»Was wir ma­chen, war frü­her ver­pönt«

Sie dru­cken Schrif­ten tief ins Pa­pier und las­sen da­mit das Herz von hap­tisch ori­en­tier­ten Men­schen ju­beln. Mit ih­rem Ori­gi­nal Hei­del­ber­ger Tie­gel ver­schaf­fen Schön­druck Let­ter­press ei­nem al­ten Hand­werk wie­der neue An­er­ken­nung.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON EVA WINROITHER

Der schöns­te Mo­ment ist für die bei­den, wenn sich die Ma­schi­ne in Be­we­gung setzt. 1,1 Ton­nen fan­gen dann zu ar­bei­ten an. Roh­re und He­bel be­gin­nen sich zu be­we­gen, klei­ne Greif­ar­me he­ben das Pa­pier und drü­cken es auf die Form. Laut ist die Ma­schi­ne, aber sie klingt fein – ein leich­tes Schmat­zen und Pfei­fen, ein biss­chen wie ei­ne Dampf­ma­schi­ne, nur oh­ne Dampf. Das schwar­ze Me­tall glänzt, als ge­hö­re es zu ei­nem gut in Schuss ge­hal­te­nen Old­ti­mer. Und ir­gend­wie stimmt das auch. Die Ma­schi­ne, die vor Mar­tin Brand­ho­fer und sei­ner Part­ne­rin Con­ny Vr­bi­cky steht, ist ein Ori­gi­nal Hei­del­ber­ger Tie­gel. Ei­ne Buch­druck­ma­schi­ne aus dem Jahr 1964, al­so knapp 52 Jah­re alt.

Vor zwei Jah­ren ha­ben Mar­tin Brand­ho­fer und Con­ny Vr­bi­cky das ers­te Mal mit ihr ge­druckt. Let­ter­press ist Prä­gen mit Tief­gang. Es boomt seit fünf Jah­ren in Ös­ter­reich so rich­tig. In Far­be (oder auch oh­ne) wird auf Pa­pier so fest ge­druckt, dass die Schrift tief ins Pa­pier ge­stanzt wird. Ein Fest für je­den Hap­ti­ker, wenn er mit dem Dau­men dar­über­streicht. Druck auch auf Ser­vi­et­ten. Hap­tisch geht es auch in der klei­nen Werk­statt von Schön­druck Let­ter­press in der Mol­lard­gas­se zu, wo der 1,1 Ton­nen schwe­re Tie­gel („Bei dem Ge­wicht über­legst du dir ganz ge­nau, wo du die Ma­schi­ne hin­stellst“, O-Ton Brand­ho­fer) schön sicht­bar an der Wand steht. Die klei­ne Werk­statt be­fin­det sich in der Mol­lard­gas­se 85A – hier sind noch an­de­re Krea­tiv­be­trie­be be­hei­ma­tet. Die­sen Ort als Bü­ro ha­ben sich die bei­den schon im­mer ge­wünscht. Zwei­bis drei­mal im Jahr ha­be sich Brand­ho­fer Jah­re vor dem Be­zug der Werk­statt bei der Haus­ver­wal­tung ge­mel­det – bis die­se schließ­lich grü­nes Licht gab. Es sei ein Platz frei.

Auf dem Tisch ne­ben der Dru­cker­pres­se lie­gen die ver­schie­de­ne Drucks­or­ten, z. B für Auf­trä­ge, die die bei­den schon er­le­digt ha­ben. Da gibt es Hoch­zeits­ein­la­dun­gen, die wie ei­ne Post­kar­te vorn und hin­ten be­druckt sind. Die ein­ge­präg­ten Schrif­ten sind meist rot oder blau, manch­mal auch grün. Da­ne­ben gibt es Vi­si­ten­kar­ten, an­de­re Ein­la­dun­gen, Eti­ket­ten, so­gar ei­ne Ser­vi­et­te ha­ben die bei­den schon mit ei­nem Ti­ger­kopf be­druckt. „Wir woll­ten wis­sen, ob das geht“, er­klärt Vr­bi­cky.

Aus­pro­bie­ren und sich an den Pro­duk­ten er­freu­en – für die bei­den ist das Ar­beit und Hob­by zugleich. Ih­re Dru­cker­pres­se wer­fen die bei­den näm­lich nur im Ne­ben­job an. Auch wenn sich die Lei­den­schaft für Ge­druck­tes durch ihr gan­zes Le­ben zieht. Sie ist Lek­to­rin für Ma­ga­zi­ne und macht die Un­ter­ti­tel für Ge­hör­lö­se beim ORF. Er ist für die Pro­duk­ti­on der Ma­ga­zi­ne des Red Bul­lMe­dia Hou­se zu­stän­dig. Den Wunsch, so ei­ne Ma­schi­ne zu be­sit­zen, heg­ten die bei­de da­her schon lan­ge. Brand­ho- fer hat auf der Gra­fi­schen sei­nen Ab­schluss ge­macht und noch ge­lernt, mit sol­chen Ma­schi­nen um­zu­ge­hen. Die Ma­tu­ra kommt ei­ner Lehr­ab­schluss­prü­fung gleich. Gaut­schen in­be­grif­fen. Das ist ein al­ter Buch­dru­cker­brauch, bei dem ein Lehr­ling nach be­stan­de­ner Prü­fung in Was­ser- und Farb­bot­ti­che ge­taucht und mit Schwäm­men be­ar­bei­tet wird. „Da­mit wur­den auch die Sün­den aus der Leh­re ab­ge­wa­schen“, er­zählt Vr­bi­cky. Brand­ho­fers Gaut­schur­kun­de hängt je­den­falls gut sicht­bar (in­klu­si­ve ei­nem Stück Schwamm) und mit Wachs be­sie­gelt an der Wand. Ein An­ge­bot auf Ebay. Trotz­dem soll­te es noch Jah­re (und Ab­ste­cher in Dru­cke­rei­en und Wer­be­agen­tu­ren) dau­ern, bis die bei­den zu ih­rer Dru­cker­pres­se kom­men wür­den. Vor knapp drei Jah­ren fan­den sie schließ­lich ein nicht aus­schlag­ba­res An­ge­bot auf Ebay. Die Ma­schi­ne war zwar bil­lig, aber in was für ei­nem Zu­stand. „140 Putz­stun­den ha­ben wir in­ves­tiert. Wir ha­ben ge­putzt wie die Ir­ren“, er­in­nert Vr­bi­cky sich. Die Ma­schi­ne kam de fac­to in al­le Ein­zel­tei­le zer­legt, muss­te ge­säu­bert und neu auf­ge­baut wer­den. All das ha­ben sie mit Fo­tos do­ku­men­tiert.

