»Should I stay or should I go now?«

Ein Kö­nig­reich probt den Auf­stand. Im Re­fe­ren­dum geht es um mehr als um Groß­bri­tan­ni­ens EU-Mit­glied­schaft. Auf dem Spiel steht die Zu­kunft des Lan­des – ganz un­ab­hän­gig vom Aus­gang.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON GA­B­RI­EL RATH (LON­DON)

Die EU-Volks­ab­stim­mung in Groß­bri­tan­ni­en am Don­ners­tag ist die wich­tigs­te geo­po­li­ti­sche Ent­schei­dung seit dem Fall der Ber­li­ner Mau­er. Ein Aus­schei­den wür­de al­ler Vor­aus­sicht nach ei­ne Ab­spal­tung Schott­lands und den Zer­fall des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs (UK) her­bei­füh­ren. In Eu­ro­pa wä­re der Pro­zess der fort­schrei­ten­den In­te­gra­ti­on nicht nur un­ter­bro­chen, son­dern in aku­ter Ge­fahr, durch ei­ne Zer­falls­dy­na­mik ab­ge­löst zu wer­den. Nicht um­sonst sagt Do­nald Tusk, der Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Rats: „Ich fürch­te, ein Br­ex­it könn­te der An­fang der Zer­stö­rung nicht nur der EU, son­dern der ge­sam­ten west­li­chen po­li­ti­schen Zi­vi­li­sa­ti­on sein.“

Wenn so viel auf dem Spiel steht, fragt man sich, war­um der bri­ti­sche Pre­mier Da­vid Ca­me­ron die­ses Ri­si­ko ein­ging, als er im Jän­ner 2013 ei­ne Neu­re­ge­lung des Ver­hält­nis­ses zur EU an­kün­dig­te und dann ver­sprach: „Es ist Zeit für das bri­ti­sche Volk, sei­ne Meinung zu äu­ßern.“In Wirk­lich­keit ging es Ca­me­ron dar­um, die Eu­ro­pa-Geg­ner in sei­ner kon­ser­va­ti­ven Par­tei ein für al­le­mal zum Schwei­gen zu brin­gen. Das tat er nicht, in­dem er sie her­aus­for­der­te, son­dern ih­nen Zu­ge­ständ­nis­se mach­te. Die Ent­schei­dung für ei­ne Volks­ab­stim­mung hat­te „al­lein da­mit zu tun, dass Ca­me­ron die To­ry Par­ty be­frie­den muss­te und nichts mit dem na­tio­na­len In­ter­es­se des Lan­des“, sagt der Po­li­tik­pro­fes­sor Tim Ba­le von der Queen Ma­ry Uni­ver­si­ty of Lon­don.

Der Pre­mier durf­te sich gleich­wohl in Si­cher­heit wäh­nen, denn zum da­ma­li­gen Zeit­punkt – und bis vor we­ni­gen Wo­chen – lag die Fra­ge der EU-Mit­glied­schaft un­ter den zehn größ­ten Sor­gen der Bri­ten ab­ge­schla­gen auf Platz acht. Gro­ße Be­geis­te­rung ver­spür­ten die Bri­ten für die Ge­mein­schaft nie. Aber sie hat­ten da­mit zu le­ben ge­lernt. Für den Mann von der Stra­ße ist Eu­ro­pa vor al­lem ei­ne Ur­laubs­de­s­ti­na­ti­on mit hö­he­rem Le­bens­stan­dard als die Hei­mat und der Her­kunfts­ort von Qua­li­täts­pro­duk­ten.

Das Land trat 1973 nach ei­ni­gen Fehl­starts der da­ma­li­gen Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft bei. Ei­ne Lie­bes­hoch­zeit war es nicht. Aber ob­jek­tiv be­trach­tet hat Groß­bri­tan­ni­en pro­fi­tiert: Vom „kran­ken Mann Eu­ro­pas“stieg das Land zur fünft­größ­ten Wirt­schafts­na­ti­on der Welt auf. Das Brut­to­na­tio­nal­pro­dukt wuchs in die­sen 43 Jah­ren kräf­ti­ger als in Deutsch­land oder Frank­reich. Seit den 1990er-Jah­ren hat sich Groß­bri­tan­ni­en er­folg­reich Son­der­rech­te (opt-outs) ge­si­chert, et­wa mit der Ab­leh­nung des Eu­ro.

Ei­ne Über­prü­fung der Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Lon­don und Brüs­sel kam zu dem Schluss, dass „in Sum­me die Mit­glied­schaft in der EU für Groß­bri­tan­ni­en vor­teil­haft ist“. Den­noch agie­ren die Eu­ro­pa-Geg­ner wie die Ver­schwö­rer in der Sze­ne des Mon­ty-Py­thon-Films „Das Le­ben des Bri­an“, in der es heißt: „Und ab­ge­se­hen von Sa­ni­tär­an­la­gen, Me­di­zin, Bil­dungs­we­sen, Wein, öf­fent­li­cher Ord­nung, Be­wäs­se­rung, Stra­ßen­bau, Was­ser­ver­sor­gung und Ge­sund­heits­we­sen – was ha­ben die Rö­mer je­mals für uns ge­tan?“

Die Hand, die ei­nen füt­tert, liebt man nicht. Die Ab­leh­nung der EU ist in Ge­bie­ten wie Corn­wall, die über­pro­por­tio­nal viel För­de­rung aus den Uni­ons­töp­fen er­hal­ten, oder un­ter Sek­to­ren wie der Land­wirt­schaft, die den Groß­teil ih­res Ein­kom­mens aus der Ge­mein­schafts­kas­se be­zie­hen, be­son­ders hoch.

