Das rus­si­sche Ba­bel am

Da­ges­tan gilt Żls gef´hr­li­che Ge­gen© Russ­lŻn©s – ©ie Re­puã­lik liegt Żn sei­nem RŻn©, zwi­schen Tsche­tsche­ni­en un© ©em KŻs­pi­schem Meer. At­tŻ­cken is­lŻ­mi­scher Ex­tre­mis­ten ge­hö­ren zum All­tŻg, ©Żs mul­ti­eth­ni­sche Gleich­ge­wicht ist prek´r. Die rus­si­schen Sys­temsch

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON JUT­TA SOMMERBAUER (MACHATSCHKALA)

Frei­tag kurz vor zwölf Uhr Mit­tag ge­friert für ei­nen Mo­ment die Zeit im sonst so lau­ten, hek­ti­schen Machatschkala. Der Ruf des Imam über­tönt den Au­to­ver­kehr. Ein paar Nach­züg­ler ei­len her­bei, den Ge­bets­tep­pich unterm Arm. Al­le Park­plät­ze rund um die Dschu­ma-Mo­schee sind be­legt. Im In­ne­ren spricht der Vi­ze-Imam Mo­ham­med Had­schi, ein bär­ti­ger Mann mit schwar­zem Käp­pi, von der Be­deu­tung der Ehe für gläu­bi­ge Mus­li­me. Die wei­ße Mo­schee mit ih­ren zwei Mi­na­ret­ten und meh­re­ren Kup­peln bie­tet 13.000 Gläu­bi­gen Platz. Bis auf den Vor­platz kni­en Män­ner in en­gen Rei­hen. Sie tra­gen Trai­nings­ho­sen und T-Shirts, An­zug­ho­sen und Hemd. Auch für Staats­be­diens­te­te gilt es als schick­lich, sich hier bli­cken zu las­sen. Die knapp drei Mil­lio­nen Ein­woh­ner Da­ges­tans sind mehr­heit­lich Mus­li­me.

Da­ges­tan, ei­ne rus­si­sche Teil­re­pu­blik, ist mehr als dop­pelt so groß wie Nie­der­ös­ter­reich. Sie liegt im Nord­kau­ka­sus, zwi­schen Tsche­tsche­ni­en und Kas­pi­schem Meer, ge­nau­er: an Russ­lands Rand. Die Be­völ­ke­rung spricht Rus­sisch, die Auf­schrif­ten sind in rus­si­scher Spra­che. Doch wenn die Bür­ger in Da­ges­tans Haupt­stadt, Machatschkala, über das fö­de­ra­le Zen­trum spre­chen, sa­gen sie „dort in Russ­land“, als wä­ren sie selbst gar kein Teil da­von.

In Russ­land gibt es ei­nen Be­griff für die Ex-So­wjet­re­pu­bli­ken, in de­nen man nach Ein­fluss sucht: das so­ge­nann­te na­he Aus­land. Tsche­tsche­ni­en, In­gu­sche­ti­en, Ka­bar­di­no-Bal­ka­ri­en und eben Da­ges­tan, die­se klei­nen Sub­jek­te der Fö­de­ra­ti­on, die sich an­ein­an­der­drän­gen an der Nord­sei­te des Gro­ßen Kau­ka­sus, sind das ge­naue Ge­gen­teil: Russ­lands in­ne­res Aus­land, Teil des rie­si­gen Lan­des und doch exo­tisch, fremd, wild, angst­ein­flö­ßend. Hier lie­gen je­ne Or­te, von de­nen Dich­ter wie Ler­mon­tow und Tol­stoj in ih­ren Ro­ma­nen schwärm­ten, hier wur­den seit dem 18. Jahr­hun­dert Berg­tä­ler er­obert und Berg­völ­ker ge­bän­digt: Ko­lo­nia­li­sa­ti­on als Zi­vi­li­sa­ti­on. Tau­sen­de Auf­stän­di­sche star­ben in der Ge­folg­schaft ih­res re­li­giö­sen An­füh­rers Imam Scha­mil, ge­bo­ren 1797 in Gim­ry, Da­ges­tan, und eben­so Aber­tau­sen­de za­ris­ti­sche Sol­da­ten. Auch heu­te ster­ben wie­der jun­ge Män­ner, is­la­mi­sche Ex­tre­mis­ten und rus­si­sche Spe­zi­al­ein­satz­kräf­te. Ne­ga­ti­ve Bil­der. Im Russ­land von heu­te über­wie­gen die ne­ga­ti­ven Bil­der von der Ge­birgs­re­gi­on, vom TV ins Wohn­zim­mer über­tra­gen. Der Nord­kau­ka­sus gilt als Un­ru­he­re­gi­on, als Hort von Kri­mi­nel­len, Ter­ro­ris­ten, Is­la­mis­ten. Hier bal­len sich die Pro­ble­me Russ­lands: Kor­rup­ti­on, Vet­tern­wirt­schaft, staat­li­che Will­kür, dys­funk­tio­na­le In­sti­tu­tio­nen. An der Pe­ri­phe­rie kämpft das po­li­ti­sche Zen­trum um sei­ne Macht. Ent­schei­det sich Russ­lands Schick­sal an sei­nen Rän­dern? Der Ge­dan­ke ist nicht ganz ab­we­gig. Im Viel­völ­ker­staat So­wjet­uni­on wa­ren es die eth­no­po­li­ti­schen Kon­flik­te im Süd­kau­ka­sus En­de der 1980er, die den Zer­fall be­schleu­nig­ten.

