KAI­SER NERO

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

auf die Fra­ge, war­um er öf­fent­lich sin­ge (Sue­ton) re­den – die Auf­füh­run­gen wur­den nur ein ein­zi­ges Mal ge­zeigt. Wer sie ver­säum­te, muss­te der Trup­pe nach­rei­sen; ins Thea­ter der nächs­ten grö­ße­ren Stadt. Die ers­ten Hoo­li­gans. Und weil es sich um ei­ne Mas­sen­be­lus­ti­gung han­del­te, wich die re­li­giö­se Kom­po­nen­te bald. Die Sit­ten ver­roh­ten, man rauf­te um Sitz­plät­ze, man klatsch­te und gröl­te, be­ju­bel­te sei­ne Fa­vo­ri­ten, be­schimpf­te Darstel­ler, die ei­nem un­sym­pa­thisch wa­ren. Ge­tram­pel galt als Pro­test – nicht wie heu­te in Mün­chen oder Bay­reuth als Ap­plaus­ver­stär­ker – ei­ne Vor­stu­fe zum bis heu­te le­gen­dä­ren Ak­tio­nis­mus: Auf dem Hö­he­punkt flo­gen fau­le Früch­te, Oli­ven, Fei­gen, manch­mal so­gar St­ei­ne.

Und dann mach­ten sich die Po­li­ti­ker mit der po­pu­lä­ren Sa­che ge­mein. Nie­mand Ge­rin­ge­rer als Kai­ser Nero nahm un­ter dem halt­lo­sen Ju­bel sei­ner Un­ter­ta­nen im Jahr 59 in der Are­na kniend, wie sich das für ei­nen or­dent­li­chen Schau­spie­ler ge­hör­te, den Ap­plaus ent­ge­gen: Er trat als Har­fen­spie­ler und Sän­ger auf. Sei­ne Lie­der wur­den zu Schla­gern. Man sang sie auf der Stra­ße! Ein ganz au­ßer­or­dent­li­cher Vor­gang, wenn man be­denkt, dass die kai­ser­li­chen Kom­po­si­tio­nen ja nicht bis zur Be­sin­nungs­lo­sig­keit in Ra­dio­hit­pa­ra­den ge­sen­det oder von Ton­trä­gern ab­ge­spielt wer­den konn­ten . . .

Als an­no 64 Rom brann­te, soll der ver­rück­te Kai­ser, längst hat­te er sei­ne Gött­lich­keit pro­kla­miert, die Stadt in die größ­te Are­na der Ge­schich­te ver­wan­delt ha­ben, um vom Turm sei­nes Pa­las­tes aus das selbst ge­dich­te­te Epos über den Un­ter­gang Tro­jas zu sin­gen. Kai­ser Nero und die Oper. Er hät­te auch Puc­ci­nis „Nes­sun dor­ma“sin­gen kön­nen, mit dem sieg­haf­ten „vin­ce­ro“` am En­de: Ge­siegt hat der Künst­ler-Kai­ser ja als Sport­ler – und zwar gleich in al­len Be­wer­ben der olym­pi­schen Spie­le. „Nero Ta­kes It All“, hieß das Mot­to.

Aber der Kai­ser re­üs­sier­te nicht nur in sämt­li­chen sport­li­chen Dis­zi­pli­nen, son­dern auch als Sän­ger. Heu­te trennt man nicht nur die ath­le­ti­schen Dis­zi­pli­nen fein säu­ber­lich. Zu­letzt sang zur Olym­pia-Er­öff­nung Anna Netreb­ko – und hat­te vi­el­leicht we­ni­ger Mü­he, das In­ter­es­se ei­nes Mas­sen­pu­bli­kums ganz auf sich zu fi­xie­ren, als wei­land sei­ne Ma­jes­tät: Der His­to­ri­ker Sue­ton be­rich­tet in­di­gniert, dass das Pu­bli­kum wäh­rend Ne­ros Dar­bie­tung das Sta­di­on nicht ver­las­sen durf­te. Man­che sol­len sich tot ge­stellt ha­ben, um hin­aus­ge­bracht zu wer­den. Sie än­dern sich ja doch, die Zei­ten.

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