Das neue al­te Rpelãs­tãe­wusst­sein

Chris­ti­an Schil­hans Werk­statt ist die ers­te Adres­se für re­stau­rier­te me­cha­ni­sche Schreib­ma­schi­nen – so man ihn von der ei­ge­nen Lei­den­schaft für das ana­lo­ge Wort über­zeu­gen kann.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Zu­erst sei­en die jun­gen, in­tel­lek­tu­el­len Frau­en ge­kom­men. Ver­tre­te­rin­nen der Ge­ne­ra­ti­on Y, mit al­len di­gi­ta­len Was­sern ge­wa­schen. Ver­tre­te­rin­nen ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die ei­nen Lap­top nicht mehr als Sta­tus­sym­bol, son­dern als selbst­ver­ständ­li­ches Werk­zeug be­greift. Um die Jahr­tau­send­wen­de be­gann der Rück­wärts­trend. Ab da stan­den im­mer öf­ter rat­lo­se El­tern im Ge­schäft von Schreib­ma­schi­nen­ver­käu­fer und -re­stau­ra­tor Chris­ti­an Schil­han. „Un­se­re Toch­ter hat al­les, aber sie will ei­ne Schreib­ma­schi­ne“, sag­ten sie ach­sel­zu­ckend. Er hät­te ih­nen dann im Na­men ih­rer Toch­ter er­klä­ren müs­sen, dass es im Zeit­al­ter von vir­tu­el­len Wol­ken und An­dro­id-Sys­te­men nicht dar­um geht, al­les zu ha­ben. Son­dern ei­ne ein­fach zu be­die­nen­de Ma­schi­ne, die kei­ne tech­ni­schen Mätz­chen macht, kei­nen Strom und we­nig Tin­te braucht, die nö­ti­ge Ent­schleu­ni­gung bringt.

Heu­te ist Schil­hans Werk­statt in der Wie­ner Ro­chus­gas­se Aus­gangs­punkt un­ge­wöhn­li­cher Ex­pe­di­tio­nen. Rund ums Jahr sucht der 50-Jäh­ri­ge für Kun­den al­ler Al­ters­klas­sen ma­nu­el­le oder elek­tri­sche Schreib­ma­schi­nen, die noch nie oder so gut wie nie in Be­trieb ge­nom­men wur­den. Gra­zil mo­del­lier­te aus den 20er- und 30er-Jah­ren, mit ei­nem Sei­ten­re­lief wie dem al­ter Näh­ma­schi­nen. De­sign­stü­cke wie die ro­te Va­len­ti­ne von Oli­vet­ti, Bau­jahr ’68. Oder die tech­nisch aus­ge­reif­te Olym­pia Mo­ni­ca, auf der „man un­end­lich mü­he­los schreibt“. Ob die Kun­den beim Ein­tre­ten im­mer wüss­ten, was sie für ein Mo­dell wol­len? „Jein. Man muss die Leu­te oft erst da­zu brin­gen, dass sie ehr­lich sa­gen, wie viel und was sie schrei­ben.“ Se­pia­far­be­ne Re­mi­nis­zenz. Die von ihm selbst hoch­ge­schät­ze Mo­ni­ca, ein „Viech“wie Schil­han an­ge­sichts ih­rer Ro­bust­heit lie­be­voll an­merkt, stand frü­her in je­dem Po­li­zei­re­vier. 24 St­un­den am Tag wur­den An­zei­gen in sie hin­ein­ge­häm­mert. Un­wei­ger­lich stei­gen se­pia­far­be­ne Bil­der von blau­duns­ti­gen Wach­stu­ben mit tief­hän­gen­den Glüh­bir­nen vor dem geis­ti­gen Au­ge auf. Kun­den, die Mo­ni­ca und ih­re tech­nisch aus­ge­reif­ten Kol­le­gin­nen aus den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern heu­te schät­zen, sind sel­ten Po­li­zis­ten, meis­tens aus der schrei­ben­den Zunft. An­de­ren, die kei­ne Ro­ma­ne, son­dern le­dig­lich manch­mal ei­nen Brief ver­fas­sen wol­len, emp­fiehlt Schil­han wie­der­um die gra­zi­len Mi­nia­tur­rei­se­schreib­ma­schi­nen. Wenn man auf sol­chen ein Buch schreibt, sei das aber in et­wa, wie auf ei­nem Klapp­rad nach Rio zu fah­ren – selbst wenn He­ming­way auf sei­ner gra­zi­len Co­ro­na Klas­si­ker wie „Wem die St­un­de schlägt“schrieb.

