»Das Ra­bau­ken­haf­te ge­hört bei den Jun­gen mit da­zu«

Wenn man Un­ter­schie­de zwi­schen den Ge­schlech­tern klein­re­det, kommt das Be­dürf­nis nach der Ge­schlecht­lich­keit um so stär­ker, sagt Bu­ben­for­scher Rein­hard Win­ter. Ei­ne Ba­lan­ce sei ge­fragt.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON RO­SA SCHMIDT-VIERTHALER

müs­sen bei Ge­schlech­ter­rol­len sen­si­bel sein. Dann wur­de weib­lich gut und männ­lich schlecht. Das po­la­ri­sier­te stark. Die Idee war gut, wur­de aber zu ex­trem be­trie­ben.“Nun sei man eben an ei­nem Punkt an­ge­langt, an dem Bu­ben­müt­tern Mit­leid aus­ge­spro­chen wer­de. Die teils ne­ga­ti­ve Hal­tung Bur­schen ge­gen­über sei im pri­va­ten Be­reich an­ge­kom­men.

Dass man­che Bur­schen sich nun ganz be­son­ders männ­lich ge­ben woll­ten und ei­ne Ab­wehr­re­ak­ti­on ein­ge­setzt ha­be, sei nur na­tür­lich. Sicht­bar wer­de dies et­wa da­durch, dass vie­le Bu­ben ihr Be­dürf­nis nach Männ­lich­keit in ima­gi­nä­ren Spiel­wel­ten aus­le­ben. Denn dort spielt Männ­lich­keit ei­ne zen­tra­le Rol­le, sie wird ze­le­briert. Das Glei­che gilt für Klas­sen­aus­flü­ge, bei de­nen am En­de nur die Kon­fron­ta­ti­on Mäd­chen ge­gen Bu­ben bleibt. Bu­ben brau­chen Füh­rung. Aber sind die Schwie­rig­kei­ten mit den Bur­schen le­dig­lich un­se­rer Ein­stel­lung ge­schul­det? So ein­fach ist es dann doch wie­der nicht. Vor al­lem zwei gro­ße Pro­blem­fel­der las­sen sich nicht weg­dis­ku­tie­ren: Über­mä­ßi­ger Me­di­en­kon­sum und feh­len­de Leis­tun­gen in der Schu­le ( sie­he In­ter­view). Rein­hard Win­ter rät hier vor al­lem zu ei­ner kla­ren Hal­tung. El­tern müss­ten die Füh­rung über­neh­men, Ori­en­tie­rung ge­ben und da­bei wirk­lich Durch­hal­te­ver­mö­gen zei­gen. Bu­ben bräuch­ten ten­den­zi­ell mehr Füh­rung als Mäd­chen – weil sie eben auch mehr nach Frei­heit streb­ten.

Un­be­strit­ten ist, dass Kin­der frü­her mehr Frei­heit hat­ten, mehr drau­ßen wa­ren, mehr her­um­to­ben konn­ten. Nun ist das Le­ben mit Schu­le, Nach­mit­tags­be­treu­ung und Hob­bys viel stär­ker ver­plant. Es gibt aber nicht nur we­ni­ger Zeit, son­dern auch we­ni­ger Raum. Der Be­we­gungs­ra­di­us von Kin- dern hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark ver­klei­nert. Auch wenn El­tern ih­ren Kin­dern gern zu­ge­ste­hen möch­ten, dass sie in La­cken hüp­fen und dre­ckig wer­den kön­nen – wenn man sie vor ei­nem wich­ti­gen be­ruf­li­chen Ter­min im Kin­der­gar­ten ab­lie­fern will, auf dem Weg nach Hau­se noch ein­kau­fen muss oder auf ein wich­ti­ges Te­le­fo­nat war­tet, ist das nur schwer mög­lich. Und ja, na­tür­lich lie­ße man die Bur­schen auch ein­mal rau­fen, sa­gen vie­le El­tern. Aber nicht mit Jan, des­sen El­tern so streng sind. Und auch nicht mit Ju­li­an, der im­mer so­fort zu wei­nen be­ginnt.