Jetzt steht der Tie­gel so sau­ber und in Schuss im Raum, als wä­re er neu. „So­gar der Mit­ar­bei­ter der Fir­ma, die uns beim Auf­bau­en ge­hol­fen hat, hat ge­meint, so ei­nen sau­be­ren Tie­gel ha­be er schon lan­ge nicht mehr ge­se­hen“, er­zählt Brand­ho­fer. Ein­mal die Wo­che neh­men die bei­den nun im Schnitt ei­nen Auf­trag ent­ge­gen. Die Lay­outs brin­gen die Leu­te teils sel­ber mit, teils ma­chen sie sie am Com­pu­ter.

Dann wird das Pa­pier aus­ge­sucht, dann die Far­be. Je­de neue Far­be be­deu­tet, das Pa­pier neu ein­zu­span­nen. Mit ge­wal­ti­gem Druck wird die Far­be schließ­lich auf das Pa­pier ge­presst, so­dass die ty­pi­sche tie­fe Prä­gung ent­steht, die mitt­ler­wei­le al­le ent­zückt – und die frü­her al­les an­de­re als be­liebt war. „Was wir jetzt ma­chen, war frü­her ver­pönt. Die Far­be durf­te das Pa­pier nur küs­sen“, er­zählt Brand­ho­fer. Und wenn sich auf der Rück­sei­te das Pa­pier doch durch­wölb­te, hieß es gleich: „Wir dru­cken ja nicht für Blin­de.“ Das Pa­pier nur küs­sen. Heut­zu­ta­ge stört das kei­nen mehr, oder das Pa­pier wird so dick aus­ge­wählt, dass sich nach hin­ten nichts mehr durch­wöl­ben kann. Wenn die bei­den spre­chen, dann schwingt auch im­mer Be­wun­de­rung für das al­te Dru­cker­hand­werk mit. „Das wa­ren ech­te Künst­ler“, sagt Brand­ho­fer. Die Blei­buch­sta­ben rich­tig ein­zu­set­zen, so­dass sie gleich­mä­ßig druck­ten, da­zu brauch­te es ech­tes Wis­sen und Ge­schick. Mit Blei­let­tern ar­bei­ten die bei­den frei­lich nicht. Sie ver­wen­den ei­ne Me­tall­plat­te, bei der die Druck­form mit Licht in Kunst­stoff aus­ge­här­tet wird. Dann wird das Gan­ze in die Ma­schi­ne ein­ge­spannt, der gro­ße He­bel wird be­tä­tigt. Vr­bi­cky stellt sich vor die lau­fen­de Ma­schi­ne und blickt die He­bel und Rä­der an, die auf und ab ge­hen: „Die Ma­schi­nen­bau­er wa­ren ech­te Ge­nies“, sagt sie. Im Ge­gen­satz zu Brand­ho­fer, der den Buch­druck in der Schu­le ge­lernt hat, ha­be sie „al­les, was das The­ma be­trifft, auf­ge­so­gen wie ein Schwamm“.

Die Blei­buch­sta­ben rich­tig ein­zu­set­zen, da­zu brauch­te es ech­tes Wis­sen und Ge­schick. Bloß kei­nen Druck aus­üben: Die Far­be durf­te das Pa­pier frü­her nur küs­sen.

Mitt­ler­wei­le ken­nen die bei­den je­de Schrau­be, je­den He­bel aus­wen­dig. Frei­lich auch we­gen des Put­zens, sagt Vr­bi­cky und lacht. Das Pa­pier, das sie ver­wen­den, kommt so­wohl aus Ös­ter­reich als auch als Deutsch­land. Span­nend fin­den die bei­den im­mer, wenn die Kun­den mit ei­ner Idee kom­men und sich dann vor Ort um­entschei­den. „Da wird dann aus ei­ner zu­sam­men­faltba­ren Ein­la­dung plötz­lich ei­ne Kar­te“, sagt Vr­bi­cky. Die Hap­tik ist schuld. Der Preis va­ri­iert, ab­hän­gig von Stück­zahl, Pa­pier, For­mat und An­zahl der Far­ben. Die Ma­schi­ne selbst, sagt Vr­bi­cky, sei an sich näm­lich pfle­ge­leicht. „Die wird uns über­le­ben“, fügt sie hin­zu. Sol­che Ma­schi­nen sei­en für die Ewig­keit ge­macht.

Sta­nis­lav Je­nis

Con­ny Vr­bi­cky und Mar­tin Brand­ho­fer vor dem Hei­del­ber­ger Tie­gel.

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