»Es wird noch viel mehr auf uns zu­kom­men«

Der Gra­zer Bür­ger­meis­ter, Sieg­fried Nagl, for­dert hö­he­re Stra­fen bei Ver­bre­chen wie der Amok­fahrt.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON MIR­JAM MA­RITS

nichts da­vor ver­gleich­bar“. Nor­ma­ler­wei­se ist das KIT-Team nach ei­nem Un­fall ein paar St­un­den im Ein­satz, in Graz soll­ten es neun Ta­ge wer­den. Weil die Ge­sprä­che so in­ten­siv wa­ren, wur­den die Di­enst­zei­ten von zwölf auf sechs St­un­den re­du­ziert. An­ders als bei Un­fäl­len, bei de­nen man Op­fer und An­ge­hö­ri­ge be­treut, war das Feld der Be­trof­fe­nen viel brei­ter: von den Mit­ar­bei­tern des Stra­ßen­diens­tes, die die Stra­ßen rei­ni­gen, das Blut weg­wa­schen muss­ten, bis zu den Por­tie­ren im Rat­haus, die viel Leid mit­be­kom­men ha­ben. Kei­ner hat die Hil­fe ab­ge­lehnt. 140 Mit­ar­bei­ter des KIT wa­ren im Ein­satz, bis zu 60 gleich­zei­tig. Und zwar ab der ers­ten Mi­nu­te. Un­bü­ro­kra­tisch. Un­ter den vie­len Men­schen, die an die­sem war­men Ju­ni­tag in der In­nen­stadt wa­ren, be­fan­den sich näm­lich – auch das cha­rak­te­ris­tisch für Graz – zahl­rei­che Ärz­te, Sa­ni­tä­ter und KIT-Mit­ar­bei­ter, die so­fort mit der Ver­sor­gung be­gin­nen konn­ten. Das Ca­fe´ Sa­cher wur­de kurz­fris­tig zum Stand­ort für die Kri­sen­in­ter­ven­ti­on, die Feu­er­wehr stell­te ei­nen Con­tai­ner auf, in den sich Men­schen zum Trau­ern zu­rück­zie­hen konn­ten. Der Ver­band der Psy­cho­the­ra­peu­ten bot so­fort The­ra­pie­stun­den an. Ei­ne Hot­li­ne für sämt­li­che An­lie­gen, von fi­nan­zi­el­ler Hil­fe bis zur Su­che nach ver­lo­re­nen Ge­gen­stän­den, wur­de ein­ge­rich­tet. Al­les ha­be, er­in­nert sich Ben­ko, un­glaub­lich schnell und un­bü­ro­kra­tisch funk­tio­niert. „Je­der hat mit­ge­hol­fen“, sagt Nagl. „Es war schön, zu se­hen, dass man sich im Ernst­fall auf die Ge­mein­schaft ver­las­sen kann.“ Kein Schluss­strich. Sind die Er­eig­nis­se mitt­ler­wei­le ver­ar­bei­tet? Re­det man mit Gra­zern, kla­gen vie­le dar­über, dass der Tä­ter noch im­mer nicht vor Ge­richt stand (sie­he ne­ben­ste­hen­den Ar­ti­kel). Ja, schlim­mer: dass ihm, da nicht zu­rech­nungs­fä­hig, ei­ne Ge­fäng­nis­stra­fe er­spart blei­ben könn­te. Vie­le hät­ten den Ein­druck, so Ben­ko, dass ei­ne Ein­wei­sung „kei­ne Stra­fe ist, auch wenn das nicht stimmt“. Der Wunsch der Be­trof­fe­nen sei hier ein­deu­tig: „Sie wol­len das ab­schlie­ßen, wün­schen sich ein Ge­richts­ver­fah­ren mit ei­ner kla­ren Ver­ur­tei­lung.“Soll­te es nicht da­zu kom­men, wird für vie­le der Schluss­strich un­ter der Amok­fahrt vom 20. Ju­ni feh­len.

