Wi­en plant Steu­er­re­form

Ver­gnü­gungs­steu­er ade, hal­lo Grund­steu­er? Fi­nanz­stadt­rä­tin Re­na­te Brau­ner will al­le Wie­ner Steu­ern, Ab­ga­ben und Ge­büh­ren über­prü­fen und ge­ge­be­nen­falls re­for­mie­ren.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON UL­RI­KE WEI­SER UND AN­NA THALHAMMER

Im Rech­nungs­ab­schluss 2015 fällt auf, dass die Ein­nah­men teils viel ge­rin­ger sind als an­ge­nom­men. Wie kann das sein? Re­na­te Brau­ner: Ein Vor­an­schlag ist ei­ne Pro­gno­se, die sich an der zu er­war­ten­den wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ori­en­tiert. Die war im End­ef­fekt schlech­ter als er­hofft – und das schlägt sich et­wa auf un­se­ren Haupt­bro­cken, die Er­trags­an­tei­le vom Bund, nie­der. Das gilt auch für die Kom­mu­nal­steu­ern. Jetzt schau­en auch die Pro­gno­sen für das nächs­te Jahr nicht ro­sig aus. Den­noch sind wei­ter­hin neue Schul­den ge­plant. Es ist ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung, dass wir wei­ter­hin In­ves­ti­tio­nen und da­mit ein­her­ge­hend über­schau­ba­re Schul­den ma­chen. Ich bräuch­te nur zu sa­gen, ich re­du­zie­re die In­ves­ti­tio­nen in die U-Bahn, ich baue kei­ne neu­en Schu­len und Kin­der­gär­ten mehr, und schon ha­be ich die schwar­ze Null in der Bi­lanz. Wenn Sie wei­ter in­ves­tie­ren wol­len, brau­chen Sie mehr Ein­nah­men. Sie wol­len ei­ne Er­hö­hung der Grund­steu­er – das ist vom Bund ab­hän­gig. Wird sie nun kom­men? Wir ha­ben das in ei­ner ge­mein­sa­men Sit­zung mit dem Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um in die Fi­nanz­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen ein­ge­bracht. Ge­mein­de- und Städ­te­bund wur­den dort be­auf­tragt, ein neu­es Sys­tem zu er­ar­bei­ten. In­so­fern bin ich zu­ver­sicht­lich. Dass es ein neu­es, mög­lichst ein­fa­ches und trans­pa­ren­tes Mo­dell braucht, ist ja al­len Be­tei­lig­ten klar. Die Be­mes­sungs­grund­la­ge wur­de seit Jahr­zehn­ten nicht er­höht, wo­bei die neue Ba­sis nicht der Ver­kehrs­wert sein soll. Da wä­re der Sprung zu groß. Um­ge­kehrt steht im Ko­ali­ti­ons­pa­pier, dass man Steu­ern und Ge­büh­ren künf­tig un­ter­neh­mer­freund­li­cher ge­stal­ten, vul­go sen­ken will. Die Ver­gnü­gungs­steu­er soll ab­ge­schafft wer­den, was noch? Ein Er­geb­nis kann ich erst am En­de kom­mu­ni­zie­ren, aber wir ha­ben uns ge­mein­sam vor­ge­nom­men, al­le un­se­re Steu­ern, Ab­ga­ben und Ge­büh­ren zu durch­fors­ten und ge­ge­be­nen­falls zu re­for­mie­ren. Da­bei wird al­les an­ge­schaut: von der Ge­brauchs­ab­ga­be (zum Bei­spiel bei Scha­ni­gär­ten, Anm.), der Hun­de­steu­er bis zur Ver­gnü­gungs­steu­er. Bei man­chen an­de­ren Din­gen, wie eben bei der Grund- und Kom­mu­nal­steu­er, hän­gen wir am Bund. Wann wer­den ei­gent­lich die Ge­büh­ren wie­der er­höht, die im Wahl­kampf­jahr für zwei Jah­re aus­ge­setzt wur­den? Das hat­te nichts mit der Wahl zu tun, son­dern war un­ser Ver­such, die Steu­er­re­form des Bun­des zu un­ter­stüt­zen und so­mit die Wirt­schaft an­zu­kur­beln. Ob es für nächs­tes Jahr ei­ne Er­hö­hung ge­ben wird, wis­sen wir im Au­gust, wenn die Da­ten der Sta­tis­tik Aus­tria vor­lie­gen. Dann wis­sen wir, ob der Ver­brau­cher­preis­in­dex um mehr als drei