»Um die na­tio­na­le Eh­re«: Die Mut­ter al­ler Län­der­spie­le

Un­garn, nicht Deutsch­land, ist Ös­ter­reichs his­to­ri­scher Fuß­ball­erz­ri­va­le. Kein Län­der­spiel Eu­ro­pas wur­de öf­ter aus­ge­tra­gen als Ös­ter­reichs EM-Er­öff­nungs­par­tie. Vor 114 Jah­ren fing al­les an. Im Pra­ter. Von ei­ner treu­en Erb­feind­schaft über die Lei­tha.

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON JÜR­GEN ST­REIH­AM­MER

Auf den Be­ton­stu­fen, die ein­mal Rän­ge wa­ren, wu­chert Un­kraut, Bäu­me ha­ben Wur­zeln ge­schla­gen. Et­was ver­lo­ren ste­hen ein paar To­re auf dem Ra­sen. Die­ser Pra­ter­sport­platz wird zwar noch be­spielt. Aber nur von Kin­dern und Hob­by­ki­ckern. Die Fuß­ball­sek­ti­on des Wie­ner Ath­le­tik Sport­club, die hier einst ih­re Heim­stät­te hat­te, gibt es nicht mehr. Und an Län­der­spie­le ist auf die­sem äl­tes­ten noch be­ste­hen­den Fuß­ball­platz Ös­ter­reichs nicht zu den­ken. Und doch liegt hier, ne­ben der Je­sui­ten­wie­se im Pra­ter und nur ei­nen St­ein­wurf vom Ernst-Hap­pel-Sta­di­on ent­fernt, die of­fi­zi­el­le Ge­burts­stät­te der Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft. Man lässt al­so die Fan­ta­sie spie­len, ver­sucht sich vor­zu­stel­len, wie hier vor 114 Jah­ren bei „güns­ti­gem Wet­ter“das ers­te Län­der­spiel oh­ne bri­ti­sche Be­tei­li­gung aus­ge­tra­gen wur­de, das mit ei­nem 5:0-Sieg Ös­ter­reichs über Un­garn en­de­te.

Die er­satz­ge­schwäch­ten Gäs­te aus der an­de­ren Reichs­hälf­te der Dop­pel­mon­ar­chie zeig­ten an die­sem 12. Ok­to­ber 1902 zwar „gro­ße Auf­op­fe­rung und Schnel­lig­keit, aber ei­ne arm­se­li­ge Com­bi­na­ti­on“, wie das „Wie­ner Tag­blatt“be­rich­te­te. Die Ver­tei­di­ger aus Bu­da­pest wa­ren aber „nicht im­stan­de, die flin­ken und ge­schick­ten Stür­mer in Schach zu hal­ten. Der über­le­ge­ne Sieg war so­mit ei­ne selbst­ver­ständ­li­che Sa­che.“Die rund 500 Zu­schau­er, man stel­le sich Her­ren aus bes­se­rem Haus mit Zy­lin­der­hü­ten vor, hat­ten frei­lich kei­ne Ah­nung, wel­cher sport­his­to­ri­schen St­un­de sie bei­wohn­ten, dass vor ih­ren Au­gen ei­ne Län­der­spielt­ra­di­ti­on be­grün­det wur­de, die schon ei­ni­ge Jah­re spä­ter Zig­tau­sen­de Fans an­lo­cken wür­de. Es war ih­nen nicht ein­mal be­kannt, dass sie ein Län­der­spiel sa­hen.

Denn die Be­geg­nung lief da­mals noch als Städ­te­wett­streit zwi­schen Wi­en und Bu­da­pest. Erst nach­träg­lich wur­de sie als ers­tes of­fi­zi­el­les Län­der­match Ös­ter­reichs ge­wer­tet und da­mit als Pre­mie­re des Ös­ter­reich-Un­garnKlas­si­kers, der es auf 136 Be­geg­nun­gen bringt. Ein eu­ro­päi­scher Re­kord, der welt­weit nur vom la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Der Text ist ein Aus­zug aus dem ak­tu­el­len „Pres­se“Ge­schichts­ma­ga­zins. „Von Sin­delar bis Ala­ba“be­leuch­tet die ver­schie­de­nen Epo­chen des ös­ter­rei­chi­schen Fuß­balls. Es ist im Ein­zel­han­del er­hält­lich und kann on­li­ne un­ter Die­Pres­se.com/ ge­schich­te be­stellt wer­den. Der Preis be­trägt 8,90 Eu­ro. „Pres­se“-Abon­nen­ten be­zah­len 6,90 Eu­ro. Die Ver­sand­kos­ten sind in­klu­diert. Du­ell zwi­schen Ar­gen­ti­ni­en und Uru­gu­ay über­trof­fen wird.