Der Raum, um ran­geln und rau­fen zu kön­nen, muss erst wie­der er­obert wer­den. Und das viel­leicht nicht nur für die Bur­schen. Denn auch den Mäd­chen macht das gän­gi­ge Kli­schee der stets voll funk­ti­ons­tüch­ti­gen Vor­zugs­schü­le­rin das Le­ben nicht un­be­dingt leich­ter. Ge­nau­so we­nig wie die Um­keh­rung ins al­te Kli­schee, das vor al­lem der Spiel­zeug­markt der­zeit wun­der­bar sicht­bar macht: ro­sa­ro­tes Le­go, mit dem man nicht bau­en kann, das aber häus­li­che Wel­ten hoch­le­ben lässt. Und auch für so man­che hoff­nungs­vol­le Mäd­chen­mut­ter, die Bu­ben­müt­ter un­ge­fragt be­mit­lei­det, kann sich das er­war­te­te Idyll in Luft auf­lö­sen: Zöpf­chen zu flech­ten und hüb­sche Klei­der zu kau­fen ge­fällt bei Wei­tem nicht je­dem Mäd­chen. In schmut­zi­ge La­cken zu hüp­fen schon eher. Ob die Müt­ter da­für Mit­leid be­kom­men?

Die Leh­re­rin

Bir­git Ge­gier St­ei­ner schrieb im Vor­jahr „Art­ge­rech­te Hal­tung: Es ist Zeit für ei­ne jun­gen­ge­rech­te Er­zie­hung“. Bu­ben sol­len an­stren­gend und en­er­gie­ge­la­den sein dür­fen, so die The­se. Er­schie­nen ist das Buch im Gü­ters­lo­her Ver­lags­haus. Mäd­chen sind in der Er­zie­hung ein­fa­cher, so lau­tet das Kli­schee. Was ist da dran? Rein­hard Win­ter: Der Ein­druck ent­steht, weil Mäd­chen oft be­zie­hungs­ori­en­tier­ter und ko­ope­ra­ti­ver sind und auch we­ni­ger auf­müp­fig in der Schu­le. Aber unterm Strich kann man sich ja auch dar­über freu­en, wenn Kin­der ei­ge­ne Ge­dan­ken ha­ben und die of­fen­siv ver­tre­ten. Da es bei Bur­schen dann et­was lau­ter oder rü­pel­haf­ter her­geht, fühlt sich ih­re Er­zie­hung viel­leicht manch­mal schwie­ri­ger an. In Wirk­lich­keit ist es aber gleich, wür­de ich sa­gen. Durch die De­bat­ten über die ar­men oder bö­sen Jun­gen ha­ben wir ei­nen be­stimm­ten Blick auf sie. Wenn dann ein Jun­ge im Sand­kas­ten je­man­den schubst, or­ten wir so­fort ein gro­ßes Dra­ma. „Wahr­schein­lich wird der ein­mal ge­walt­tä­tig oder kri­mi­nell oder so.