Zu­rück zur Haupt­mo­schee Machatsch­ka­las. Von hier, so viel ist si­cher, droht kei­ne Ge­fahr. In dem in den 1990er-Jah­ren von tür­ki­schen Mä­ze­na­ten er­rich­te­ten Ge­bäu­de pre­digt man ei­nen Is­lam, der nicht im Kon­flikt mit dem Ge­setz steht. Tra­di­tio­nell ist hier ein von Su­fi-Ele­men­ten ge­präg­ter Is­lam be­hei­ma­tet. In das glän­zen­de Ge­bäu­de kom­men kei­ne Wah­ha­bi­ten, wie man die Ver­tre­ter ei­nes ra­di­ka­len Is­lam hier um­gangs­sprach­lich nennt. Ih­re Mo­sche­en sind kei­ne Prunk­bau­ten, sie lie­gen ver­steckt, am Rand der Städ­te.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat Da­ges­tan Be­kannt­heit er­langt für den blu­ti­gen Kon­flikt zwi­schen Si­cher­heits­kräf­ten und is­la­mis­ti­schen Ex­tre­mis­ten. Da­ges­tan gilt als die ex­plo­sivs­te der Teil­re­pu­bli­ken im Nord­kau­ka­sus. Fast täg­lich kommt es zu Schie­ße­rei­en und im­mer wie­der zu An­schlä­gen ge­gen Si­cher­heits­kräf­te. Erst am Frei­tag star­ben bei ei­ner An­ti-Ter­ror-Ope­ra­ti­on im Sü­den sechs is­la­mis­ti­sche Kämp­fer und vier Po­li­zis­ten der Spe­zi­al­ein­heit Omon. Vor dem In­nen­mi­nis­te­ri­um, ne­ben ei­ner Ta­fel mit 50 Ge­such­ten, hat man ein Denk­mal für die ge­fal­le­nen Po­li­zis­ten er­rich­tet, Hun­der­te Na­men sind ein­gra­viert. Es ist ein blu­ti­ger Kampf, der im Vor­jahr 94 Be­waff­ne­te, 13 Si­cher­heits­kräf­te und 16 Zi­vi­lis­ten das Le­ben kos­te­te. 2015 gilt als ver­gleichs­wei­se ru­hi­ges Jahr. Wie an­de­re auch? „Uns be­trifft das nicht“, sagt Ma­do­scha ent­schie­den, wenn man sie nach der All­ge­gen­wart der Spe­zi­a­l­ope­ra­tio­nen fragt. „Wir le­ben wie an­de­re Ju­gend­li­che auch.“Nur ei­nen kur­zen Fuß­weg von der Mo­schee ent­fernt ko­pie­ren die 21-Jäh­ri­ge mit dem lan­gen brau­nen Haar und zwei Freun­din­nen Skrip­ten für die Me­di­zin­vor­le­sung. Die drei sind Teil der städ­ti­schen Ju­gend: Auf­ge­wach­sen in Machatschkala, tra­gen sie west­li­che Klei­dung, be­su­chen Ca­fes´ und das Ki­no.

Dass man den­noch schnell an Gren­zen stößt, be­kam Ma­do­schas Freun­din Ka­ri­na zu spü­ren. Als sie ihr Haar blau färb­te, ern­te­te sie ent­setz­te Bli­cke von den Pas­san­ten. „So ein knal­li­ges State­ment ist bei uns nicht üb­lich“, sagt das Mäd­chen, in de­ren blon­dem Wu­schel­kopf noch ein paar aus­ge­wa­sche­ne blaue Sträh­nen ste­cken. Be­schei­den­heit und Sitt­sam­keit wür­den vor al­lem bei Mäd­chen groß­ge­schrie­ben, er­klärt Ka­ri­na. Die Fa­mi­lie hat bei der Part­ner­wahl ein Wort mit­zu­re­den – oder be­stimmt gar den Zu­künf­ti­gen. Die­se kon­ser­va­ti­ven Wer­te ha­ben auch im 21. Jahr­hun­dert ih­re Gül­tig­keit nicht ein­ge­büßt. Doch sie be­kom­men kon­ser­va­ti­ve Kon­kur­renz: Ei­ne wach­sen­de Is­la­mi­sie­rung des All­tags ist spür­bar.