Im Der­by ge­gen Un­garn fand der Fuß­ball­fan im­mer schon Zer­streu­ung und ein Stück Kon­ti­nui­tät, selbst dann, wenn die gan­ze Welt im Um­bruch war oder in Flam­men stand: Mit­ten im Krieg kick­ten Cis­leit­ha­ni­en und Trans­leit­ha­ni­en 18-mal ge­gen­ein­an­der, auch wenn ei­ni­ge Spie­ler noch an der Front oder schon ge­fal­len wa­ren. Nach dem Krieg, als der Kai­ser ab­ge­dankt und die Ers­te Re­pu­blik aus­ge­ru­fen war, hieß der ers­te Geg­ner wie­der Un­garn. Not­ge­drun­gen. Die Kriegs­sie­ger woll­ten für Jah­re auch nicht an den Ki­ckern der Ach­sen­mäch­te an­strei­fen. Und nach dem Zwei­ten Welt­krieg führ­te die ers­te ÖFB-Rei­se – na­tür­lich – zum treu­en Ri­va­len nach Bu­da­pest.

Es scheint al­so ei­ne his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit, dass Ös­ter­reichs ers­te sport­lich er­reich­te EM-Teil­nah­me nun am Di­ens­tag in Bor­deaux ge­gen Un­garn be­ginnt, dem ei­gent­li­chen Erb­feind. Die Jün­ge­ren ver­mei­nen zwar in Deutsch­land den Erz­ri­va­len zu er­ken­nen. Mit dem nörd­li­chen Nach­barn du­el­lier­te sich Ös­ter­reich aber nur 39-mal. Brief­tau­ben. „Ein Sieg ist im­mer süß, aber er schmeckt noch zehn­mal sü­ßer, wenn er ge­gen Ös­ter­reich er­folgt“, schrieb die un­ga­ri­sche Zei­tung „Nem­ze­ti Sport“schon im Ju­ni 1903. Na­tür­lich war die­sem Klas­si­ker da­mals schon ein Schuss des gras­sie­ren­den Na­tio­na­lis­mus bei­ge­mischt, vor al­lem jen­seits der Lei­tha, wo man sich trotz des Aus­gleichs von 1867 noch im­mer ge­gän­gelt fühl­te und die Wie­ner als her­ab­las­send emp­fand. „Es geht nicht nur um sport­li­che Über­le­gen­heit, son­dern auch um na­tio­na­le Eh­re“, hieß es in ei­nem un­ga­ri­schen Kom­men­tar. Als die Ma­gya­ren 1907 die Ös­ter­rei­cher mit 4:1 nach Hau­se schick­ten, lie­ßen sie Brief­tau­ben gen Cis­leit­ha­ni­en stei­gen, die das Er­geb­nis in die Re­dak­tio­nen in Wi­en und Graz tra­gen soll­ten. Es ging mit­un­ter auch recht rup­pig zur Sa­che, wie ein Be­richt des Fi­na­les in der Olym­pia-Trost­run­de 1912 in Stock­holm be­legt. Ein „här­te­res Spiel wur­de in Schwe­den nie ge­spielt“, ur­teil­ten die Zei­tun­gen über den 3:0-Sieg Un­garns über Ös­ter­reich. Der lei­der oft „un­fai­re Kampf“auf dem Spiel­feld – der Schieds­rich­ter muss­te die Par­tie un­ter­bre­chen – wur­de da­bei von „Ge­häs­sig­kei­ten auf den Rän­gen“be­glei­tet, wie das „Il­lus­trier­te Sport­blatt“mel­de­te. Der Kor­re­spon­dent der „Süd­deut­schen Sport­zei­tung“wun­der­te sich je­den­falls: „Die fa­na­ti­sche Be­geis­te­rung, vor al­lem der Un­garn­an­hän­ger, war un­be­schreib­lich. Man kann sich als Deut­scher da nicht hin­ein­den­ken.“

Nach ei­nem Sieg ließ Un­garn Brief­tau­ben in die Re­dak­tio­nen nach Wi­en und Graz flie­gen.

Der Dop­pel­pass zwi­schen Wi­en und Bu­da­pest hat den Fuß­ball zu­gleich vor­an­ge­trie­ben. Ja, die Wie­ner Schu­le, das ge­pfleg­te Kurz­pass­spiel, hat un­ga­ri­sche Vä­ter. Als die Ma­gya­ren ab 1919 zu­erst vom Kom­mu­nis­mus und dann vom rech­ten Hor­thy-Ter­ror heim­ge­sucht wur­den, flüch­te­ten sich die bes­ten Spie­ler (für ein schö­nes Hand­geld) nach Ös­ter­reich – und ex­por­tier­ten da­bei ihr Schei­berl­spiel, das an­ge­rei­chert mit dem Pra­ger Steil-

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