Lie­bens­wer­te Schrul­len der In­su­la­ner

Vom Links­ver­kehr bis zum Pint, von drei­po­li­gen Ste­ckern bis zum Eng­lish Bre­ak­fast: Was wir bei ei­nem EU-Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens al­les ver­lie­ren und ver­mis­sen wür­den. Ei­ne be­tont bri­ti­sche Ex­pe­di­ti­on in 15 Etap­pen.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON GA­B­RI­EL RATH (LON­DON)

liott, der Lei­ter der Br­ex­it-Kam­pa­gne. Kein The­ma eig­net sich bes­ser als die Ein­wan­de­rung, in der sich al­le Ängs­te und Be­schwer­den kris­tal­li­sie­ren. Als die EU-Geg­ner die­se Fra­ge auf­grif­fen, ge­wann ih­re Kam­pa­gne an Fahrt.

Da­bei ist auch das Pro­blem der Mas­sen­ein­wan­de­rung vor al­lem haus­ge­macht. In ei­ner Mi­schung aus Igno­ranz und Ar­ro­ganz ver­zich­te­te Groß­bri­tan­ni­en 2004 auf Über­gangs­fris­ten beim Zu­gang zum Ar­beits­markt. Der rie­si­ge Druck auf Wohn­raum und In­fra­struk­tur ist auf ra­di­ka­le Kür­zun­gen der Re­gie­rung zu­rück­zu­füh­ren. Die­sel­ben Po­li­ti­ker, die sich im­mer als Prot­ago­nis­ten des frei­en Markts (die Br­ex­it-An­füh­rer Bo­ris John­son und Micha­el Go­ve) ga­ben, ru­fen nun nach Grenz­kon­trol­len und Zu­tritts­be­schrän­kun­gen.

Die Wahr­heit hat in der Po­li­tik aber aus­ge­dient. Wie die USA mit Do­nald Trump er­lebt Groß­bri­tan­ni­en mit der ak­tu­el­len De­bat­te den Ein­tritt in die Ära der „post-truth po­li­tics“. Der Un­ver­schäm­tes­te ist ab jetzt Kö­nig. Wich­tig sind nicht Fak­ten, wich­tig ist die Zu­stim­mung des Pu­bli­kums, am bes­ten durch La­cher. Wer am lau­tes­ten schreit, wird ge­hört. Wer wi­der­spricht, muss erst ein­mal die Lü­ge des an­de­ren wie­der­ho­len, um sie rich­tig­zu­stel­len – und hat da­mit be­reits ver­lo­ren. Ge­nau die­ses Spiel be­treibt das Br­ex­it-La­ger mit der Fal­sch­aus­sa­ge um den bri­ti­schen EU-Bei­trag.

Statt Fak­ten zu prä­sen­tie­ren und zu dis­ku­tie­ren, wie im Schott­land-Re­fe­ren­dum, wird jetzt vor al­lem Är­ger zu Zorn hoch­ge­peitscht. Be­flü­gelt da­von schien Groß­bri­tan­ni­en bis zum Mord an der La­bour-Ab­ge­ord­ne­ten Jo Cox un­auf­halt­sam in Rich­tung EU-Aus­tritt un­ter­wegs. Auch wenn das Land jetzt noch zur Be­sin­nung kom­men soll­te, die Pro­ble­me blei­ben. Frei nach der Punk­band The Clash: „Should I stay or should I go now?/If I stay the­re will be trou­ble/An’ if I go it will be dou­ble.“

Don’t lea­ve me this way“, jam­mer­te das bri­ti­sche Pop-Duo The Com­mu­nards 1986, und wenn es da­mals auch nicht an den Aus­tritt sei­nes Lan­des aus der EU dach­te, so fürch­tet heu­te man­cher An­glo­phi­le: „I can’t sur­vi­ve, I can’t stay ali­ve“– oh­ne die Bri­ten. Al­so: Was wür­den wir bei ei­nem Br­ex­it ver­lie­ren?

Seit der An­kunft beim ers­ten Som­mer­sprach­kurs ir­gend­wo im Sü­den En­g­lands hat sich je­dem Be­su­cher Groß­bri­tan­ni­ens die Stra­ßen­auf­schrift „Look Right“ein­ge­prägt. Das ist für Fuß­gän­ger über­le­bens­wich­tig, auch wenn es un­lo­gisch er­scheint, denn im Land herrscht Links­ver­kehr. Die Tra­di­ti­on geht an­geb­lich bis zu den Rö­mern zu­rück. Sie be­ruht dar­auf, dass die meis­ten Men­schen Rechts­hän­der sind und sich durch die Be­nüt­zung der lin­ken Fahr­spur die rech­te Hand frei hiel­ten, um ge­ge­be­nen­falls bei ei­ner feind­li­chen Be­geg­nung das Schwert zü­cken zu kön­nen. Die­se Auf­ga­be hat heu­te das Han­dy über­nom­men.