Pro­zent steigt und in Fol­ge va­lo­ri­siert wird. Für 2016 ist ein struk­tu­rel­les Null­de­fi­zit vor­ge­se­hen, wird man das schaf­fen? Ja. Sie ha­ben vor­hin den Fi­nanz­aus­gleich er­wähnt. Wi­en wünscht sich drin­gend ei­ne Ori­en­tie­rung an den Auf­ga­ben. Wie geht es da aus Ih­rer Sicht vor­an? Die Ver­hand­lun­gen könn­ten si­cher schnel­ler sein. Was pas­siert, wenn sich Wi­en in dem Punkt nicht durch­set­zen kann? Ich kann ganz si­cher nur ei­ner Lö­sung zu­stim­men, die die Auf­ga­ben­last Wi­ens ab­bil­det. Bei den Auf­ga­ben Wi­ens ste­chen zwei Be­rei­che vor al­lem ins Au­ge: die ho­hen So­zi­al­aus­ga­ben und die ho­he Ar­beits­lo­sig­keit. Be­gin­nen wir mit dem So­zia­len: In den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren sind die Aus­ga­ben im So­zi­al­bud­get um mehr als 90 Pro­zent ge­stie­gen. Wird der Be­darf im­por­tiert oder ist er haus­ge­macht? Es hat sich im Sys­tem enorm viel ge­än­dert: Statt der So­zi­al­hil­fe gibt es die be­darfs­ori­en­tier­te Min­dest­si­che­rung, die Le­bens­er­war­tung steigt, wir brau­chen mehr Geld für al­te Men­schen. Es hat sich ja auch die Qua­li­tät in der Al­ten­be­treu­ung ge­än­dert. Und es gibt stei­gen­de Ar­beits­lo­sig­keit, die sich in der Stei­ge­rung der Min­dest­si­che­rung nie­der­schlägt. Kann sich Wi­en hier sei­ne „Wir kür­zen nicht“-Hal­tung lang­fris­tig leis­ten? Ich hof­fe, dass es bun­des­weit ei­ne gu­te Re­form gibt. In­zwi­schen hal­te ich es ge­sell­schaft­lich für ei­ne Ka­ta­stro­phe, dass ein­zel­ne Län­der wie Ober­ös­ter­reich aus ei­ner be­ste­hen­den Ver­ein­ba­rung aus­sche­ren. Ich bin kein Fan der Re­si­denz­pflicht, aber wenn das so ist, geht es nicht an­ders. Das zwei­te gro­ße The­ma in Wi­en heißt Ar­beits­lo­sig­keit. Die Po­li­tik ver­spricht im­mer Jobs. Kön­nen Sie das über­haupt ein­lö­sen? Im Ju­gend­be­reich kön­nen wir tat­säch­lich Jobs im Sin­ne von Aus­bil­dungs­plät­zen schaf­fen. Sonst, das stimmt schon, kön­nen wir kei­ne Ar­beits­plät­ze er­fin­den, son­dern nur die Rah­men­be­din­gun­gen für die Wirt­schaft schaf­fen, da­mit es mehr Jobs gibt. Des­halb in­ves­tie­ren, ja – zum Bei­spiel in den S-Bahn-Aus­bau. Wenn man mit KMUs oder Wir­ten in Wi­en re­det, wird re­gel­mä­ßig über die Be­las­tun­gen mit un­zäh­li­gen Auf­la­gen ge­klagt – ob­wohl eben­so re­gel­mä­ßig Po­li­ti­ker wie Sie ver­spre­chen, das än­dern zu wol­len. Ich könn­te auch vie­le Zi­ta­te von Un­ter­neh­mern brin­gen, die das Ge­gen­teil sa­gen, aber das bringt nichts. Na­tür­lich kön­nen wir noch bes­ser wer­den, da­her ar­bei­ten wir ja ge­ra­de an Re­for­men in der Ver­wal­tung, von der auch die Wirt­schaft pro­fi­tie­ren soll. Bei der al­le Ma­gis­trats­ab­tei­lun­gen auch zir­ka zehn Pro­zent ein­spa­ren sol­len. Wird das rei­chen, oder ist das nur ein Auf­takt zu wei­te­ren Spar­run­den? Wir wol­len Vor­schlä­ge für zehn Pro-

Re­na­te Brau­ner

war von 2007 bis 2015 Wi­ens Lan­des­haupt­mann-Stell­ver­tre­te­rin – ist seit 2007 SPÖ-Stadt­rä­tin für Finanzen, Wirt­schafts­po­li­tik und In­ter­na­tio­na­les. Sie ist da­zu Vor­sit­zen­de der Wie­ner SPÖ-Frau­en und gilt als mäch­tigs­te Frau in der Wie­ner SPÖ und engs­te Ver­trau­te des Bür­ger­meis­ters Micha­el Häupl.

