Vor lan­ger, lan­ger Zeit

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Man schrieb den 24. Sep­tem­ber 1369. Auf den Tag ge­nau vor fünf Jah­ren war dem Markt Schär­ding von den Habs­bur­gern zum zwei­ten Mal in der Ge­schich­te das Stadt­recht ver­lie­hen wor­den. Trotz­dem war nie­man­dem zum Fei­ern zu­mu­te, denn das Ge­rücht ging um, dass der Ort an die Bay­ern zu­rück­fal­len soll­te. Vie­le der Bür­ger fürch­te­ten um ih­re Pri­vi­le­gi­en, die sie sich durch die Treue zu den Habs­bur­gern er­wor­ben hat­ten. Im­mer wie­der kam es zu Über­grif­fen ge­gen die bay­ri­schen Ab­ge­sand­ten, die sich seit ei­ni­gen Mo­na­ten in der Stadt auf­hiel­ten.

Den­noch war es un­ge­wöhn­lich, dass ihn sein Herr be­reits im Mor­gen­grau­en zu sich be­fahl. „Ihr seid der Ers­te, der da­von er­fährt. Der Un­ter­händ­ler des Burg­gra­fen von Nürn­berg ist heu­te Nacht er­schla­gen und aus­ge­raubt wor­den.“Denk schau­te Ves­ten­dorf er­schro­cken an. „Der Schul­di­ge muss um­ge­hend ge­fun­den und den Bay­ern aus­ge­lie­fert wer­den. Sonst Gna­de uns Gott!“Denk wuss­te, was der Rich­ter mein­te. Soll­te Schär­ding tat­säch­lich wie­der an die Bay­ern ver­pfän­det wer­den, wür­den die­se den Mord an ih­rem Ge­sand­ten nicht un­ge­sühnt las­sen.

„Und was ha­be ich da­mit zu schaf­fen?“– „Er hat doch ge­wis­se kri­mi­na­lis­ti­sche Fä­hig­kei­ten. Wir er­war­ten von ihm, dass er un­ver­züg­lich das Ver­bre­chen auf­klärt.“– „Habt Ihr we­nigs­tens ei­nen Ver­dacht, wer das ge­tan ha­ben könn­te?“– „Nun, we­gen der be­vor­ste­hen­den Fei­er­lich­kei­ten la­gert al­ler­hand Ges­in­del vor den Stadt­to­ren. Auch scheint mir die­ser Said durch­aus fä­hig, ei­ne Tat wie die­se zu be­ge­hen.“Said war ein Mau­re aus dem fer­nen Spa­ni­en, der sich vor ei­ni­gen Jah­ren in Schär­ding nie­der­ge­las­sen hat­te. „War­um ver­däch­tigt Ihr ihn?“– „Nun, er ist ein . . .“, Ves­ten­dorf zö­ger­te kurz, „. . . eben ein Frem­der. Au­ßer­dem soll er kürz­lich mit dem bay­ri­schen Ge­sand­ten in Streit ge­ra­ten sein.“

Denk konn­te sich nicht vor­stel­len, dass Said et­was mit dem Ver­bre­chen zu tun hat­te. Er hat­te ihn als klu­gen Mann schät­zen ge­lernt. Zu­dem gab es ge­nü­gend an­de­re, de­nen er ei­ne Tat wie die­se zu­trau­te. So auch Hanns Zel­ler, der in der Ver­gan­gen­heit mehr als ein­mal zum Wi­der­stand ge­gen die Bay­ern auf­ge­ru­fen hat­te. Was nicht ver­wun­der­te, fürch­te­te er doch um das HONIGWABE

Ernst Schmid

ist Haupt­schul­leh­rer in Linz und hat be­reits zahl­rei­che Ge­dicht­bän­de und Kri­mi­nal­ro­ma­ne ver­öf­fent­licht, zu­letzt „Das Him­mel­reich geht in die Luft“(2014, Kehr­was­ser Ver­lag). www.kri­mi­au­to­ren.at Brau­pri­vi­leg, das ihm die Habs­bur­ger ver­lie­hen hat­ten und des­sen er ver­lus­tig ge­hen wür­de, so­bald die Bay­ern wie­der das Sa­gen hat­ten.

Said wohn­te in ei­ner Hüt­te au­ßer­halb der Stadt­mau­ern. Als Denk ein­trat, ließ der Mau­re schnell ei­nen prall ge­füll­ten Ran­zen ver­schwin­den. „Willst du uns ver­las­sen?“Said schau­te ihn be­trof­fen an. „Ich er­war­te mir von den Bay­ern nichts Gu­tes, des­halb will ich mein Glück in Linz oder gar im fer­nen Wi­en ver­su­chen.“– „Hat das et­was mit der Aus­ein­an­der­set­zung zu tun, die du mit dem bay­ri­schen Ge­sand­ten hat­test?“Said zuck­te mit den Schul­tern. „Sei­ne Dro­hun­gen ha­ben si­cher den Aus­schlag ge­ge­ben, dass ich die­sen Ent­schluss ge­fasst ha­be. War­um fragst du?“– „Weil der Ge­sand­te er­mor­det wor­den ist.“– „Und nun wollt ihr mir das Ver­ge­hen in die Schu­he schie­ben, weil ich ein Frem­der bin. Aber ich ha­be nichts mit die­ser Sa­che zu tun.“

„Trotz­dem wür­de ich gern in Er­fah­rung brin­gen, wo du heu­te Nacht warst.“– „Hier. Nach An­bruch der Dun­kel­heit ist es für je­man­den wie mich nicht rat­sam, im Frei­en her­um­zu­strei­fen.“– „Gibt es da­für Zeu­gen?“Der Mau­re schüt­tel­te den Kopf.