Wer es auf dem Flug­ha­fen dank klu­ger Bo­den­mar­kie­run­gen un­be­scha­det bis zum Au­to­ver­leih ge­schafft hat, wird bei der Aus­fahrt mit ei­ner wei­te­ren Be­son­der­heit des bri­ti­schen Ver­kehrs kon­fron­tiert: Wo der Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pä­er ei­ne Ord­nung schaf­fen­de Am­pel er­war­tet, hat der Bri­te ei­nen Rück­sicht för­dern­den Kreis­ver­kehr in­stal­liert. Mehr als 10.000 da­von gibt es im gan­zen Land, der äl­tes­te wur­de 1768 in Bath ein­ge­rich­tet und ist heu­te ein ge­schütz­tes Kul­tur­denk­mal. Wer nicht sehr ge­nau auf­passt, fährt ent­we­der län­ger im Kreis, als sich die Er­de um die Son­ne dreht, oder lan­det auf ei­nem Hy­per­me­ga­rie­sen-Su­per­markt­park­platz.

Hat man sein Fahr­ziel er­reicht, sein Miet­au­to ab­ge­stellt und sein Quar­tier be­zo­gen, muss man sein Han­dy auf­la­den. Da­für braucht der Be­su­cher ei­nen Ad­ap­ter, denn Groß­bri­tan­ni­en ver­wen­det drei­po­li­ge Ste­cker ge­mäß der 1947 ein­ge­führ­ten In­dus­tri­e­norm BS1363. Viel­leicht ist es den gro­ßen, schwe­ren und un­hand­li­chen Din­gern zu­zu­schrei­ben, dass die Bri­ten of­fen­bar glau­ben, der Strom kom­me aus der Steck­do­se: Im Vor­jahr wur­de in Lon­don ein Mann we­gen „Ablei­tung von Elek­tri­zi­tät“ver­haf­tet, weil er sein Han­dy in ei­nem Zug an ei­ner Steck­do­se an­ste­cken woll­te.

Nach­dem das Han­dy er­folg­reich ge­la­den wur­de, hat man sich ei­ne Er­fri­schung ver­dient und geht ins Pub auf ein Ale oder ei­nen Ci­der. Nach den 1824 er­las­se­nen Im­pe­ri­al Mea­su­re­ments ent­spricht ein Pint ex­akt 0,5683 Li­ter. Ob­wohl Groß­bri­tan­ni­en 1995 of­fi­zi­ell auf das me­tri­sche Sys­tem um­stell­te, hat sich das Pint eben­so ge­hal­ten wie die Län­gen­an­ga­ben Inch, Foot und Mi­le oder die Ge­wichts­ein­hei­ten Pound und Sto­ne. Weit­ge­hend ver­ges­sen sind hin­ge­gen Fur­long (201,168 Me­ter), Gill (142,065 Mil­li­li­ter) oder Drachm (1,771 Gramm). Ob­wohl EURicht­li­ne 80/181/EEC in der Fas­sung vom 11. März 2009 die zeit­lich un­be­fris­te­te Ver­wen­dung tra­di­tio­nel­ler Ein­hei­ten er­laubt, wird selbst der Br­ex­it sie nicht zu­rück­brin­gen.

Wer vom Bier hung­rig ge­wor­den ist, holt sich Fish ’n’ Chips, kräf­tig mit Vi­ne­gar über­gos­sen. Um den nächs­ten Chip­py zu fin­den, braucht man kein Na­vi, son­dern muss man nur der Na­se fol­gen (und den ört­li­chen Kat­zen). Der fet­ti­ge Fisch wur­de frü­her zum Ab­trop­fen in Zei­tungs­pa­pier ge­wi­ckelt. Un­be­kannt ist, ob mehr Men­schen an Blei­ver­gif­tung oder Cho­le­ste­r­in­schock star­ben. Das Ge­richt ist nur ei­ne von vie­len ku­li­na­ri­schen Be­son­der­hei­ten Bri­tan­ni­ens, zu de­nen auch schot­ti­scher Hag­gis (ge­füll­ter Schaf­ma­gen) oder wa­li­si­scher Ca­er­phil­ly (Schnitt­kä­se) zäh­len.