Ein­mal ge­fun­den – „Wie, ist mein Ge­heim­nis“–, legt Schil­han die aus­ein­an­der­ge­bau­ten Ma­schi­nen wie an­no da­zu­mal in ein Ben­zin­bad ein, wäscht sie mit ei­nem Pin­sel, bläst sie mit Press­luft sau­ber, ölt und fet­tet sie ein und er­setzt, wenn nö­tig, die Gum­mi­tei­le. Zwei bis sechs St­un­den braucht so ein Ser­vice. Da­für ver­langt Schil­han im Fall der Mo­ni­ca rund 500 Eu­ro. „Da ist al­les ab­ge­deckt, auch die Such­ge­schich­te.“Wo­bei nicht je­der al­les bei ihm kau­fen kön­ne, be­tont er. Bei den be­son­ders ra­ren Ein­zel­stü­cken wie der feu­er­ro­ten Con­ti­nen­tal in sei­ner Aus­la­ge müs­se ihm der Kun­de be­wei­sen, dass er für sie ge­nau­so brennt wie Schil­han selbst.

Ihm wur­de die Lei­den­schaft für das Ma­nu­el­le, Ana­lo­ge in die Wie­ge ge­legt. 1930 grün­de­te Groß­va­ter Jo­hann das Bü­ro­ma­schi­nen­ge­schäft in der Ro­chus­gas­se. In­mit­ten der Re­zes­si­on und mit nur ei­nem Bein – das an­de­re hat­te ihm ei­ne Stra­ßen­bahn ab­ge­trennt – bau­te er es er­folg­reich auf und dient dem En­kel seit­her als ro­bus­tes Vor­bild. In den Acht­zi­gern nicht in den Fa­mi­li­en­be­trieb ein­zu­stei­gen, wä­re ei­ner „Kin­des­weg­le­gung“gleich ge­kom­men, sagt Schil­han rück­bli­ckend. Auch wenn er sich für Fo­to­gra­fie und Mu­sik in­ter­es­sier­te, blieb er der Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on treu, ab­sol­vier­te ei­ne Leh­re zum Fein­me­cha­ni­ker und ar­bei­te­te ei­ni­ge Jah­re in den Olym­pia-Schreib­ma­schi­nen­wer­ken in Lie­sing. Die Er­in­ne­rung an den Ge­ruch von Ben­zin und Spi­ri­tus aus der Kind­heit war zu prä­sent, der Wunsch des Groß­va­ters und Grün­ders zu über­zeu­gend. Auch wenn er nie ge­drängt wur­de, sein Va­ter im Ge­gen­teil vom Be­ruf ab­riet, ha­be es eben „kei­nen an­de­ren Weg ge­ge­ben“. Mehr­glei­sig­kei­ten. Heu­te re­pa­rie­ren und ver­kau­fen Chris­ti­an Schil­han und sein Va­ter Heinz nicht aus­schließ­lich Schreib­ma­schi­nen, son­dern auch die neu­es­ten Dru­cker, Ko­pie­rer und Fax­ge­rä­te. „Mehr­glei­sig fah­ren“nennt Schil­han das. Von Schreib­ma­schi­nen al­lein kön­ne man schließ­lich nicht le­ben. Man merkt, dass er ein ge­spal­te­nes Ver­hält­nis zu den Bü­ro­ma­schi­nen der neu­en Ge­ne­ra­ti­on hat. „Da­durch, dass wir mit ei­nem Fuß so tief in der Zeit ste­hen, graust mir vor der mo­der­nen Tech­nik und ih­rer Kurz­le­big­keit.“Aber das Ge­samt­pa­ket ma­che es eben aus, dass es das Ge­schäft seit nun­mehr fast neun­zig Jah­ren gibt. Sei­nem Sohn ha­be er den­noch, wie schon sein Va­ter ihm da­mals, von dem Be­ruf ab­ge­ra­ten – zu „ka­putt“sei die Bran­che heu­te, zu mit­tel­mä­ßig die Qua­li­tät der gro­ßen Fir­men, die ih­re Pro­duk­te in der Fer­ne pro­du­zie­ren und zu Tief­prei­sen auf den Markt wer­fen wür­den.

In sei­nem Ge­schäft kann er dem Trend mit selbst ein­ge­führ­ten Qua­li­täts­schran­ken ge­gen­steu­ern. Je­des Ge­rät wird auf Herz und Nie­ren ge­tes­tet, be­vor er es in sein Sor­ti­ment auf­nimmt. Und als letz­ten Schreib­ma­schi­nen­re­pa­ra­teur Wi­ens er­rei­chen Schil­han auch ge­nug Auf­trä­ge die­ser Art aus Ös­ter­reich und den Nach­bar­län­dern. Seit Jän­ner hät­ten er und sein Va­ter be­reits 90 Schreib­ma­schi­nen re­pa­riert, schätzt Schil­han.

Was ihn be­son­ders freut, ist der Sin­nes­wan­del un­ter den Kun­den. Ka­men in den ers­ten Boom-Jah­ren des Com­pu­ters man­che gar nicht ganz zur Tür her­ein und raun­ten ver­stoh­len durch den Spalt, ob man denn auch noch Schreib­ma­schi­nen her­rich­te, ha­be sich das voll­kom­men ge­wan­delt. „Das Selbst­be­wusst­sein ist zu­rück“, stellt Schil­han fest. Heu­te sei der stol­ze Te­nor: „Ich ha­be al­les, aber ich schrei­be am liebs­ten auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne.“

»Mir graust vor der mo­der­nen Tech­nik und ih­rer Kurz­le­big­keit.«

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