Im Ge­gen­satz zum be­nach­bar­ten Tsche­tsche­ni­en, wo Re­pu­blik-Chef Ram­san Ka­dy­row stren­ge Nor­men für ei­nen is­la­mi­schen Le­bens­stil er­las­sen hat, kann da­von in Machatschkala kei­ne Re­de sein. In die­ser schril­len Stadt ste­hen Wi­der­sprü­che ne­ben­ein­an­der, oh­ne Kommentar und Wer­tung: rus­si­sche Pop­kul­tur und Is­lam-Stars, Bier­ver­kauf und Koran-Shops, Braut­sa­lons ne­ben zwie­lich­ti­gen Sau­na-Clubs.

Die da­ges­ta­ni­sche Ju­gend ma­nö­vriert zwi­schen den Iden­ti­täts­an­ge­bo­ten, und es über­rascht, wie un­ideo­lo­gisch sie dies tut. Über die Plät­ze fla­nie­ren jun­ge Frau­en in Mi­ni­rock ne­ben ih­ren ver­hüll­ten Freun­din­nen. Bei die­sen wie­der­um ist je­des Kopf­tuch ein State­ment: Ich bin, was ich tra­ge. Der kon­ser­va­ti­ve Hi­jab be­deckt das Haar gänz­lich, das tra­di­tio­nel­le Kopf­tuch wird im Na­cken ge­bun­den, und über an­de­re Häup­ter legt sich ein fast un­sicht­ba­rer sei­di­ger Schlei­er.

Der wach­sen­de Ein­fluss des Is­lam ist auch Re­ak­ti­on auf die Ent­wur­ze­lung, die vie­le hier er­le­ben. „Berg­ler“su­chen seit dem En­de der So­wjet­uni­on ver­mehrt in den Städ­ten Ar­beit. Das Le­ben in den ab­ge­schie­de­nen Dör­fern ist hart, die Stadt ver­spricht schnel­les Geld. Da­ges­tan gilt als ei­ne der ärms­ten Re­pu­bli­ken der Rus­si­schen Fö­de­ra­ti­on, die Be­völ­ke­rung wächst ra­sant. In Machatschkala führt der un­kon­trol­lier­te Zu­zug zu Kon­flik­ten zwi­schen den Alt­ein­ge­ses­se­nen und Zu­ge­reis­ten, de­nen der Is­lam Ori­en­tie­rung ver­spricht.

Im chao­ti­schen Äu­ße­ren der Stadt spie­geln sich die­se Pro­zes­se. Ein Kran werkt ne­ben dem an­de­ren. Wohn­blö­cke ste­hen so dicht ne­ben­ein­an­der, dass kein Platz für Spiel­plät­ze bleibt. Trot­toirs ver­lau­fen im Sand. Pa­läs­te ne­ben ver­fal­le­nen Hüt­ten. Für wag­hal­si­ge Zu­bau­ten ist Machatschkala im gan­zen Land be­rüch­tigt: Turm­bau am Kas­pi­schen Meer.

Der Nor©kŻukŻ­sus gilt Żls Hort von Kri­mi­nel­len, Ter­ro­ris­ten un© Is­lŻ­mis­ten.

Pre­kä­res Pro­porz­sys­tem. Die Sinn­sprü­che am zen­tra­len Lenin­platz sol­len da­ge­gen je­den Zwei­fel über die Zu­kunft Da­ges­tans zer­streu­en. Zwi­schen so­wje­ti­schen Funk­ti­ons­bau­ten über­bie­ten sich hier Russ­lands Prä­si­dent, Wla­di­mir Pu­tin, und der als leicht ex­zen­trisch gel­ten­de Re­pu­blik-Chef Ra­ma­san Ab­du­la­ti­pow mit Lo­bes­hym­nen. „Nach­dem ich ge­se­hen ha­be, wie sie ih­ren Bo­den und Russ­land ver­tei­di­gen, ha­be ich die Da­ge­sta­ner noch mehr lieb ge­won­nen“, wird Pu­tin zi­tiert. „Ge­mein­sam mit Russ­land“, lau­tet die Ant­wort. Doch Re­gie­ren hier ist al­les an­de­re als ein­fach.

Min­des­tens 30 ver­schie­de­ne eth­ni­sche Grup­pen zählt die klei­ne Re­pu­blik. Was im All­tag mit der Ver­kehrs­spra­che Rus­sisch ge­meis­tert wird, ist bei der Macht­ver­tei­lung ei­ne de­li­ka­te An­ge­le­gen­heit. Der Kreml be­stimmt den Re­pu­bliks­chef und setzt auf das Pro­porz­sys­tem aus so­wje­ti­scher Zeit, um die An­sprü­che der Eth­ni­en zu­frie­den­zu­stel­len. Die zah­len­mä­ßig größ­ten Grup­pen, Awa­ren, Dar­gi­ner und Ku­my­ken, be­set­zen die wich­tigs­ten Pos­ten

In MŻchŻtsch­kŻlŻ ste­hen Wi©er­sprü­che kom­men­tŻr­los neãen­einŻn©er.

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