War­um wir von den Stra­ßen Lon­dons träu­men

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THO­MAS KRA­MAR

Ob Re­gent Street oder Leices­ter Squa­re, Brigh­ton oder Pen­ny La­ne: Der Brit­pop hat die (ur­ba­nen) Land­schaf­ten sei­ner In­sel zum in­ter­na­tio­na­len Sehn­suchts­ge­biet ge­macht. Ei­ne schnel­le Ma­gi­cal Mys­te­ry Tour. „They seek him, they seek him the­re, in Re­gent Street, in Leices­ter Squa­re . . .“Wer ir­gend­wo in Eu­ro­pa ein Ta­ges­be­gleit­ra­dio lau­fen hat, hat gu­te Aus­sich­ten, die­se in­nig ge­nä­sel­ten Zei­len zu hö­ren: „De­di­ca­ted Fol­lo­wer of Fa­shion“von den Kinks ist ein Ever­green im bes­ten Sinn. Ray Da­vies be­sang da­rin 1966 die Welt des Swin­ging Lon­don, in der die „Carnab­i­ti­ans“– al­so die re­gel­mä­ßi­gen Be­su­cher der Carna­by Street, wo da­mals die Hip­ness re­si­dier­te – von Shop zu Shop flirr­ten.

So wur­den und wer­den die Pop­hö­rer mit der To­po­lo­gie Lon­dons kon­fron­tiert. Der­weil fah­ren in ei­ner klei­ne­ren, nörd­li­che­ren Stadt stünd­lich bun­te Busse durch die Su­burbs: Die „Ma­gi­cal Mys­te­ry Tour“durch Li­ver­pool rollt und rollt, sie führt zur Pen­ny La­ne und zum Tor des Wai­sen­hau­ses Straw­ber­ry Field; sie wür­de nicht dort­hin füh­ren, wenn nicht John Len­non und Paul McCart­ney 1967 in ei­ner sen­ti­men­ta­len Lau­ne je ein Lied ih­rer Hei­mat­stadt ge­wid­met hät­ten . . .

Was klingt wie der ge­nia­le Lang­zeit­plan ei­nes Tou­ris­mus­ma­na­gers, ist ei­ne er­staun­li­che kul­tu­rel­le Leis­tung des bri­ti­schen Pop: Er hat sei­ne Hei­mat zum Sehn­suchts­land für die west­li­che, ach was, für die gan­ze Welt ge­macht. Wenn die Sex Pis­tols 1977 in „God Sa­ve The Queen“rie­fen, dass es kei­ne Zu­kunft für „En­g­land’s drea­m­ing“ge­be, ne­gier­ten sie da­mit viel­leicht die Träu­me des Kö­nigs­reichs, in­du­zier­ten aber zugleich Träu­me vom Kö­nig­reich, und zwar in Mil­lio­nen Ju­gend­li­chen, ob sich die­se Si­cher­heits­na­deln durchs Re­vers bohr­ten oder nicht. Wenn Mods vom Strand träu­men, dann von dem in Brigh­ton, den die Who in „Qua­dro­phe­nia“be­sun­gen ha­ben; wenn Punks ei­ne Stadt ru­fen (oder bren­nen) hö­ren, dann Lon­don, den Songs der Clash ge­hor­chend.

Die Po­li­ti­ker Ha­rold Wil­son und Ed­ward He­ath ka­men pas­siv ins pop­kul­tu­rel­le Ge­dächt­nis, weil die Beat­les sie im steu­er­feind­li­chen Song „Tax­man“er­wähn­ten, Mar­ga­ret That­cher ge­sell­te sich als Hass­ob­jekt von Mor­ris­sey, El­vis Co­stel­lo etc. da­zu. Doch Pre­mier­mi­nis­ter To­ny Blair war der Ers­te, der den Brit­pop als Ex­port­schla­ger und na­tio­na­les As­set er­kann­te. Die Band Oa­sis un­ter­stütz­te ihn da­für so­gar 1997 im Wahl­kampf, dis­tan­zier­te sich aber spä­ter von ihm, wo­bei Gi­tar­rist No­el Gal­lag­her Wor­te fand, die in die­sen EM-Ta­gen be­son­ders ak­tu­ell klin­gen: „Po­li­tik ist für mich wie Fuß­ball. La­bour ist nun ein­mal mein Team. Nur weil du den Mit­tel­stür­mer nicht magst, hörst du nicht auf, Fan zu sein.“ Pop & Fuß­ball. Bei­des er­klärt, war­um es in je­der zwei­ten Stadt Eu­ro­pas – na­tür­lich be­son­ders in Wi­en! – ein Lo­kal na­mens Chel­sea gibt, wo man dann auch Ale und Ci­der trinkt. Die in „Can­dy and a Cur­rant Bun“von Pink Floyd ge­prie­se­nen bri­ti­schen Süß­spei­sen ha­ben sich we­ni­ger ver­brei­tet, und auch Cri­cket hat sich auf dem Kon­ti­nent kaum eta­bliert, trotz des Songs der Kinks, in dem es über den schwer ver­ständ­li­chen Ball­sport heißt: „It has ho­nor, it has cha­rac­ter and it’s Bri­tish.“

Das gilt auch für den bri­ti­schen Pop, der selbst das Pro­dukt ei­nes ge­lun­ge­nen Kul­tur­trans­fers ist: Die ers­te Ge­ne­ra­ti­on des Brit­pop hat ab 1963 den Rock ’n’ Roll von Ame­ri­ka nach En­g­land über­tra­gen, von der Rou­te 66 auf die Carna­by Street so­zu­sa­gen, und dort hei­misch ge­macht. So hei­misch, dass En­g­land via Pop­mu­sik für vie­le zur zwei­ten see­li­schen Hei­mat ge­wor­den ist. Die kann auch ein Br­ex­it nicht zer­stö­ren.

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