rhe­ya taucht auf, eben­falls in zwei­er­lei Gestalt. Spät kommt das Mo­tiv der Ver­zei­hung. Und dann und wann ein Me­te­or, groß wie ei­ne Raum­kap­sel oder klein wie ein Kopf. Be­such vom Hor­ror Va­cui. Ein As­tro­naut ver­schwin­det im All. Wel­che Pein!

Nils Jor­gen­sen/Rex Fea­tu­res/picturedesk.com

Ob Kunst oder Sport, die Mas­se schaut, lauscht und grölt.

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