FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Österreich -

20. Ju­ni 2015.

Ge­gen Mit­tag be­ginnt Alen R. im Ge­län­de­wa­gen sei­nes Va­ters am Gra­zer Gries­platz sei­ne Amok­fahrt. In der Zwei­gl­gas­se fährt er ein jun­ges Paar nie­der, der Mann stirbt, die Frau wird schwer ver­letzt.

In der Graz­bach­gas­se

steigt er aus, at­ta­ckiert zwei Men­schen mit ei­nem Mes­ser und rast mit bis zu 100 km/h Rich­tung In­nen­stadt. Dort ver­letzt er Dut­zen­de Pas­san­ten, ein vier­jäh­ri­ger Bub und ei­ne Frau, die erst Wo­chen spä­ter iden­ti­fi­ziert wer­den kann, ster­ben auf Hö­he der Stadt­pfarr­kir­che. Vor der Po­li­zei­sta­ti­on in der Schmied­gas­se en­det die Amok­fahrt. Alen R. steigt aus und wird fest­ge­nom­men.

Heu­te, Sonn­tag,

fin­det in der Stadt­pfarr­kir­che ei­ne Ge­denk­mes­se statt (10 Uhr). Mor­gen, Mon­tag, lädt Bür­ger­meis­ter Nagl un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit An­ge­hö­ri­ge und Op­fer zu ei­ner Ge­denk­ver­an­stal­tung. Im Graz Mu­se­um lie­gen mor­gen die Kon­do­lenz­bü­cher aus dem Vor­jahr für die Gra­zer auf. (10 bis 20 Uhr). ver­hei­ra­te­tes jun­ges Paar. Wel­ches Aus­maß die­se Tra­gö­die neh­men wür­de, war in die­sen Mi­nu­ten noch nicht er­kenn­bar. Auch nicht für Bür­ger­meis­ter Nagl, der auf dem­sel­ben Weg wie der Amok­fah­rer auf sei­ner Ve­s­pa un­ter­wegs war und im Rück­spie­gel sah, wie ihn der Fah­rer an­vi­sier­te. Beim Über­ho­len ei­nes Au­tos „hat er die lin­ke Sei­te ge­nom­men, ich die rech­te, ich hat­te Glück“, er­in­nert sich Nagl. „Mein ers­ter Ge­dan­ke war: Ich muss Ers­te Hil­fe leis­ten. Mein Zwei­ter: Der be­geht Fah­rer­flucht.“Als Alen R. ge­zielt ei­nen wei­te­ren Mann an­fuhr, „war mir klar, dass das ei­ne Wahn­sinns­fahrt wird. Ich ha­be ge­hofft, dass er Rich­tung Au­to­bahn fah­ren wird. Aber er hat das Ge­gen­teil ge­tan.“

15 Mi­nu­ten da­nach weiß das Ro­te Kreuz schon von 30 bis 40 Ver­letz­ten. Wei­te­re 15 Mi­nu­ten spä­ter kommt die Mel­dung, dass sich der Len­ker vor der Po­li­zei­sta­ti­on in der Schmied­gas­se, ums Eck vom Haupt­platz, ge­stellt ha­be. 30 Mi­nu­ten, in de­nen drei Men­schen star­ben, 36 zum Teil sehr schwer ver­letzt wur­den. 110 Men­schen schei­nen in den Ak­ten als Be­trof­fe­ne auf – auch je­ne, die in Le­bens­ge­fahr wa­ren und sich knapp ret­ten konn­ten.

Auch wenn sich ei­ni­ge Ver­letz­te „bes­ser er­holt ha­ben, als es die Pro­gno­se ver­mu­ten ließ, darf das nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass sie ihr Le­ben lang an den Fol­gen lei­den wer­den“, sagt Nagl. Im­mer noch sind zahl­rei­che Op­fer in psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Be­hand­lung, de­ren Kos­ten die Stadt über­nimmt. Of­fi­zi­ell ge­trau­ert hat Graz ge­nau ei­ne Wo­che lang. Dann wur­den die Ker­zen­mee­re von der Her­ren­gas­se in die Stadt­pfarr­kir­che ge­tra­gen, da­mit die Stra­ßen ge­rei­nigt wer­den konn­ten, der All­tag zu­rück­keh­ren durf­te. „Der All­tag ist wich­tig“, sagt KIT-Lei­ter Ben­ko, selbst Psy­cho­the­ra­peut. „Er er­in­nert ei­nen da­ran, wie es vor­her war. Es geht nicht um das Ver­ges­sen, son­dern dar­um, dass man das, was man er­lebt hat, in sein Le­ben in­te­griert. All­tag hilft da­bei.“

Vie­le Gra­zer mie­den die In­nen­stadt nach der Amok­fahrt ei­ne Zeit lang.

So schien Graz ei­ne Wo­che nach der Amok­fahrt wie­der wie frü­her. Äu­ßer­lich. Trotz­dem hät­ten vie­le Gra­zer, ei­ne Zeit lang die In­nen­stadt ge­mie­den, er­zählt Ben­ko. Woll­ten sich lan­ge Zeit nicht in die Gast­gär­ten set­zen, ne­ben de­nen Alen R. Men­schen nie­der­ge­fah­ren hat­te. Ei­ni­ge Mit­ar­bei­ter der Ge­schäf­te woll­ten wie­der ar­bei­ten ge­hen, trau­ten sich aber nicht in die Stadt. „Un­se­re Mit­ar­bei­ter ha­ben sie zu­hau­se ab­ge­holt und in die Ar­beit ge­bracht.“

Für die eh­ren­amt­li­chen Hel­fer des Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­teams war es ein her­aus­for­dern­der Ein­satz, „mit

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