Es sind nicht Fak­ten, son­dern Wahr­neh­mun­gen und Emo­tio­nen, die das bri­ti­sche EU-Re­fe­ren­dum ent­schei­den wer­den. Denn es geht nicht um die EU, son­dern dar­um, wo­für die EU steht und wer für sie ein­tritt. Das ist vor al­lem ei­ne voll­kom­men dis­kre­di­tier­te po­li­ti­sche Klas­se. Vom Irak-Krieg 2003 über den Spe­sen­skan­dal 2009 bis zu ra­di­ka­len So­zi­al­kür­zun­gen reicht das Re­gis­ter.

Die Eu­ro­pa-Geg­ner agie­ren wie die Ver­schwö­rer im Film »Das Le­ben des Bri­an«.

Als den Po­li­ti­kern nach der Wirt­schafts­kri­se 2008 die Mit­tel aus­gin­gen, um Wohl­ta­ten zu ver­tei­len und sie nach amt­li­chen An­ga­ben 1,162 Bil­lio­nen Pfund in die Ret­tung der Ban­ken steck­ten, wur­de der Kon­sens zwi­schen Po­li­ti­kern und Volk – Stim­me ge­gen Leis­tung – be­gra­ben.

Das Schott­land-Re­fe­ren­dum 2014 war ein ers­ter Vor­bo­te ei­nes neu­en po­li­ti­schen Zeit­al­ters, die Wahl des lin­ken Au­ßen­sei­ters Je­re­my Cor­byn zum La­bour-Chef im Sep­tem­ber ein wei­te­res An­zei­chen. Und die EU-Kam­pa­gne ist ein noch stär­ke­res. Die re­gie­ren­de Gar­de – egal, ob Re­gie­rung oder Op­po­si­ti­on – hat aus­ge­dient. Es gibt ei­nen un­ge­heu­ren Är­ger im Land, und die­ser lässt sich in­stru­men­ta­li­sie­ren.

Das ma­chen die EU-Geg­ner, in­dem sie Eu­ro­pa zur Pro­jek­ti­ons­flä­che für al­les ma­chen, was Be­sorg­nis er­regt, schief­läuft oder viel­leicht ein­mal bes­ser war. Von ei­nem „Bünd­nis aus je­nen, die es sich leis­ten kön­nen, et­was zu ver­lie­ren, und je­nen, die nichts zu ver­lie­ren ha­ben“, spricht Si­mon Til­ford vom Cent­re for Eu­ro­pean Re­form. Es herrscht gro­ße Angst vor ra­san­ter Ve­rän­de­rung, um die nie­mand ge­be­ten hat und die den­noch All­tag ist. Groß­bri­tan­ni­en ist das EU-Land mit den we­nigs­ten Re­gu­lie­run­gen. Doch was die Wirt­schaft als Stand­ort­vor­teil preist, kommt die Men­schen teu­er. Es herrscht prak­tisch Voll­be­schäf­ti­gung. Um mit­zu­hal­ten, muss man wie der Hams­ter im Rad stän­dig in Be­we­gung blei­ben. Wer stürzt, bleibt auf der Stre­cke.

Die mas­si­ve Ein­wan­de­rung hat kei­nen Bri­ten ei­nen Job ge­kos­tet. Aber der Druck ist wei­ter ge­stie­gen. Und die Im­mi­gra­ti­on von mehr als drei Mil­lio­nen Men­schen in zehn Jah­ren hat tie­fe Ve­rän­de­run­gen ge­bracht. Wie in dem Ro­man „Ca­pi­tal“von John Lan­ches­ter ha­ben sich seit Jahr­zehn­ten un­be­rühr­te vik­to­ria­ni­sche Stra­ßen­zü­ge in­ner­halb von Mo­na­ten ra­di­kal ge­wan­delt: Plötz­lich scheint es über­all aus­län­di­sche Ge­schäf­te zu ge­ben, frem­de Spra­chen und un­be­kann­te Au­to­kenn­zei­chen. Nicht al­le kom­men da­mit zu­recht.

Dass die Po­li­ti­ker den Bri­ten er­klä­ren, die Ein­wan­de­rung sei vor­teil­haft, gilt nur als wei­te­rer Be­weis für ih­re Ab­ge­ho­ben­heit. Es ist ei­ne rie­si­ge Kluft ent­stan­den, die an­de­re für sich aus­nüt­zen. „Wenn wir das Re­fe­ren­dum zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Esta­blish­ment und Volk ma­chen, ge­win­nen wir. Haus­hoch“, sagt Mat­t­hew El-

Wer mit­hal­ten will, be­wegt sich wie im Hams­ter­rad. Wer stürzt, bleibt auf der Stre­cke.

Bloom­berg

»Bri­tain First« oder wei­ter im Bun­de mit Brüs­sel: Die Schick­sals­fra­ge, die den Zer­fall der Eu­ro­päi­schen Uni­on wie auch des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs aus­lö­sen könn­te, spal­tet die Bri­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.