Graz, ein Jahr da­nach

Mor­gen jährt sich die Amok­fahrt durch die Gra­zer In­nen­stadt zum ers­ten Mal. Der All­tag ist wie­der­ge­kehrt, ver­ges­sen ist der schlimms­te Tag in der jün­ge­ren Stadt­ge­schich­te noch lan­ge nicht.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON MIR­JAM MA­RITS

Ein Clown mit ro­ter Na­se und über­gro­ßen Schu­hen formt Luft­bal­lon­tie­re, da­ne­ben sitzt sein klei­ner wei­ßer Hund, gleich bei der Stadt­pfarr­kir­che in der Her­ren­gas­se. Es ist ein strah­lend schö­ner Som­mer­tag im Ju­ni 2016, vie­le Men­schen schlen­dern durch die In­nen­stadt. Al­les wie im­mer.

Und doch hat sich et­was ver­än­dert, seit vo­ri­gem Jahr. Wohl je­der Gra­zer, je­de Gra­ze­rin, weiß, dass hier, gleich ne­ben der Stel­le, an der der Clown sei­ne Luft­bal­lon­tie­re ver­kauft, ein vier­jäh­ri­ger Bub und ei­ne Frau ihr Le­ben las­sen muss­ten. Dass ent­lang der Her­ren­gas­se und auf dem Haupt­platz am 20. Ju­ni 2015 Dut­zen­de Ver­letz­te la­gen, Kin­der in Pa­nik da­von­lie­fen, Men­schen ge­ra­de noch zur Sei­te sprin­gen konn­ten, als Alen R., selbst Va­ter zwei­er Kin­der, mit sei­nem Ge­län­de­wa­gen durch die In­nen­stadt ras­te: die Amok­fahrt, die Graz er­schüt­tert hat wie kein an­de­res Er­eig­nis in der jün­ge­ren Stadt­ge­schich­te.

Noch heu­te, ein Jahr spä­ter, müs­sen vie­le Be­woh­ner der Stadt an die Amok­fahrt den­ken, wenn sie durch die Her­ren­gas­se ge­hen, was so gut wie je­der Gra­zer häu­fig tut. An­ders als in Wi­en, wo vie­le Be­woh­ner zen­tra­le Or­te wie den Ste­phans­platz oder die Ma­ria­hil­fer Stra­ße nur sel­ten be­su­chen, ha- ben die In­nen­stadt und be­son­ders die Her­ren­gas­se ei­ne ganz be­son­de­re Stel­lung. Graz mag die zweit­größ­te Stadt Ös­ter­reichs sein, ihr Zen­trum ist klein, be­schau­lich, fried­lich. Das Herz der Stadt. Wenn der Gra­zer Bür­ger­meis­ter, Sieg­fried Nagl, von ei­nem „Herz­in­farkt“spricht, wenn er die Amok­fahrt be­schreibt, mag das pa­the­tisch klin­gen. Tref­fend ist es trotz­dem.

Oder wie es Ed­win Ben­ko, Lei­ter des stei­ri­schen Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­teams (KIT), das an je­nem Tag den in­ten­sivs­ten Ein­satz seit sei­ner Grün­dung hat­te, for­mu­liert: „Die Her­ren­gas­se ist so et­was wie das Wohn­zim­mer der Gra­zer.“35.000 Men­schen kom­men im Schnitt an ei­nem Sams­tag vor­bei, „das er­klärt den ho­hen Grad der Be­trof­fen­heit“. Weil auch je­der, der das Glück hat­te, an je­nem 20. Ju­ni um die Mit­tags­zeit nicht in der In­nen­stadt zu sein, weiß: Das hät­te ge­nau­so gut ihn tref­fen kön­nen. Fast je­der kennt je­man­den, der die Amok­fahrt mit­er­lebt hat, ihr knapp ent­kom­men ist oder in der Nä­he war. So er­gibt sich ei­ne sehr gro­ße Zahl an Men­schen, die sich be­trof­fen fühl­ten, auch wenn ih­nen selbst nichts pas­siert ist.

Die­ses Ge­fühl kol­lek­ti­ver Be­trof­fen­heit drück­te sich nicht nur in der Stim­mung aus – un­ver­gess­lich et­wa die un­glaub­li­che Stil­le, in der tau­sen­de Gra­zer in der Nacht nach der Amok­fahrt durch die Stadt gin­gen –, son­dern auch in Zah­len: 711 Men­schen such­ten das Be­treu­ungs­zen­trum der Kri­sen­in­ter­ven­ti­on auf, das von ur­sprüng­lich ei­nem Raum im Rat­haus auf fünf aus­ge­wei­tet wer­den muss­te. „Mit dem An­drang hat­ten wir nicht ge­rech­net“, sagt Ben­ko, „weil man die­sen Ort be­wusst su­chen und hin­ge­hen muss­te.“Hin­zu ka­men mehr als 1000 Ge­sprä­che, die die Mit­ar­bei­ter des KIT auf der Stra­ße ge­führt ha­ben. Der ers­te No­t­ruf. Be­gon­nen hat die Amok­fahrt ge­gen Mit­tag, als Alen R. am Gries­platz los­fuhr. Um 12.15 Uhr ging der ers­te No­t­ruf ein: ein Au­to­un­fall mit Fah­rer­flucht in der Zwei­gl­gas­se. Ein To­ter, ei­ne Schwer­ver­letz­te – wie man spä­ter er­fah­ren soll­te: ein frisch

J. J. Kucek

Ein Jahr nach der Amok­fahrt: Ed­win Ben­ko, Lei­ter des stei­ri­schen Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­teams, in der Gra­zer Her­ren­gas­se, durch die der Amok­fah­rer ras­te.

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