Zur Ver­dau­ung zu­rück ins Pub, ehe die Glo­cke zu den Last Or­ders er­tönt. Nach­dem der ed­le Bri­te in jahr­hun­der­te­lan­gen Selbst­ver­su­chen im Di­ens­te der Wis­sen­schaft ge­wis­se Hin­wei­se da- rauf sam­meln konn­te, dass die 23-UhrSperr­stun­de zu wil­dem Bin­ge Drin­king vor Ver­sie­gen des Schank­hahns führt, wur­de die Be­stim­mung 2005 ge­lo­ckert. Wie vie­le an­de­re Kul­tur­leis­tun­gen der New-La­bour-Ära wird die­se Er­run­gen­schaft nur un­zu­rei­chend ge­wür­digt. Die meis­ten Pubs se­hen schon des­halb kei­nen An­lass zur Ver­schie­bung der Sperr­stun­de, weil kein Stamm­gast, der auf sich hält, sich um 23 Uhr noch in ei­nem Zu­stand be­fin­det, bei dem wei­te­re Al­ko­hol­zu­fuhr mög­lich wä­re.

Am nächs­ten Mor­gen er­wacht man ver­dros­sen, denn das ste­te Klop­fen, das ei­nen aus dem Schlaf ge­holt hat, war nicht der char­man­te Room Ser­vice, son­dern der bri­ti­sche Re­gen. Ob­wohl die Tem­pe­ra­tu­ren über Nacht stär­ker ge­fal­len sind als die Lon­don Stock Ex­ch­an­ge nach dem Br­ex­it, trot­zen die Ein­hei­mi­schen dem Wet­ter un­ver­dros­sen: Bei zwei Grad plus zie­hen die Ers­ten är­mel­lo­se T-Shirts an, bei drei Grad wird die kur­ze Ho­se aus­ge­packt, bei vier Grad trägt man Flip­Flops. Man sagt, der Bri­tish Sum­mer be­ste­he aus zwei Ta­gen Schön­wet­ter und ei­nem Ge­wit­ter. Som­mer­klei­dung wird den­noch das gan­ze Jahr ge­tra­gen.

Weil man friert und an den bei­den Tabs mit eis­kal­tem und sie­dend hei­ßem Was­ser sei­ne Ge­sund­heit aufs Spiel ge­setzt hat, freut man sich um­so mehr auf wär­men­de Stär­kung durch ein Full Eng­lish, wie der Ken­ner das na­tio­na­le Früh­stück nennt. Es be­steht aus Spie­ge­lei, Würs­ten, Speck, ei­nem hal­ben ge­bra­te­nen Pa­ra­dei­ser (für die Vit­ami­ne), Cham­pi­gnons, Blut­wurst, Boh­nen in Pa­ra­deissau­ce und Karof­fel­puf­fer. Da­zu ge­but­ter­ter To­ast und Tee oder Kaf­fee. Und Brown Sau­ce, ei­ne Spe­zia­li­tät aus den Scho­ten des Ta­mar­in­den­baums, die nur ver­wei­gert, wer noch nicht Mar­mi­te, ei­nen Brot­auf­strich aus He­fe­ab­fäl­len, pro­biert hat.

Wer all das über­stan­den hat, wird ver­ste­hen, dass Bre­ak­fast wört­lich be­deu­tet, das Fas­ten zu bre­chen, und dass es aus ei­ner Zeit stammt, in der die Men­schen nur mor­gens und abends aßen. Das Früh­stück be­stand da­mals nur aus Ale und Brot. Zum Abend­es­sen wur­de auf das Brot gern ver­zich­tet, be­son­ders an Frei­ta­gen, wenn der Wo­chen­lohn ver­sof­fen wur­de. Bis heu­te ist da­her Don­ners­tag der Elec­tion Day.

Auf­ge­päp­pelt mit rund 1000 Ka­lo­ri­en fühlt man sich hin­rei­chend ge­stärkt, dem an­hal­ten­den Schlecht­wet­ter zu wi­der­ste­hen und macht sich auf die Su­che nach den ört­li­chen Se­hens­wür­dig­kei­ten. Das un­ver­meid­li­che Cast­le hat sei­ne bes­se­ren Ta­ge längst hin­ter sich, der Eng­lish Gar­den blüht hin­ge­gen dank der lie­be­vol­len Auf­sicht ei­nes bul­ga­ri­schen Gärt­ners, sei­ner em­si­gen ko­so­va­ri­schen Hel­fer und des nicht en­den­den eng­li­schen Re­gens präch­tig. Ein herz­lo­ser Re­pu­bli­ka­ner, der hier beim Lust­wan­deln nicht Ih­rer Ma­jes­tät ei­nen freund­li­chen Ge­dan­ken wid­met, denn ihr ge­hört (theo­re­tisch) nicht nur das gan­ze Land, das sie groß­zü­gig dem Be­su­cher öff­net, son­dern nach ei­ner Be­stim­mung von 1324 sind auch al­le Schwä­ne, Del­fi­ne und Stö­re in kö­nig­li­chem Be­sitz.