Ver­ges­sen wird Graz die Er­eig­nis­se wohl lan­ge nicht. Wenn ir­gend­wo ein Mo­tor auf­heult, Rei­fen quiet­schen, fah­ren vie­le vor Schreck im­mer noch zu­sam­men. „Da geht es mir nicht an­ders“, sagt Nagl. „In die­sem Punkt bleibt man si­cher trau­ma­ti­siert.“ Am Abend der Amok­fahrt mein­ten Sie, es wer­de lan­ge dau­ern, bis Graz die­sen Tag ver­ar­bei­tet hat. Ist es ein Jahr da­nach so­weit? Sieg­fried Nagl: Die Amok­fahrt ist in Graz im­mer noch ein gro­ßes The­ma, auch, weil es noch kei­ne Ge­richts­ver­hand­lung ge­ge­ben hat. Je­de Wo­che rich­tet ir­gend­wo auf der Welt ein Amok­läu­fer dra­ma­ti­schen Scha­den an, das bringt uns im­mer wie­der in Er­in­ne­rung, was vor ei­nem Jahr in Graz pas­siert ist. Aber es ist po­si­tiv zu se­hen, dass heu­te Fa­mi­li­en wie­der in der Her­ren­gas­se ein­kau­fen, Kin­der ihr Eis es­sen. Sie for­der­ten auch, dass die Ge­sell­schaft bes­ser hin­hö­ren müs­se, um der­ar­ti­ge Ta­ten zu ver­hin­dern. Hat sich die Ge­sell­schaft da­hin­ge­hend ver­än­dert? Ich glau­be, dass die Men­schen in der Stadt auf­merk­sa­mer ge­wor­den sind. Beim Män­ner­not­ruf et­wa ge­hen im­mer mehr An­ru­fe von Frau­en ein, die mel­den, dass je­mand sich oder an­de­ren et-

Sieg­fried Nagl,

Jahr­gang 1963, ist seit 2003 ÖVP-Bür­ger­meis­ter der Stadt Graz, da­vor war er jah­re­lang Stadt­rat (u. a. für Finanzen). Nagl ist ver­hei­ra­tet und hat vier Kin­der.

Am 20. Ju­ni 2015

war Nagl Au­gen­zeu­ge der Amok­fahrt und ent­kam dem Fah­rer nur knapp. was an­tun könn­te. Die Ge­sell­schaft muss das wie­der ent­de­cken, was in der An­ti­ke As­ke­se ge­nannt wur­de. Es ge­hö­ren Pau­sen da­zu, ei­ne an­de­rer Um­gang mit­ein­an­der, ei­ne an­de­re Spra­che. Es geht aber ge­nau in die an­de­re Rich­tung, al­lein wenn ich mir die Spra­che im In­ter­net an­schaue. Da­her glau­be ich, dass noch viel mehr auf uns zu­kom­men wird. Sie ha­ben kri­ti­siert, dass der Amok­fah­rer als nicht zu­rech­nungs­fä­hig gilt. Ich hal­te es für un­er­träg­lich, dass es pas­sie­ren könn­te, dass je­mand, der ei­ne sol­che Tat be­gan­gen hat, nach ein, zwei oder auch zehn Jah­ren als ge­sund gilt und für die­se Tat nicht mehr zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den kann. Ich ha­be in Graz kei­nen Men­schen ge­trof­fen, der an­de­rer Meinung wä­re. Die Recht­spre­chung lau­tet an­ders. Un­ser Straf­aus­maß bei Ver­bre­chen ge­gen Leib und Le­ben ist viel zu ge­ring. Ich ha­be da­her ei­nen dring­li­chen An­trag im Ge­mein­de­rat an den Jus­tiz­mi­nis­ter ein­ge­bracht, dass das jet­zi­ge Sys­tem ge­än­dert wer­den muss. Wenn je­mand ei­ne sol­che Tat be­geht, wün­sche ich mir ei­ne Ver­ur­tei­lung mit vol­lem Straf­aus­maß. Dann kann ge­klärt wer­den, ob er psy­chisch krank ist, und wird in ei­ner ge­schlos­se­nen An­stalt un­ter­ge­bracht. Soll­te er dann ge­sun­den, soll­te er aber nicht so wie jetzt wie­der frei­kom­men, son­dern sei­ne Stra­fe ab­sit­zen. Sie konn­ten dem Amok­fah­rer knapp ent­kom­men. Ha­ben Sie, wie vie­le Gra­zer, psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe in An­spruch ge­nom­men? Nein, ich hat­te sehr vie­le Ge­le­gen­hei­ten, mit Men­schen dar­über zu re­den, das hat mir sehr ge­hol­fen. Es war als Po­li­ti­ker ei­ne in­ter­es­san­te Er­fah­rung, zu se­hen, dass man die ei­ge­ne Be­trof­fen­heit auch zei­gen kann. In der Po­li­tik ver­sucht man sonst ja eher im­mer, den star­ken Mann zu spie­len.

An­ge­hö­ri­ge und Op­fer wün­schen sich ei­ne kla­re Ver­ur­tei­lung des Fah­rers.

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