„Ich will dir nichts Bö­ses, trotz­dem muss ich dich er­su­chen, die Stadt bis zur Klä­rung des Ver­bre­chens nicht zu ver­las­sen.“– „Da schau an!“, be­grüß­te ihn Zel­ler er­staunt, als Denk die Schen­ke be­trat. „Der Herr Ge­richts­schrei­ber! Ein Hum­pen Bier ge­fäl­lig?“

„Dan­ke, aber ich bin im Di­enst. Ihr kennt doch den Ge­sand­ten des Burg­gra­fen zu Nürn­berg?“– „Si­cher. Ein ed­ler und fei­ner Mann.“– „Das hat sich al­ler­dings vor Kur­zem noch ganz an­ders an­ge­hört. Wo­her kommt der Sin­nes­wan­del?“– „Nun, er war ges­tern bis zur Sperr­stun­de in mei­ner Schen­ke und hat die Gü­te mei­nes Biers ein ums an­de­re Mal her­vor­ge­ho­ben. Was ist mit ihm, weil Ihr fragt?“

„Er ist heu­te Nacht ge­tö­tet wor­den.“Der Wirt ver­zog zer­knirscht das Ge­sicht. „Das ist ei­ne schlech­te Nach­richt, hat er mir doch erst ges­tern ver­spro­chen, dass ich mein Bier wei­ter­hin in dem Aus­maß brau­en darf wie bis­her.“– „Ihr heg­tet al­so kei­nen Groll mehr ge­gen den Mann?“– „Ganz im Ge­gen­teil! Er war mir so­gar au­ßer­or­dent­lich dank­bar, weil ich den Se­kre­tär des Pfle­gers hoch­kant hin­aus­ge­wor­fen ha­be, nach- BUCHSTABENBUND dem die­ser ihn aufs Gröbs­te be­lei­digt hat. See­ham­mer war so in Ra­ge, dass mich nicht wun­dern wür­de, wenn er sei­nem Wi­der­sa­cher den Schä­del ein­ge­schla­gen hat. Ihr wisst selbst, dass man ihn kaum bän­di­gen kann, ist sein Blut ein­mal in Wal­lun­gen ge­ra­ten.“

Denk kann­te See­ham­mer nur zu gut. Ein Heiß­sporn und Hitz­kopf, der gern die Fäus­te spre­chen ließ, wenn er sich in sei­ner Eh­re ge­kränkt fühl­te. So­fort mach­te er sich auf den Weg zu ihm. See­ham­mer saß ge­ra­de zu Tisch und war bes­ter Din­ge. „Denk, so früh schon im Di­enst? Du soll­test dir ei­nen an­de­ren Herrn su­chen, bei dem es ein we­nig ge­mäch­li­cher zu­geht.“– „Ich hof­fe, dir ver­geht die gu­te Lau­ne nicht, wenn ich dir den Grund mei­nes Kom­mens nen­ne.“– „Da­mit ha­be ich nichts zu schaf­fen“, er­wi­der­te er, als er er­fuhr, was pas­siert war. – „Wo warst du ei­gent­lich, nach­dem dich der Wirt vor die Tür ge­setzt hat?“– „Ich bin nach Hau­se ge­gan­gen.“See­ham­mers Die­ner schau­te sei­nen Herrn ver­wun­dert an.

„Kann er das be­stä­ti­gen?“, hak­te Denk nach. Der Mann nick­te ver­un­si­chert. „Lass gut sein!“, wink­te See­ham­mer ab. „Das ist nur die hal­be Wahr­heit. Ich muss­te mein Müt­chen küh­len, des­halb ha­be ich noch die Ba­de­stu­be auf­ge­sucht. Wenn der Pfle­ger da­von er­fährt, sind mei­ne Ta­ge bei ihm ge­zählt. Du musst mir ver­spre­chen, dass du kein Wort da­von ver­lau­ten lässt. Mit dem Mord ha­be ich je­doch nichts zu schaf­fen, das schwö­re ich.“

„Herr Denk, auf­wa­chen! Wir sind fer­tig.“Denk schau­te sich ir­ri­tiert um. Plötz­lich fiel ihm wie­der ein, wo er war. Er weil­te zur Kur in Schär­ding. Er muss­te wäh­rend der Mas­sa­ge ein­ge­schla­fen sein. Das kam si­cher von dem süf­fi­gen Bier, das im Ort aus­ge­schenkt wur­de. Und ob­wohl er nur ge­träumt hat­te, wuss­te er den­noch, wer der Tä­ter war. Wen ver­däch­tigt Denk? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Ab­ge­se­hen da­von, dass die Ge­schich­te der Frau zwar lo­gisch, aber un­glaub­wür­dig klingt, wuss­te sie, dass es sich bei der Lei­che in ih­rem Au­to um ei­nen Mann han­del­te, der über­fah­ren wur­de. Das hat ihr nie­mand ge­sagt, und sie hat auch kei­nen Blick auf die Lei­che ge­wor­fen. KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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