»Dein Va­ter kann dich nur tot­schla­gen«

Er schrieb gut 300 Kin­der­bü­cher – hat­te aber selbst nie Kin­der, weil man ih­nen das Ri­si­ko des Le­bens nicht zu­mu­ten kön­ne: Au­tor und Il­lus­tra­tor Ja­nosch über sei­nen trin­ken­den Va­ter, sei­ne noch grö­ße­re Angst vor der Höl­le, die SA-Ge­schich­te sei­nes Tauf­na­me

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON TE­RE­SA SCHAUR-WÜNSCH

Ja­nosch sitzt in der Ga­le­rie Au­gus­tin an ei­nem Schreib­tisch und be­gut­ach­tet ei­ne dort kle­ben­de Post-it-No­tiz. Die Schrift, meint er, deu­te auf ei­ne aus­ge­präg­te Sinn­lich­keit des Schrei­bers hin. Sie ha­ben sich mit Gra­fo­lo­gie be­schäf­tigt? Ja­nosch: Ja. Wann denn? Als ich al­les wis­sen woll­te. Wann war das? Oh, schon ganz lang her. Wie alt bin ich denn jetzt? Al­so sa­gen wir vor 60 Jah­ren. Ich bin so­gar in psy­cho­lo­gi­sche Vor­le­sun­gen ge­gan­gen. Ich woll­te die Leu­te ein biss­chen durch­schau­en. Ei­gent­lich woll­te ich in das Ge­spräch mit mei­nem Lieb­lings­zi­tat ein­stei­gen, ei­ner Fra­ge aus dem „Zeit“-Ma­ga­zin: „Herr Ja­nosch, wel­ches Haus­tier soll man sich an­schaf­fen?“Ih­re Ant­wort war: „Ein Pferd. Es ver­brei­tet ei­ne ge­müt­li­che Stim­mung. Und falls man mal schnell ver­schwin­den muss, ist man da­mit flugs auf und da­von.“Was hat es mit den Pfer­den auf sich? Mein Va­ter hat­te ein Pferd. Er fing mit 13 zu ar­bei­ten an, in der Gru­be un­ter Tage. Da wur­de er lun­gen­krank, auch weil er schlecht er­nährt war, und da sag­te der Stei­ger: „Wenn du in der Gru­be bleibst, bist du in ei­nem Jahr tot.“Ab da ar­bei­te­te er als Koh­len­fuhr­mann. Als er dann so 15, 16 war, kauf­te er ein Pferd auf dem Schlacht­hof. Wenn die Pfer­de nicht mehr zie­hen konn­ten, wur­den sie ge­tö­tet und ge­fres­sen. Aber wenn man sie haut, lau­fen sie noch ei­ne Wei­le wei­ter. Des­halb hän­ge ich mit Pfer­den zu­sam­men – weil mein Va­ter im­mer von Pfer­den er­zähl­te. Moch­te er sie? Er be­haup­te­te es, er ging im­mer auf die Zi­geu­ner­wie­se – aber ich glau­be, er ging ei­gent­lich we­gen der Zi­geu­ne­rin­nen dort hin und nicht we­gen der Pfer­de. Und ich ging mit. Al­so: Pfer­de sind für mich per­sön­li­che Ge­schwis­ter. „Die Ge­schich­te von Va­lek dem Pferd“war Ihr ers­tes Kin­der­buch. Da­nach muss­ten Sie noch 20 Jah­re war­ten, bis Sie Er­folg hat­ten. War­um ha­ben Sie durch­ge­hal­ten? Ich kann nichts an­de­res. Ich hab mich da ge­täuscht. Ich hab ge­dacht, es sei kei­ne Ar­beit, ein Buch zu ma­chen, da brauch­te man sich bloß hin­zu­set­zen. War ein Irr­tum. War dann doch Ar­beit. Was ist es für ein Ge­fühl, dass Ih­re Bü­cher welt­weit in Kin­der­zim­mern ge­le­sen wer­den? Ich hab noch nie dar­an ge­dacht. Ich weiß nicht, war­um. Wenn ein Tisch­ler ei­nen Tisch macht, denkt er auch nicht dar­über nach, was da­nach noch pas­siert. Haupt­sa­che, der Tisch funk­tio­niert. Sie selbst ha­ben nie Kin­der ge­habt. Ab­sicht? Ja. Ich möch­te kein Kind sein, da­her kann ich auch nicht an­de­ren zu­mu­ten, ein Kind zu sein. Ich fin­de das Le­ben nicht so lus­tig. Es kann schief­ge­hen. Das Ri­si­ko ist zu hoch, für das Kind, nicht für den Va­ter. Sie sind heu­er 85 ge­wor­den. Wenn Sie zu­rück­schau­en, hat es sich doch aus­ge­zahlt? Bei mir ja. Man­ches lief nicht gut, aber das kann man weg­schie­ben. Der Rest war dann doch gut. Was war denn nicht gut? Ach, dass ich an­dau­ernd ope­riert wur­de. Und die El­tern. Die Ju­gend war Schei­ße. Der Va­ter war ein Säu­fer, die Mut­ter war dumm. Al­so was heißt dumm, sie hat­te kei­ne Ah­nung von nichts. Dann die Na­zi­zeit . . . Ich konn­te das dann aber um­dre­hen.

