Zeigt her eu­re Fü­ße

Sel­ten ha­ben sich Dress­codes so sehr ver­än­dert wie ge­ra­de eben. High Heels auf dem ro­ten Tep­pich oder im Bü­ro soll­ten eben­so we­nig Pflicht sein wie Kra­wat­ten.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON SA­BI­NE MEZLER-ANDELBERG

Ein Hol­ly­wood-Su­per­star bloß­fü­ßig auf ei­nem der edels­ten ro­ten Tep­pi­che des Film­ge­schäfts und ei­ne bri­ti­sche An­ge­stell­te, die ihr Recht auf fla­ches Schuh­werk am Ar­beits­platz vor dem Par­la­ment durch­set­zen will: Es tut sich ei­ni­ges in Sa­chen Dress­codes – und nach den Män­nern, die be­reits vor Jah­ren da­mit an­ge­fan­gen ha­ben, Welt­kon­zer­ne in Roll­kra­gen­pull­overn oder Ka­put­zen­pul­lis zu füh­ren, wol­len nun of­fen­bar auch die Frau­en mit ih­nen Schritt hal­ten. Im Wort­sinn.

So be­schloss die 27-jäh­ri­ge Bri­tin Ni­co­la Thorp Mit­te Mai, es nicht mehr hin­zu­neh­men, dass sie an ih­rem ers­ten Ar­beits­tag als Leih­ar­beits­kraft an der Re­zep­ti­on von Pri­ce Wa­ter­hou­se Co­o­pers in Lon­don um­ge­hend wie­der heim­ge­schickt wur­de, weil sie die Klei­der­vor­schrif­ten der Agen­tur nicht er­füll­te. Die­se hat vor­ge­schrie­ben, dass Frau­en ho­hes Schuh­werk zu tra­gen ha­ben, was Thorp nicht nur als un­be­quem, son­dern auch se­xis­tisch emp­fun­den hat, wie sie ge­gen­über der BBC er­klärt hat. Al­so hat sie ei­ne Pe­ti­ti­on für ein Ver­bot von Vor­schrif­ten ge­star­tet, die Frau­en zum Tra­gen ho­her Schu­he am Ar­beits­platz zwin­gen. 100.000 Un­ter­schrif­ten sind für ei­ne ent­spre­chen­de An­hö­rung im Par­la­ment nö­tig; die Tat­sa­che, dass Thorp in­ner­halb ei­nes Ta­ges über 140.000 ge­sam­melt hat, zeigt, wel­chen Nerv das The­ma ge­trof­fen hat.

Ers­te An­zei­chen da­für hat­te es im Vor­jahr schon ge­ge­ben, als sich Pro­mi­nen­te in Can­nes dar­über em­pört hat­ten, dass an­geb­lich zwei Frau­en der Zu­gang zum ro­ten Tep­pich ver­wehrt wor­den war, weil sie die ge­for­der­ten Stü­ckel­schu­he nicht vor­wei­sen konn­ten. Ein Vor­wurf, den die Fes­ti­val­di­rek­ti­on zwar spä­ter auf Twit­ter de­men­tier­te, was dem ent­spre­chen­den Dress­code al­ler­dings auch heu­er kei­nen Ab­bruch tat. Und Schau­spie­le­rin Ju­lia Ro­berts im Mai bei der Pre­mie­re ih­res neu­en Films „Mo­ney Mons­ter“da­zu ver­an­lass­te, sich mit­ten auf dem ro­ten Tep­pich ih­rer High Heels zu ent­le­di­gen und den Rest ih­res Wegs fröh­lich lä­chelnd bar­fuß zu­rück­zu­le­gen. Sie be­kam da­für je­de Men­ge Lob­prei­sun­gen. Von Chi­na bis Hol­ly­wood. Ganz neu ist das Kon­zept, Frau­en durch un­be­que­mes Schuh­werk zum schö­nen, aber auch lang­sa­me­ren Ge­schlecht zu ma­chen, be­kannt­lich nicht: „Das be­rühm­tes­te Volks­lied in Chi­na heißt im­mer noch ,Das Mäd­chen mit den klei­nen Fü­ßen‘“, er­in­nert Ger­hard Fröh­lich, Pro­fes­sor an der Karl-Fran­zens-Uni­ver­si­tät Graz und Spre­cher der Sek­ti­on Kul­tur­theo­rie und Kul­tur­for­schung der Ös­ter­rei­chi­schen Ge­sell­schaft für So­zio­lo­gie. „Die Ver­krüp­pe­lung, die da­mit ein­her­ging, war da­mals völ­lig egal.“Auch wenn die Klei­der­vor­schrif­ten von heu­te nicht mit der Bru­ta­li­tät der chi­ne­si­schen Tra­di­ti­on des Fü­ße­bin­dens ver­gleich­bar sind, war­nen Or­tho­pä­den doch in schö­ner Re­gel­mä­ßig­keit vor den De­for­ma­tio­nen, die durch das lang­jäh­ri­ge Tra­gen von ho­hen Ab­sät­zen aus­ge­löst wer­den; und Frau­en, die ernst­haft be­haup­ten, dass sich die schö­nen Schu­he schmerz­frei tra­gen las­sen, sind sel­ten.