An sol­chen Tra­di­tio­nen rüt­teln die Bri­ten un­gern. Nicht nur be­an­spru­chen sie für sich, den Fuß­ball­sport er­fun­den zu ha­ben, als im ach­ten Jahr­hun­dert Köp­fe von un­ter­le­ge­nen dä­ni­schen Sol­da­ten her­um­ge­kickt wur­den. Ob­wohl „das Spiel“re­gel­mä­ßig Men­schen­le­ben for­der­te, war es so po­pu­lär, dass Kö­nig Ed­ward 1331 ein Ver­bot er­ließ.

In­des ent­wi­ckel­ten sich an­de­re ele­gan­te Sport­ar­ten wie Kä­sel­aib­rol­len, Pa­latschin­ken­wett­ren­nen und Baum­stamm­wer­fen. Seit die Fuchs­jagd 2004 von New La­bour ver­bo­ten wur­de, hat ih­re Be­liebt­heit stark zu­ge­nom­men. Wer zu die­sem no­blen Zeit­ver­treib nicht ge­la­den ist, hat im­mer­hin die de­mo­kra­ti­sche Chan­ce, bei ei­nem Boo­kie ei­ne Wet­te ab­zu­schlie­ßen. Ge­wet­tet wird grund­sätz­lich auf al­les, auch auf den Br­ex­it. Da­bei ge­hen die Buch­ma­cher ent­ge­gen den Mei­nungs­for­schern klar von ei­nem Ver­bleib aus.

Da sich wie­der der Hun­ger regt, freut man sich nun auf ein klas­si­sches bri­ti­sches Cur­ry. Ein­ge­führt vom in­di­schen Sub­kon­ti­nent, hat sich das Ge­richt, bei dem Fleisch du­bio­ser Pro­ve­ni­enz in un­durch­sich­ti­gen Sau­cen und hin­ter schar­fen Ge­wür­zen ver­bor­gen wird, im gan­zen Land durch­ge­setzt. Vor Jah­ren kür­ten die Bri­ten Chi­cken Tik­ka Ma­sa­la zu ih­rem Lieb­lings­ge­richt. Das an­geb­lich in­di­sche Ge­richt stammt in Wahr­heit aus New­cast­le. In der EU-De­bat­te war­nen Geg­ner der Uni­on Freun­de der (schein-)in­di­schen Kü­che, es ge­be zu vie­le pol­ni­sche Hand­wer­ker und da­her zu we­ni­ge in­di­sche Kö­che. Noch nicht be­haup­tet wur­de, dass auch der klas­si­sche Af­ter­noon Tea in Ge­fahr sei. Das quint­es­sen­zi­el­le bri­ti­sche Ge­tränk stammt aus Chi­na.

Doch egal, wo­her man stammt – wer nach Groß­bri­tan­ni­en kommt, wird sich rasch hier ver­stän­di­gen kön­nen. Eng­lisch ist die glo­ba­le Spra­che un­se­rer Zeit. Dass Groß­bri­tan­ni­en von BBC bis Brit­pop und von Ta­te Mo­dern bis zum Edin­burgh Fes­ti­val (1947 ge­grün­det von dem Ös­ter­rei­cher Ru­dolf Bing) heu­te wohl die füh­ren­de Kul­tur­na­ti­on ist, hat auch mit sei­ner Spra­che zu tun. Dass die Bri­ten zu ei­ner Zeit aus der EU aus­stei­gen könn­ten, in der sie die sprach­li­che He­ge­mo­nie er­run­gen ha­ben, muss nicht nur Lin­gu­is­ten und Phi­lo­so­phen zu den­ken ge­ben, son­dern auch Psy­cho­lo­gen. Es wird aber den Sie­ges­zug ei­ner Spra­che nicht stop­pen, die es je­dem er­laubt, sie falsch zu spre­chen und sich den­noch ver­ständ­lich aus­zu­drü­cken.

Selbst mit dem le­gen­dä­ren bri­ti­schen Black Hu­mour wird es da­her schwer zu er­tra­gen sein, wenn Groß­bri­tan­ni­en am kom­men­den Don­ners­tag sei­nen Aus­tritt aus der eu­ro­päi­schen Fa­mi­lie wählt. „Ne­bel im Ka­nal – Kon­ti­nent ab­ge­trennt“, lau­te­te ei­ne Schlag­zei­le im Geist der klas­si­schen Sple­ndid Iso­la­ti­on. Als Be­su­cher, Freund oder Mit­be­woh­ner kann man den Bri­ten, ehe sie ih­ren Schritt wäh­len, nur zu­ru­fen: Mind the Gap!

Die Ära der »post-truth po­li­tics«: Der Un­ver­schäm­tes­te ist ab jetzt Kö­nig.

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