Am 11. März 1931

wur­de Ja­nosch als Horst Eckert in Hin­den­burg O. S., heu­te Za­b­rze, in Ober­schle­si­en ge­bo­ren.

1946

flüch­te­te er mit sei­ner Fa­mi­lie nach West­deutsch­land. Er be­such­te u. a. ei­nen Lehr­gang für Tex­til­zeich­nen. Ein Stu­di­um an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Mün­chen muss­te er we­gen „man­geln­der Be­ga­bung“ab­bre­chen.

1960

er­schien sein ers­tes Kin­der­buch. Es war der Start ei­ner Kar­rie­re mit über 300 Bü­chern, die in 40 Spra­chen über­setzt wur­den, Welt­best­sel­lern wie „Oh, wie schön ist Pa­na­ma“(1978) oder „Post für den Ti­ger“und be­rühm­ten Fi­gu­ren wie der Ti­ger­en­te.

Bis 2. Ju­li

ist in der Ga­le­rie Au­gus­tin die Aus­stel­lung Ja­nosch zum 85. Ge­burts­tag zu se­hen: Wi­en 1, Lu­geck 3. Wann – und wie? Es ist ir­gend­was pas­siert . . . Ah ja, ich glau­be, das hat sich um­ge­dreht, als ich aus der Kir­che aus­ge­tre­ten bin. Da hab ich ein­ge­se­hen, was das für ein Blöd­sinn ist, ka­tho­lisch ge­we­sen zu sein. Ei­ne völ­li­ge Idio­tie. Ab dem Zeit­punkt hat sich das Le­ben ge­än­dert. Wel­chen Ein­fluss hat­te die Kir­che auf Sie? Un­heim­li­che Angst vor dem, was kommt. Ei­ne stän­di­ge Angst: Wenn jetzt et­was pas­siert und ich hab kei­ne letz­te Ölung, dann komm ich in die Höl­le. Ich war bis da­hin aus­ge­lie­fert. Ab dann leb­te ich so­zu­sa­gen auf ei­ge­ne Rech­nung. Va­ter, Na­zis, Kir­che. Vor wem hat­ten Sie die größ­te Angst? Vor der Kir­che. Al­les an­de­re kann man über­wa­chen. Dein Va­ter kann dich schlimms­ten­falls tot­schla­gen. Aber bei der Kir­che, da hat man über­haupt kei­ne Über­sicht. Man weiß nicht, was pas­siert. Es wird ge­sagt: „Du wirst auf ewig im Feu­er bren­nen.“Mir reich­te es schon, wenn ich mir den Fin­ger ver­brann­te. Was glau­ben Sie jetzt, was da­nach kommt? Son­ne, Tie­re – und kein Gott? Ich glau­be, es ist dann zu En­de. Aber ich weiß es nicht. Vi­el­leicht gibt es ei­ne Wie­der­ge­burt, oh­ne dass man weiß, dass man schon ein­mal ge­lebt hat. Dass man als Schwei­ne­hund oder als Pferd wie­der­ge­bo­ren wird, das im­mer ge­hau­en wird – das hal­te ich für mög­lich. Wel­ches Tier wä­ren Sie dann gern? Ein Ti­ger. Wo­her kommt Ih­re Fas­zi­na­ti­on für die Ti­ger? Ei­gent­lich aus­ge­löst durch ein Ge­dicht von Ril­ke. Das mit den Stä­ben. Es be­ginnt da­mit, wie der Ti­ger zwi­schen den Stä­ben hin und her wan­dert. Müs­sen Sie mal goo­geln. (Die Su­che führt zu Ril­kes „Pan­ther“: „Sein Blick ist vom Vor­über­gehn der Stä­be/so müd ge­wor­den, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tau­send Stä­be gä­be/und hin­ter tau­send Stä­ben kei­ne Welt.“) Der Ti­ger und der Bär lan­den bei Ih­nen am En­de wie­der zu Hau­se. Dem­nach müss­ten Sie in Po­len oder Deutsch­land le­ben, je­den­falls nicht auf Te­ne­rif­fa. Ich kann ja ir­gend­wann ein­mal wie­der hin­ge­hen. Ich glau­be, ich bin jetzt pol­ni­scher Eh­ren­bür­ger. Hat mir je­mand er­zählt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber es reizt Sie ei­gent­lich nicht. Nein. Ich kenn das ja noch al­les. Ich will das nicht wie­der­se­hen. Mir wür­de dann wie­der al­les ein­fal­len – wie mein Va­ter be­sof­fen her­um­ge­tor­kelt ist. Das will ich nicht wie­der wis­sen. Und Deutsch­land mag ich nicht we­gen des Wet­ters. Im Win­ter ist es