Fal­sches Mit­leid: Wenn Bu­ben­el­tern bed

Bu­ben wird oft vor­ge­wor­fen, dass sie wild, an­stren­gend, laut sei­en und in der Schu­le ver­sag­ten. Da­bei sei­en we­ni­ger die Bu­ben das Pro­blem als un­se­re An­nah­me, dass sie be­son­ders schwie­rig sei­en, sa­gen Ex­per­ten. Be­denk­lich sei, dass Mäd­chen die ge­sell­schaft

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON RO­SA SCHMIDT-VIERTHALER

Die Klas­sen­wan­de­rung am En­de des Schul­jah­res ge­riet zu ei­ner Kampf­zo­ne. Ei­ner klei­nen frei­lich, doch die geg­ne­ri­sche Auf­stel­lung beim ge­mein­sa­men Alm­dud­ler-Trin­ken war nicht zu ver­ken­nen. „Was ist bloß mit den Bur­schen los?“, frag­te ei­ne Mut­ter kopf­schüt­telnd. Die Kin­der der Wie­ner Volks­schul­klas­se wa­ren ge­ra­de im Wald mit Spie­len be­schäf­tigt, wie die El­tern all­ge­mein an­nah­men. Da ka­men ein­zel­ne Mäd­chen an­ge­lau­fen, den Kopf vor Zorn hoch­rot. Die Bur­schen hät­ten sie mit Stö­cken voll ek­li­gem Zeug ver­folgt. Es ha­be ei­nen bö­sen Streit zwi­schen Mäd­chen und Bur­schen ge­ge­ben. Zu­min­dest ei­ner ha­be die Ho­se her­un­ter­ge­las­sen.

„Wie­so kön­nen die nicht fried­lich spie­len?“, wun­der­ten sich die Müt­ter der Mäd­chen laut. Die Bur­schen­müt­ter, an ei­ner ech­ten Dis­kus­si­on über die­se Fra­ge of­fen­bar we­ni­ger in­ter­es­siert, wink­ten dem Kell­ner. Es sei oh­ne­hin Zeit zu zah­len. Den Heim­weg trat man ge­trennt nach Ge­schlech­tern an. Bu­ben sind Bil­dungs­ver­lie­rer. Was ist tat­säch­lich mit den Bu­ben los? Vor rund zehn Jah­ren ha­ben di­ver­se Me­di­en die „Kri­se der klei­nen Män­ner“ („Die Zeit“, 2007) aus­ge­ru­fen und ihr Schei­tern dar­ge­stellt. In den Ar­ti­keln wur­de die de­pri­mie­ren­de Fak­ten­la­ge dar­ge­bracht: Bur­schen be­schäf­ti­gen die päd­ago­gi­schen Be­ra­tungs­stel­len weit mehr als Mäd­chen, bre­chen öf­ter die Schu­le ab, ha­ben häu­fi­ger psy­chi­sche Pro­ble­me und schlech­te­re Schul­ab­schlüs­se. So ha­ben in Ös­ter­reich zu­letzt 51 Pro­zent der Mäd­chen ei­nes Jahr­gangs die Ma­tu­ra ge­macht – aber nur 36 Pro­zent der Bur­schen. Mitt­ler­wei­le müs­sen sie sich die Be­zeich­nung „Bil­dungs­ver­lie­rer“ge­fal­len las­sen.

Die Ent­wick­lung ist nicht neu, doch die Ten­denz setzt sich fort. Mitt­ler­wei­le sei ei­ne Art „self-ful­fil­ling pro­phe­cy“ein­ge­tre­ten, sagt der ös­ter­rei­chi­sche Ver­hal­ten­s­päd­ago­ge Ger­hard Spit­zer. Die Ver­hal­tens­bil­der, die den Bur­schen zu­ge­schrie­ben wer­den, er­fül­len sich al­lein da­durch, dass sie ih­nen zu­ge­schrie­ben wer­den. Ak­tu­ell wer­de aber die Bu­ben­pro­ble­ma­tik nicht mehr „nur“in Schu­len dis­ku­tiert, son­dern sei auch zu­hau­se an­ge­kom­men. Er se­he ver­un­si­cher­te El­tern: Müt­ter, die sich schon vor dem Schul­start um Nach­hil­fe küm­mern und Vä­ter, die sich aus der Er­zie­hung her­aus­hal­ten, weil sie Angst ha­ben, es falsch zu ma­chen. Spit­zer ar­bei­tet mit Fa­mi­li­en, die so­zi­al schlecht ge­stellt sind.

Nicht al­le Bu­ben sind gleich. Aber vie­le wol­len ein­fach mal se­hen, wer der Stär­ke­re ist.

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