Wenn sich Ös­ter­reich un­at­trak­tiv macht

Ober­ös­ter­reich re­du­ziert die Min­dest­si­che­rung für Asyl­be­rech­tig­te – und bricht Völ­ker­recht. Da­bei wä­ren Kür­zun­gen von mo­ne­tä­ren So­zi­al­leis­tun­gen sinn­voll, al­ler­dings auch für Ös­ter­rei­cher.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON CHRIS­TI­AN ULTSCH

Mi­gran­ten und Flücht­lin­ge, die sich im ver­gan­ge­nen Jahr nach Eu­ro­pa wag­ten, zog es vor al­lem nach Deutsch­land, Schwe­den und Ös­ter­reich. Das hat­te ra­tio­na­le Grün­de. Ers­tens hiel­ten die drei Staa­ten lan­ge Zeit ih­re To­re of­fen, und zwei­tens gal­ten sie als wohl­ha­ben­de Schla­raf­fen­län­der mit äu­ßerst groß­zü­gi­gen Wohl­fahrts­sys­te­men.

Spä­tes­tens seit Be­ginn des Jah­res, als an­ge­sichts der vie­len un­ge­hin­dert ins Land strö­men­den Flücht­lin­ge An­zei­chen ei­nes Über­for­de­rungs­syn­droms nicht mehr zu über­se­hen wa­ren, be­gan­nen Po­li­ti­ker zwi­schen Wi­en, Linz und Ei­sen­stadt, die At­trak­ti­vi­tät Ös­ter­reichs be­wusst zu sen­ken. Sie mach­ten Ös­ter­reich ge­wis­ser­ma­ßen häss­li­cher, nah­men Image-Kol­la­te­ral­schä­den in Kauf und gos­sen ihr er­klär­tes na­tio­na­les Ziel, we­ni­ger Flücht­lin­ge ins Land zu las­sen, so­gar in ei­ne Ober­gren­zen­zahl: 37.500.

Das al­les spiel­te sich nicht nur auf sym­bo­li­scher Ebe­ne ab: Die Bun­des­re­gie­rung or­ches­trier­te im März un­ter Füh­rung von VPAu­ßen­mi­nis­ter Sebastian Kurz die Schlie­ßung der Bal­kan­rou­te, und En­de ver­gan­ge- ner Wo­che be­schloss das schwarz-blau ge­führ­te Ober­ös­ter­reich nun tat­säch­lich, die So­zi­al­leis­tun­gen für Flücht­lin­ge zu kür­zen.

Die bei­den Maß­nah­men sind un­ter­schied­lich zu be­wer­ten: Das Ab­dich­ten der ma­ze­do­nisch-grie­chi­schen Gren­ze hat Eu­ro­pa in Er­gän­zung zu dem kurz spä­ter er­folg­ten Ab­kom­men mit der Tür­kei die Mög­lich­keit ver­schafft, Ord­nung ins an­ar­chi­sche Mi­gra­ti­ons­sys­tem zu brin­gen. Seit­her strö­men deut­lich we­ni­ger Flücht­lin­ge in die EU. Wie lan­ge der ma­ze­do­ni­sche Wall und der De­al mit An­ka­ra hal­ten, wird sich noch wei­sen. Rechts­bruch. Die Kür­zung der Min­dest­si­che­rung für Asyl­be­rech­tig­te wird je­doch kaum Be­stand ha­ben. Denn da­mit bricht Ös­ter­reich in­ter­na­tio­na­les Recht. In Ar­ti­kel 23 und 24 der Gen­fer Kon­ven­ti­on ist un­miss­ver­ständ­lich fest­ge­schrie­ben, dass Flücht­lin­ge in der öf­fent­li­chen Für­sor­ge ge­nau­so zu be­han­deln sind wie Staats­an­ge­hö­ri­ge. Ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung ist un­zu­läs­sig.

Ge­bo­ten wä­re je­doch ei­ne Dis­kus­si­on dar­über, ob die So­zi­al­leis­tun­gen in ih­rer jet­zi­gen Form nicht ins­ge­samt, al­so auch für ös- ter­rei­chi­sche Bür­ger, zu hoch an­ge­setzt sind. Wer man­gel­haft aus­ge­bil­det ist und le­dig­lich Aus­sicht auf ei­nen schlecht be­zahl­ten Job hat, kann in Wi­en schnell zum Schluss kom­men, dass es sich gar nicht aus­zahlt zu ar­bei­ten. Die Dif­fe­renz zwi­schen der Stüt­ze und ei­nem nied­ri­gen Ein­kom­men ist mitt­ler­wei­le zu ge­ring. Of­fen­bar fehlt dort und da der Druck, an­ge­bo­te­ne Ar­beit auch an­zu­neh­men. Nie­mand will Men­schen in Ar­mut ab­glei­ten las­sen, aber viel­leicht wä­ren Sach­leis­tun­gen manch­mal sinn­vol­ler als Geld­aus­zah­lun­gen, die be­kannt­lich auch gern an Ver­wand­te im Aus­land über­wie­sen wer­den.

Zu über­den­ken ist auch, wie ge­scheit es ist, Do­tie­rung und Aus­ge­stal­tung des So­zi­al­staats wei­ter­hin den Bun­des­län­dern zu über­las­sen. Sind die Un­ter­schie­de zu groß, wird es das Phä­no­men der Ein­wan­de­rung in So­zi­al­sys­te­me bald in­ner­halb Ös­ter­reichs ge­ben, von Bun­des­land zu Bun­des­land. Das sind Dis­kus­sio­nen, die man hier­zu­lan­de auch ein­mal un­ab­hän­gig von der emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Flücht­lings­fra­ge füh­ren soll­te.

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