da zu kalt. Ha­ben Sie Ih­ren El­tern heu­te ver­zie­hen? Ja, ich nehm ih­nen das nicht übel. Sie ta­ten, was sie konn­ten. Ha­ben Sie ver­sucht zu ver­ste­hen, wie­so Ihr Va­ter zum Al­ko­ho­li­ker ge­wor­den ist? Ja – ich kann auch ver­ste­hen, war­um ich Al­ko­ho­li­ker ge­we­sen bin. War­um denn? Ach, das hab ich schon wie­der ver­ges­sen. Ich müss­te drü­ber nach­den­ken, es ist schon so lang her. Wenn ich das nicht brau­che, dann schick ich das weg. Und wenn mich kei­ner fragt, dann brauch ich das nicht. Nennt Sie heu­te noch je­mand Horst Eckert? Ja lei­der. Ich ver­gess die Leu­te so­fort. Seit wann sind Sie auch pri­vat Ja­nosch? Seit dem ers­ten Buch. (Wo­bei Kar­rie­re und Künst­ler­na­me der Über­lie­fe­rung nach auf ei­ner Ver­wechs­lung be­ru­hen, Anm.) Mein Va­ter hat zu mir im­mer . . . was Sie ma­chen, wenn Sie sich selbst auf die Ner­ven ge­hen? Ist noch nicht vor­ge­kom­men. Dann wür­de ich ei­nen trin­ken. . . . ob Sie sich schon ein­mal selbst mit ei­ner Ih­rer Le­bens­weis­hei­ten ge­trös­tet ha­ben? Je­den Tag. . . . ob Sie das Le­ben mehr un­heim­lich oder mehr schön fin­den? Es ist ei­ne Mi­schung. Ei­gent­lich mehr un­heim­lich. Ich glau­be, ich hab den Trick ge­fun­den, dass es nicht un­heim­lich ist. Aber wenn man ihn nicht fin­det, dann ist das schon ei­ne Rie­sen­schei­ße hier. . . . was Ihr wich­tigs­ter Rat an Kin­der ist? Die El­tern nicht ernst neh­men. Ih­nen aus­wei­chen. Kommt drauf an. Es gibt ja auch ver­nünf­ti­ge El­tern. Es gibt aber auch zu vie­le Idio­ten. Ja­n­ek ge­sagt. Er konn­te den Na­men, auf den er mich ge­tauft hat­te, nicht lei­den, der war ek­lig. Den konn­te kei­ner lei­den. Und wie­so hat er Sie so ge­nannt? Da er in der SA war, und da gab es ei­nen Horst Wes­sel. Ha­ben Sie mit ihm je dar­über ge­spro­chen? Nein. Wo­zu? Ich ha­be ge­le­sen, dass Sie ei­ne Art von te­le­pa­thi­scher Ver­bin­dung zu Ih­rer Le­bens­ge­fähr­tin ha­ben, so­dass sie ein­kauft, wor­auf Sie Lust ha­ben. Seit­her ver­su­che ich das auch. Das darf sie nicht wis­sen, sonst geht sie et­was an­de­res kau­fen! Aber ich denk nicht so viel dar­über nach. Wenn es funk­tio­niert, gut. Wenn nicht, auch gut. Den­ken Sie, dass es Men­schen gibt, die ei­ne spe­zi­el­le Ver­bin­dung ha­ben? Das glaub ich, ja. Ha­ben Sie das auch mit an­de­ren er­lebt? Ja. Aber ich ha­be mir das nicht ge­merkt, weil es für mich nichts Be­son­de­res ist. Oder doch, ei­nes fällt mir ein. Ich hab mich ein­mal ope­rie­ren las­sen, oh­ne das je­man­dem zu sa­gen. Und ge­ra­de als die Nar­ko­se an­fing, da kam mei­ne Mut­ter an, und sag­te, ich sol­le mich nicht ope­rie­ren las­sen, aber es war zu spät. So et­was kam oft vor. Wa­ren Sie ei­gent­lich je­mals in Pa­na­ma? Vom Prä­si­den­ten ein­ge­la­den, echt. Der hat den Flug be­zahlt, ein Ho­tel zur Ver­fü­gung ge­stellt. Ich war im Pa­last und hat­te ei­ne Leib­gar­de da­bei. Und er hat­te ei­ne schö­ne Frau, ei­ne Schön­heits­kö­ni­gin. Und dann be­kam ich ei­nen Chauf­feur, und er fuhr mich in den Ur­wald und zeig­te mir Pa­na­ma. Und war es schön? Ja, wahn­sin­nig. Aber als Freund vom Prä­si­den­ten ist es über­all schön.

Cle­mens Fa­b­ry

Ja­nosch in der Wie­ner Ga­le­rie Au­gus­tin, wo noch bis 2. Ju­li sei­ne Bil­der zu se­hen sind.

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