“Man pro­ji­ziert viel hin­ein. Frü­her hat man in den Jun­gen noch die po­ten­zi­el­len Füh­rungs­kräf­te ge­se­hen und ih­re Durch­set­zungs­kraft ge­lobt. Die Be­wer­tung hat et­was mit dem Zeit­geist zu tun. Kin­der ha­ben im­mer we­ni­ger Frei­raum. Ist das be­son­ders für Bu­ben pro­ble­ma­tisch? In der Ten­denz ex­plo­rie­ren Jun­gen stär­ker: Sie er­kun­den Frei­räu­me, ge­hen über Gren­zen hin­aus. Au­ßer­dem gibt es ei­nen stär­ke­ren Im­puls zum Ran­geln und Rau­fen, um Kon­flik­te aus­zu­tra­gen oder her­aus­zu­fin­den, wer der Stär­ke­re ist. Und für die­se bei­den Ten­den­zen ist die Welt im­mer we­ni­ger ge­macht. Man soll im­mer über al­les re­den, hö­ren die Bur­schen. Was ja an sich gut ist, aber für Kin­der noch nicht an­ge­mes­sen. Da ge­hört das Ra­bau­ken­haf­te zu­min­dest bei ei­nem Teil der Jun­gen auch ein biss­chen mit da­zu. Wie­so un­ter­bin­den wir das? In der Be­ra­tung er­zäh­len El­tern von die­sem enor­men Druck, dass im­mer al­le funk­tio­nie­ren müs­sen, und das schlägt sich auf die Kin­der ganz dra­ma­tisch nie­der. Das Funk­tio­nie­ren setzt vor­aus, dass die Jun­gen eben kei­ne gro­ßen Kon­flik­te ein­ge­hen, dass nicht mal ei­ner mit ei­ner zer­ris­se­nen Ho­se heim­kom­men kann, weil es dann wo­mög­lich gleich bis zum Rechts­an­walt geht. Zu­min­dest muss man dau­ernd mit der Leh­re­rin te­le­fo­nie­ren. Al­so gibt es sehr vie­le un­an­ge­mes­se­ne Be­schrän­kun­gen. Am bes­ten sol­len die Kin­der im­mer sit­zen und sich ein Buch an­schau­en – aber das ist doch ei­gent­lich kei­ne schö­ne kind­li­che Le­bens­welt. Sie be­ra­ten spe­zi­ell Bu­ben und de­ren Fa­mi­li­en. Was sind die ty­pi­schen Pro­ble­me? Zwei Haupt­pro­ble­me: Schul­the­men und Me­di­en­kon­sum. Bei den Me­di­en gibt es mit den Jun­gen hef­ti­ge­re Kon­flik­te. Vor al­lem Männ­lich­keits­spie­le, et­wa Shoo­ter, üben ei­ne ex­tre­me Fas­zi­na­ti­on aus, so­dass es für die Jun­gen viel schwie­ri­ger ist, sich zu kon­trol­lie­ren. In den fol­gen­den Kon­flik­ten ge­ben El­tern oft viel zu früh auf und set­zen gar kei­ne Gren­zen mehr. Das ist für die Ent­wick­lung der Jun­gen ziem­lich fa­tal.