Um­stän­de, die sich ei­ne wach­sen­de Zahl von Frau­en zu­min­dest dienst­lich nicht mehr vor­schrei­ben las­sen will. „Na­tür­lich gibt es Frau­en, die ein­fach gern ho­he Schu­he tra­gen“, sagt Un­ter­neh­men­s­psy­cho­lo­gin Na­ta­lia Öls­böck, „aber es ist ein gro­ßer Un­ter­schied, ob ich es tue, weil ich mich da­mit gut füh­le, oder weil ich es muss.“Und der Un­mut über be­ste­hen­de Dress­codes ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich ge­wach­sen: Be­gon­nen hat es mit den Ca­su­al Fri­days – heu­te oft nur mehr ei­ne lus­ti­ge Er­in­ne­rung an die Neun­zi­ger­jah­re – ehe Un­ter­neh­mer von App­le-Grün­der Ste­ve Jobs bis Face­book-Ma­na­ger Marc Zu­cker­berg vor­ge­lebt ha­ben, dass sich Welt­kon­zer­ne auch oh­ne An­zug füh­ren las­sen. Ein Vor­bild, das schnell Schu­le ge­macht hat – „schließ­lich ist der Mensch das nach­ah­mungs­wil­ligs­te al­ler Tie­re“, so Fröh­lich – und in­zwi­schen au­ßer­halb von Ban­ken, Be­ra­tungs­un­ter­neh­men und Rechts­an­walts­kanz­lei­en das Tra­gen von Je­ans und T-Shirts eta­bliert hat.

Das do­ku­men­tiert auch ei­nen Wan­del in der Ge­sell­schaft: „Ge­ne­rell ist Klei­dung im­mer ein Aus­druck von Kul­tur und Ge­sell­schaft, und wenn die Men­schen ih­re Ein­stel­lun­gen ver­än­dern, sieht man das auch in der Mo­de“, er­klärt Öls­böck. „Das hat sich schon mit dem Trend Norm­co­re (das Tra­gen un­auf­fäl­li­ger Unis­ex­mo­de, Anm.) ab­ge­zeich­net, mit dem man nicht mehr schrill sein oder auf­fal­len woll­te, und setzt sich jetzt fort“, so Öls­böck. Die Leu­te ha­ben die Na­se voll von Bü­ro­kra­tie und Re­geln, die kei­nen Sinn ha­ben, er­klärt die Psy­cho­lo­gin, „sie wol­len sich nicht ent­mün­di­gen las­sen, son­dern au­then­tisch sein und sich nicht vor­schrei­ben las­sen, was sie an­zie­hen sol­len.“ Das En­de des Kra­wat­ten­zwangs. Wie sen­si­bel in­ter­na­tio­nal auf sol­che Vor­schrif­ten re­agiert wird, zu­mal dann, wenn da­bei Un­ter­schie­de zwi­schen den Ge­schlech­tern sicht­bar wer­den, hat kürz­lich die „New York Ti­mes“in ei­nem Es­say zum „En­de der Bü­rodress­codes“do­ku­men­tiert. „Da hat es in jüngs­ter Zeit wirk­lich dra­ma­ti­sche Ve­rän­de­run­gen ge­ge­ben“, wird Su­san Sca­fi­di, Jus-Pro­fes­so­rin an der Ford­ham Uni­ver­si­ty und Grün­de­rin des Fa­shion Law In­sti­tut zi­tiert. Ein gu­tes Bei­spiel da­für sei­en die neu­en Richt­li­ni­en, die die Kom­mis­si­on für Men­schen­rech­te von New York Ci­ty En­de ver­gan­ge­nen Jah­res ver­öf­fent­licht hat: Da­rin sind aus­drück­lich sämt­li­che Vor­schrif­ten zu Klei­dung, Uni­for­men und Kör­per­pfle­ge ver­bo­ten, die ge­schlechts­ba­siert sind – was ei­nen Kra­wat­ten­zwang eben­so ob­so­let macht wie Vor­schrif­ten be­züg­lich der Ab­satz­hö­he und Rock­län­ge. „Wo­mit die Klei­dung nun viel­mehr der In­ter­pre­ta­ti­on des In­di­vi­du­ums un­ter­liegt als der der In­sti­tu­ti­on“, so Sca­fi­di. Fla­che Schu­he er­laubt. Und auch Ni­co­la Thorp könn­te jetzt in be­que­mem Schuh­werk an den Ort zu­rück­keh­ren, der ihr noch letz­tes Mo­nat ver­schlos­sen blieb. Nach dem öf­fent­li­chen Druck hat ih­re Zeit­ar­beits­fir­ma sich be­eilt, ih­re Vor­schrif­ten ge­schlechts­spe­zi­fisch an­zu­pas­sen: Frau­en dür­fen ab so­fort in fla­chen Schu­hen zur Ar­beit kom­men.

Der Un­mut über be­ste­hen­de Dress­codes ist zu­letzt kon­ti­nu­ier­lich ge­wach­sen. »Wenn Men­schen ih­re Ein­stel­lun­gen ver­än­dern, sieht man das auch in der Mo­de.«

Reu­ters/Yves Her­man

Bar­fuß in Can­nes. Ju­lia Ro­berts zeigt, was sie von der an­geb­li­chen Re­gel hält, dass Frau­en auf dem ro­ten Tep­pich High Heels tra­gen sol­len. Sie zog ih­re aus.

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