Fi­nanz­aus­gleich

Der Fi­nanz­aus­gleich re­gelt die Auf­tei­lung der Fi­nanz­mit­tel des Staa­tes für Bund, Län­der und Ge­mein­den. Da­bei lob­by­ie­ren Wi­en und der Städ­te­bund für ei­ne Auf­tei­lung nach Auf­ga­ben. Das Ar­gu­ment: Städ­te er­fül­len auch über­re­gio­na­le Auf­ga­ben. Ei­ni­ge Län­der – al­len vor­an Nie­der­ös­ter­reich – ver­lan­gen ei­ne Auf­tei­lung pro Kopf. zent un­se­res ver­füg­ba­ren Bud­gets. Was da­von kon­kret um­ge­setzt wird, ent­schei­det dann aber die Po­li­tik. Im Zu­ge von Ein­spa­run­gen ha­ben die Stadt­wer­ke 800 Be­am­te teil­wei­se mit 55 Jah­ren in den Ru­he­stand ge­schickt. Jetzt res­sor­tie­ren die Stadt­wer­ke zwar nicht mehr bei Ih­nen, aber ehr­lich: Ist das nicht ein ver­hee­ren­des Si­gnal? War­um? Das war ein So­zi­al­plan, wie es ihn in vie­len Un­ter­neh­men gibt. Aber auf ei­ner recht­li­chen Grund­la­ge, die nur für Wie­ner Be­am­te gilt. Das ist doch nicht fair. War­um soll es nicht fair sein? Im­mer­hin acht­zig Pro­zent ha­ben Schwer­ar­beit- oder Schicht­dienst ge­macht. Sind wei­te­re sol­che Früh­pen­sio­nie­rungs­wel­len ge­plant? Das war ei­ne spe­zi­el­le Si­tua­ti­on, die mit dem Ener­gie­markt zu tun hat. Kön­nen Sie uns ei­gent­lich schlüs­sig er­klä­ren, war­um der Life Ball, der heu­er aus­fällt, trotz­dem für 2016 ei­ne Sub­ven­ti­on er­hält? Ers­tens macht der Life Ball ja heu­er nicht nichts, erst vor we­ni­gen Ta­gen gab es ei­ne gro­ße Ga­la. Und zwei­tens ha­ben wir uns be­reit er­klärt, die Grund­in­fra­struk­tur des Life Balls zu fi­nan­zie­ren – und wenn Ge­ry (Kes­z­ler) den Life Ball für 2017 neu er­fin­den will, braucht er die­se. Des­halb be­kommt er ei­ne Sub­ven­ti­on, die aber um die Hälf­te re­du­ziert wur­de. Die Ver­ei­nig­ten Büh­nen Wi­en ha­ben heu­er ein Plus von 1,3 Mil­lio­nen Eu­ro ge­schafft. In­ter­es­san­ter­wei­se wur­de ih­nen ge­nau die­se Sum­me für das ver­gan­ge­ne Jahr als Son­der­för­de­rung ge­währt. Dür­fen sie das Geld be­hal­ten? Sie müs­sen es so­gar be­hal­ten, weil sie Rück­la­gen bil­den müs­sen. Im Thea­ter­ge­schäft ist man eben ein­mal su­per er­folg­reich und dann wie­der nicht, da braucht es Spiel­raum. Wi­en wird nach lan­gem Wi­der­stand die Trans­pa­renz­da­ten­bank des Bun­des für För­de­run­gen im Um­welt­be­reich tes­ten. Wenn das funk­tio­niert, stei­gen Sie dann voll ein? Selbst­ver­ständ­lich.

Je­nis

Fi­nanz­stadt­rä­tin Re­na­te Brau­ner (SPÖ) gilt als mäch­tigs­te Frau im Wie­ner Rat­haus.

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