Ei­nen „Rat­ge­ber

für Kind­heit, Schu­le und die wil­den Jah­re“schrieb Rein­hard Win­ter 2014. In „Jun­gen brau­chen kla­re An­sa­gen“(Beltz) geht es um Frei­heits­drang und die nö­ti­gen Gren­zen so­wie Halt und Ori­en­tie­rung durch Er­zie­hung. Sie se­hen ei­ner­seits mehr Frei­heit, aber gleich­zei­tig kla­re Re­geln als Lö­sung? Man muss schau­en, ob es Be­dürf­nis­se gibt, die Bu­ben stär­ker ha­ben – auf die müs­sen wir auch ant­wor­ten. Et­wa ein Um­feld schaf­fen, in dem der stär­ke­re Im­puls in Rich­tung Be­we­gung oder Ran­geln und Rau­fen aus­ge­lebt wer­den kann. Und auf der an­de­ren Sei­te ist es auch ein in­di­rek­tes Be­dürf­nis von Jun­gen, kla­re Füh­rung zu be­kom­men, Struk­tur und Si­cher­heit zu ha­ben. In der Mi­schung von Wär­me und Ori­en­tie­rung liegt der Schlüs­sel. Bei vie­len Er­zie­hen­den, die Pro­ble­me ha­ben, fehlt et­was von die­ser Mi­schung. Ent­we­der wer­den sie kalt oder ver­lie­ren die ori­en­tie­ren­de Funk­ti­on. Bei­des kann ich fest­stel­len. Aber das Ge­schlecht steht wie­der im Fo­kus. Ich glau­be, es gibt so et­was wie ei­nen Ge­gen­im­puls aus der Ge­schlechts­neu­tra­li­sie­rung her­aus. Ich ha­be den Ein­druck, wenn man zu sehr ver­sucht, die Ge­schlech­ter zu ni­vel­lie­ren oder so zu tun, als ob es kei­nen Un­ter­schied gä­be, kommt das Be­dürf­nis viel stär­ker – al­so ei­gent­lich zu stark – in den Blick, Ge­schlecht sein zu wol­len. So geht es ja bei dem ak­tu­ell star­ken Mo­del-Trend der Mäd­chen nur dar­um, Weib­lich­keit zu ze­le­brie­ren. Das emp­fin­de ich als Re­flex auf den Ver­such, Ge­schlech­ter zu ni­vel­lie­ren. Es ist ei­ne Re­ak­ti­on auf et­was, was zwan­zig oder drei­ßig Jah­re vor­her pas­siert ist. Wie un­ter­schied­lich die Ge­schlech­ter sind, ist wei­ter­hin strit­tig? Es lässt sich auch nicht klä­ren. Denn die Ge­sell­schaft ent­wi­ckelt sich im­mer wei­ter, und die Ent­wick­lun­gen lö­sen et­was aus. Wenn et­wa nur ei­ne be­stimm­te Art von Spiel­zeug an­ge­bo­ten wird, macht das et­was mit den Kin­dern, die da­mit spie­len. Und die müs­sen das dann wie­der be­wäl­ti­gen, wenn sie selbst El­tern sind. Ge­schlecht ist ins­ge­samt ein­fach ein Pro­zess und lässt sich, mei­ne ich, nie fest­hal­ten. Aber Sie hal­ten es für kon­tra­pro­duk­tiv, das Ge­schlecht aus­zu­blen­den? Pro­fes­sio­nell hal­te ich es für sinn­voll, in ei­nem Pa­ra­dox zu ar­bei­ten. Ei­ner­seits so zu tun, als ob es kein Ge­schlecht gä­be. Das ist wich­tig, weil ich als Päd­ago­ge na­tür­lich die Kin­der nicht in Rol­len pres­sen will. Des­halb schaue ich erst ein­mal, wie die­ses Mäd­chen oder die­ser Jun­ge ganz in­di­vi­du­ell ist. Gleich­zei­tig muss ich aber auch se­hen, dass es ein­fach an man­chen Stel­len Un­ter­schie­de gibt und dar­auf pro­fes­sio­nell ein­ge­hen. Na­tür­lich ist das Ziel, dass das die Kin­der dann nicht ein­engt, son­dern ih­nen ei­nen grö­ße­ren Ho­ri­zont gibt. Ich muss al­so bei­des im Blick ha­ben. Al­lein von der Ent­wick­lungs­ge­schwin­dig­keit ist es ab­so­lut not­wen­dig, manch­mal auf das Ge­schlecht zu schau­en, weil die Sprach­ent­wick­lung von Mäd­chen ein­fach schnel­ler ist oder das Ein­stei­gen in den pu­ber­tä­ren Schub. Dann herrscht ei­ne so gro­ße Dis­kre­panz, da kann ich nicht mehr dar­über hin­weg­se­hen, dass es Un­ter­schie­de zwi­schen Mäd­chen und Jun­gen gibt. Rein­hard Win­ter (58) ist ein deut­scher Ge­schlech­ter­for­scher und Er­zie­hungs­ex­per­te mit Fo­kus auf Bu­ben. Der Päd­ago­ge ar­bei­tet seit mehr als 20 Jah­ren im ge­sam­ten deut­schen Sprach­raum in der Jun­gen­for­schung und -be­ra­tung. Er lei­tet das So­zi­al­wis­sen­schaft­li­che In­sti­tut Tü­bin­gen (SOWIT), ei­ne Uni-na­he Ein­rich­tung. Bü­cher u. a.: „Jun­gen. Ei­ne Ge­brauchs­an­wei­sung.“(Beltz, 2011), „Jun­gen brau­chen kla­re An­sa­gen.“(Beltz, 2014).

Vie­le Bur­schen le­ben ihr Be­dürf­nis nach Männ­lich­keit in ima­gi­nä­ren Spie­len aus.

An­ne-So­phie Bost / Pho­toAl­to / pic­tu­re­desk.com

Bu­ben­müt­tern wird auf dem Spiel­platz auch ein­mal un­mo­ti­viert Bei­leid aus­ge­spro­chen.

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